Darum steht eine Stele für Michael Holzach an der Emscher

Schriftsteller und Journalist

Vor 33 Jahren starb der Journalist und Schriftsteller Michael Holzach in Dorstfeld. Er ertrank, als er seinen Hund retten wollte, der in die Emscher gestürzt war. Seit Freitag steht eine Gedenkstele in Dorstfeld, die an Holzach und sein Werk erinnert. Wir waren vor Ort.

DORSTFELD

, 17.06.2016, 18:49 Uhr / Lesedauer: 3 min
Freda Heyden, Georg und Carl-Ludwig Holzach, Bezirksbürgermeister Friedrich Fuss und Silke Wilts von der Emschergenossenschaft an der neuen Gedenkstelle.

Freda Heyden, Georg und Carl-Ludwig Holzach, Bezirksbürgermeister Friedrich Fuss und Silke Wilts von der Emschergenossenschaft an der neuen Gedenkstelle.

Die kleine Gesellschaft versammelt sich am Freitagvormittag am Ufer des kleinen Flusses. Sie treffen sich an einer Stele, neben der jetzt eine Bank steht, und wollen an einen Menschen erinnern, der hier in der Nähe, anderthalb Kilometer flussab, starb. Michael Holzach hieß der Mann, der vor 33 Jahren in der Emscher ertrank.

Unter anderem seine Brüder sind gekommen, seine ehemalige Lebensgefährtin, der Bezirksbürgermeister, eine Frau von der Emschergenossenschaft. Alle gemeinsam stehen sie dort an einem Platz, wie es sie an der Emscher viele gibt: im gefühlten Niemandsland.

Der, an den sie erinnern wollen, ist auch dabei. Auf der Stele ein Schwarz-Weiß-Foto von Michael Holzach, über seine Schulter schaut ein Hund. Herr Feldmann hieß der, Holzach hatte ihn aus einem Tierheim geholt.

"Deutschland umsonst"

Es werden ein paar Worte gesprochen, erst von Silke Wilts, sie arbeitet für die Emschergenossenschaft. Wilts hat ein Buch unter dem Arm, „Deutschland umsonst“ sein Name, Holzach war der Autor. Froh sei sie, heute hier zu stehen, obwohl es kein Grund zur Freude ist, hier zu stehen. Holzach ein Denkmal zu setzen, darauf hätte die Emschergenossenschaft auch schon eher kommen können, früher jedenfalls als vor rund anderthalb Jahren.

Damals war Freda Heyden, die Partnerin von Michael Holzach, auf die Emschergenossenschaft zugegangen, es ging um einen Gedenkstätte für Holzach. „Der sich mit der Emscher beschäftigte zu einer Zeit, als sich niemand mit der Emscher beschäftigte“, sagt Wilts. Holzach und Feldmann, der Hund, haben sie erwandert, ohne Geld, aber einen Stift dürfte Holzach 1980 dabei gehabt haben.

"Nichts lässt sich je wirklich ersetzen" 

„Die Stelle hier war wichtig, weil er an ihr den Tod der Natur beklagte“, sagt Bruder Georg Holzach, und dann beginnt Freda Heyden zu sprechen. Ein paar einführende Worte, ein Zitat von Patti Smith: „Nichts lässt sich je wirklich ersetzen, keine Liebe, kein Kleinod, keine einzige Zeile“ und dann bricht kurz die Stimme von Heyden, die inzwischen alleine an der Stele steht. Die beiden Brüder eilen zu ihr, stellen sich neben ihr auf. Links neben ihr das Foto, rechts die beiden Brüder, die Ähnlichkeit zu dem Mann auf dem Bild ist auch nach Jahrzehnten noch unverkennbar. Ein Räuspern, dann hat sie sich wieder gefangen und liest aus dem Buch:

„Kein Fluss der Welt ist so abwechselnd in seiner Abscheulichkeit“, setzt sie an und die so abwechselnde Abscheulichkeit gilt ja auch für den Tod, denkt man sich.

Das sogenannte Tosbecken

Holzachs letzte Stunde sah wie folgt aus: Nach dem Erfolg seines Buches, erschienen 1982, sollte es verfilmt werden. Auf der Suche nach potenziellen Drehorten lief er verschiedene Orte ab. Unten an der Dorstfelder Allee stürzte Herr Feldmann in die Emscher. In ein sogenanntes Tosbecken, das in der Regel eine starke Unterströmung hat, in der sich eine Welle bricht.

Holzach sprang hinterher, um seinen Hund zu retten. Den Hund zog die Feuerwehr damals lebendig aus der Emscher, Holzach indes, der über die Emscher als toten Fluss geschrieben hatte, wurde an jenem 21. April 1983 tot aus ihr geborgen.

Von seinem Foto aus blickt er heute in die Weite, über die letzten gelben Häuser des Negerdorfes, dass die Menschen, die dort wohnen, auch heute noch so nennen. Dann weiter über Bäume, bis hin zur Lärmschutzwand der A40, dessen Grundrauschen sich mit dem Murmeln der Emscher und Vogelgezwitscher mischt.

Und Heyden liest:

„Die eigentliche Überraschung an dieser Emscher-Wanderung aber ist, dass ich durch das dichtest besiedelte Gebiet Europas laufe und dabei kaum Menschen begegne. Nach dem jüngsten Gericht, stelle ich mir vor, oder nach dem Inferno einer Atomkatastrophe, muss es auf der entvölkerten Erde ähnlich aussehen wie hier und jetzt. Nur dass dann die Emscher wohl bald wieder quellklar sein wird, Bussarde werden vom blauen Himmel herab die Kaninchenplage bekämpfen, auf dem dicht bewaldeten Betriebsgelände von Hoesch wird der Platzhirsch mit seinem Rudel im ersten Morgenlicht zwischen den schweigenden Fabrikruinen äsen, durch deren zerbrochene Fenster die Schwalben ein- und ausfliegen. Das Paradies auf Erden, denn der Mensch, der ärgste Feind der Natur, wird endlich verschwunden sein.“

Im Rücken ein Feld

Man blickt auf die Emscher, die mal eine einbetonierte Köttelbecke war und sich hier und jetzt wieder windet, wie ein Fluss das tun sollte. Im Rücken ein Feld, Bezirksbürgermeister Fuß erläutert, dass das Feld auch Geschichte sein wird, das Gelände wird eine Ausgleichsfläche, Wald und eine Streuobstwiese sollen hier hin.

Hirsche dürften sich nicht finden, vielleicht mal ein Reh, aber ganz bestimmt ein Bussard, wenn es den nicht heute schon gibt. Kaninchen jedenfalls sind nicht zu sehen. Herr Feldmann, der Hund, hat sein Herrchen um fünf Jahre überlebt, ehe er bei Freda Heyden an Krebs starb. „Es war schön, ihn noch bei mir gehabt zu haben“, sagt Freda Heyden.

Langsam setzt Regen ein, die Gesellschaft löst sich langsam auf. Michael Holzach, hatte der Bezirksbürgermeister vor einer halben Stunde sinngemäß gesagt, würde überdauern. „Denn die, die ein Buch geschrieben haben, leben ewig. Oder zumindest so lange, wie das Buch existiert.“

An der Stele ist ein QR-Code angebracht, wer ein Smart-Phone dabei hat, kann so weitere Bilder und Details aus dem Leben von Holzach erfahren.

Dortmund am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter Über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Lesen Sie jetzt