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Darum sitzen Dachdecker auf Styropor-Bergen

Entsorgungsnotstand

"Riesenproblem" und "Katastrophe", ja sogar vom "Entsorgungsnotstand" ist die Rede: Dachdecker, Baufirmen und Entsorger bleiben aktuell auf Styropor-Dämmplatten sitzen, die das Flammschutzmittel HBCD enthalten. Wir haben mit Dachdeckern in Dortmund und Entsorgern gesprochen und erklären, warum es Probleme gibt.

DORTMUND

, 13.10.2016 / Lesedauer: 3 min
Darum sitzen Dachdecker auf Styropor-Bergen

Dachdecker-Obermeister Dirk Sindermann sitzt derzeit auf Bergen von Styropor-Dämmplatten, die von Baustellen zurückkommen. Zur Zwischenlagerung hat er sogar extra zwei Garagen angemietet.

Dirk Sindermann ist Obermeister der Innung und Chef des Dortmunder Betriebs Sindermann. Wenn seine Leute auf Baustellen sind, kommen von Abbrucharbeiten auch immer Styropor-Abfälle zurück. Bislang wurden die mit anderem Schutt in der Regel als "Baumischabfall" einem Entsorger übergeben.

Seit 1. Oktober aber gilt eine vom Bundesrat beschlossene Änderung der Abfallverzeichnisverordnung: Die mit dem HBCD (Hexabromcyclododecan) versetzten Styropor-Dämmplatten, auch Polystyrol-Dämmstoffe genannt, müssen getrennt von anderem Bauschutt entsorgt werden. Bloß, sagt Sindermann: "Es gibt derzeit so gut wie keine Möglichkeit, diese Dämmstoffe zu entsorgen." Denn vielen Müllverbrennungsanlagen fehlt die Genehmigung, um die Platten gesondert zu verbrennen; Müllöfen mit Genehmigung sind überlastet.

Horrende Preise für die Entsorgung

Baubetriebe, Dachdecker, aber auch Entsorger bleiben auf dem HBCD-haltigen Material sitzen. "Ich habe zwei Garagen angemietet, wo ich meinen Styropor-Müll zwischenlagere", sagt Sindermann. Wer doch eine Verbrennungsanlage findet, die den Müll annimmt, zahle horrende Preise, sagt etwa der Dortmunder Dachdecker-Meister Michael Niemeier. Die Entsorgung einer Tonne normalen Bauschutts kostet rund 150 bis 180 Euro. Für die Entsorgung einer Tonne reiner HBCD-haltiger Styroporplatten kursieren nun Preise bis zu 6000 Euro.

Die Abfallentsorgungs-Gesellschaft Ruhrgebiet (AGR) in Herten nimmt reines, HBCD-haltiges Styropor an – allerdings insgesamt nur 40 Kubikmeter pro Woche. Weil der Aufwand für die Verbrennung dieses Sonderabfalls deutlich höher sei, sei auch "das Preisgefüge entsprechend deutlich höher", sagt AGR-Sprecher Michael Block.

Die "Entsorgungs-Katastrophe" (O-Ton Dachdecker-Innung) hat zur Folge, dass auch Dortmunder Firmen Aufträge nicht annehmen oder Baustellen ruhen lassen, weil keiner weiß, wohin mit dem Styropor-Abfall. "Da sind Arbeitsplätze in Gefahr", warnt Sindermann.

Auf Bauherren kommen höhere Kosten zu

Im Konzern der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG) nimmt die Tochter Doga Abfall von Firmen an, der in den Müllverbrennungsanlagen Hamm, Hagen und Iserlohn landet. Dort ist die EDG beteiligt. Auch die Doga nimmt derzeit keine Gewerbemengen der betroffenen Platten an, sagte EDG-Sprecherin Petra Hartmann. Die Verbrennungsanlagen hätten Kapazitätsprobleme. "Wir haben Genehmigungen für andere Verbrennungsanlagen beantragt, die aber noch ausstehen. Eine ad-hoc-Lösung gibt es aber nicht."

Auch Bauherren müssen sich daher derzeit auf höhere Kosten oder Verzögerungen einstellen. Denn entweder werden Baumaßnahmen geschoben, weil es Engpässe bei der Entsorgung von Dämmmaterial gibt. Oder aber das Material kann entsorgt werden - zu höheren Kosten, die auch der Bauherr mit trägt. 

Der Entsorgungsengpass ist kein Dortmunder, sondern ein bundesweites Problem. Firmen, Innungen und Verbände appellieren an die Politik, zu reagieren: Unter anderem, indem die Polystyrol-Dämmstoffe wieder als nicht gefährlich eingestuft werden oder mehr Verbrennungsanlagen sie verbrennen dürfen.

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Wenn Privatleute das HBCD-haltige Styropor in kleinen Mengen anliefern, nehmen die EDG-Wertstoffhöfe es noch an. "Normale" Styropor-Verpackungen etwa von Fernsehern und Computern enthalten kein Flammschutzmittel. Sie können in Dortmund nach wie vor über die Wertstofftonne entsorgt werden.

 

 

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