Das Domicil wird 50 und feiert das ausgiebig. Zugleich geht der Blick in die Zukunft. Durchaus mit Sorge, wie Programmchef Waldo Riedl und Vereinsvorsitzender Udo Wagener im Interview sagen.

Dortmund

, 27.03.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie geht das Jubiläumsjahr weiter?
Riedl: Es gibt viele Konzerte, aber es stehen nicht alle im 50 Jahre-Kontext. Außerdem knacken wir gerade noch an einer neuen Webseite, die jetzige ist 15 Jahre alt. Anfang Mai kommt das Buch, danach die Ausstellung. Und dann gehen wir in die Stadtteile.

Was wird in den Stadtteilen genau passieren?

Riedl: Wir haben eine mobile Bühne in Kooperation mit der Fachhochschule. Das ist ein Sprinter mit einer Bühne an der Seite zum Ausklappen. Wir fahren rum, klappen auf und spielen. Es wird an bestehende Events und Partner vor Ort angedockt, Stadtteilfeste, Gewerbeverein, Hafenspaziergang, Juicy Beats. Seit 15 Jahren war alles hinter der Tür hier. Deshalb war der Gedanke, dass man sich mal draußen zeigt, was zurückgibt, aber auch für das Domicil wirbt, um die Hemmschwelle zu überwinden, die manche bei Jazz haben. Vielleicht wird es noch ein paar Guerilla-Auftritte geben.

Wagener: Die Reaktion darauf war erstaunlich groß, damit habe ich nicht gerechnet.

Was ist von der Ausstellung zu erwarten?

Riedl: Am 5.9. wird die Vernissage im MKK und einem weiteren Leerstand im Brückviertel stattfinden. Den Leerstand müssen wir noch finden. Das Ganze wird in Kooperation mit der FH laufen, sie arbeitet mit dem Material, das wir vorbereitet haben.

Wagener: Wir werden im MKK etwas mehr auf die Stadtgeschichte eingehen, hier im Haus werden wir Musiker, Fotos und Plakate abbilden.

Riedl: Im Leerstand geht es um die Kunst, die Improvisation, es wird Diskussionsrunden und spontane Konzerte gebe. Ich werde mein Büro eine Woche lang ins Schaufenster verlegen.

Zieht die Aufmerksamkeit zum Jubiläum neue Leute an?
Riedl: Es geht nicht darum, dass man 50 Jahre feiert bis zum Umfallen, es ist auch ein Vehikel. Man merkt das schon im Ticketing. Wir merken, dass eine andere Generation die Konzerte wahrnimmt. Das hat es nochmal ziemlich gepusht, das wir wahrgenommen werden.

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Jubiläumsfeier in Jazzclub Domicil

Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Besucher konnten das „House of Jazz“ an der Hansastraße bei einem Rundgang mit vielen kleinen Konzerten erkunden.
17.03.2019
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Gleich zwei Gründungsmitglieder waren am Freitagabend gekommen: Albert Schimanski (3.v.l.) und Jimmy Horschler (4.v.r.) sind schon seit den 60er-Jahren im Domicil-Verein. Außerdem sind mit auf dem Foto (v.l.) zu sehen: Udo Wagener, 1. Vorsitzender, Sandra Scholtz, domicil gGmbH, Kurt Rade, stellv. Vorsitzender, Monika Färber, Kassiererin, Elke Nachtigal, Beisitzerin im Vorstand, Oberbürgermeister Ullrich Sierau, Waldo Riedl, Geschäftsführer der domicil gGmbH und Uwe Plath, Beisitzer im Vorstand.© Oskar Neubauer
Das Peter Köcke Quartett mit dem Namensgeber am Klavier featuring Jaime Moraga an den Drums spielte am Freitagabend im Studio, das dem ursprünglichen Domicil an der Leopoldstraße ähnlich ist. Bevor das Domicil zur Hansastraße zog, hatte der Verein Jazz-Musik an verschiedenen Orten in der Stadt organisiert. Übrig geblieben ist davon die Weihnachtsmatinée im Opernhaus.
Seit mehr als 14 Jahren ist der Club an der Hansastraße zuhause. Und wie nun feststeht, wird er dort mindestens noch einmal so lange bleiben- „Den Mietvertrag haben wir bis 2035 verlängert“, erzählte der 1. Vorsitzende Udo Wagener.© Oskar Neubauer
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Kontrabassist Johannes Nebel. Hier mit dem Duo "Handsome Couple", das Banjo- und Ukulele-Spieler St. Kirchoff und Drummer Simon Camatta bilden.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Kontrabassist Johannes Nebel. Hier mit Banjo- und Ukulele-Spieler St. Kirchoff vom Duo "Handsome Couple".© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Kontrabassist Johannes Nebel.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Kontrabassist Johannes Nebel.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Kontrabassist Johannes Nebel.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Florian Walter und Saxophon.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Florian Walter und Saxophon.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Florian Walter und Saxophon.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Florian Walter und Saxophon.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Moritz Anthes an der Posaune und Martin Verborg.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Moritz Anthes an der Posaune und Martin Verborg.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Moritz Anthes spielte seine Posaune im Treppenhaus.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Moritz Anthes spielte seine Posaune im Treppenhaus.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Brutzel und Bart.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Brutzel und Bart.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Brutzel und Bart.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. Hier mit Brutzel und Bart.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. "Two Men Shruti Experience" spielte Saxophon auf der Empore.© Oliver Schaper
Seinen 50. Geburtstag feierte der Jazzclub Domicil am Samstagabend mit einem „Tag der offenen Türen“. "Two Men Shruti Experience" spielte Saxophon auf der Empore.© Oliver Schaper



Wie geht’s denn dem Domicil aktuell?
Riedl: Es ist auf Kante genäht. Über das Jahr hinweg kommt man zurecht. Zwischendrin muss man immer planen und gucken. Es fehlt bei Personalkosten und Kosten für die Infrastruktur und Kosten für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt einen Lichtblick dadurch, dass die Erhöhung der Mittel für die Zentren von 1,2 Millionen Euro über drei Jahre in Aussicht gestellt wird.


Wie viele Mitarbeiter schmeißen den Betrieb?

Riedl: Wir arbeiten hier mit vier Angestellten, inklusive mir und plus einem Azubi. Vier Leute für 300 Veranstaltungen, das ist vom Personalstamm sehr eng. Viele Leute übernehmen mehrere Jobs. Man kann eben nicht mehr alles über das Ehrenamt machen. Man kann nicht sagen, man kommt um kurz vor sechs und macht das Licht an, man muss ab 9 Uhr morgens da sein. Es gibt Erwartungen aus Künstlersicht, die einfach da sind. Sie möchten am Vorabend proben und dass der Techniker dann schon da ist, dass der Flügel gestimmt ist und die Technik in Ordnung ist. Wenn da nicht einer den ganzen Tag da wäre, wäre es das totale Chaos.

Wenn Sie auf die Erhöhung blicken, die in Aussicht steht - wo müsste das Geld am dringendsten eingesetzt werden?
Wagener: Wir haben unser Augenmerk in erster Linie auf Gehälter gelegt, weil die Gehälter der Beschäftigten in den Zentren sehr, sehr niedrig sind. Man muss die Leute angemessen bezahlen. Insgesamt müsste man die Gehälter um 20 bis 30 Prozent steigern, das wäre wünschenswert.

Riedl: Wir haben geschaut, was andere zahlen, etwa Bahnhof Langendreer, Zeche Carl oder das Zakk in Düsseldorf. Da sind wir absolut Unterkante.

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Wenn jemand morgen alle Fördergelder streichen würde - würde der Betrieb dann noch funktionieren?

Wagener: In so einer Situation waren wir schon einmal. Ich bin jetzt seit elf Jahren im Vorstand. Als ich die ersten Jahre im Vorstand war und gesehen hab, wie knapp das mit dem Geld ist, habe ich mir erst gedacht: Auf was hast du dich eingelassen?

Riedl: Das habe ich auch gedacht.

Wagener: Es war nicht möglich, einen Notgroschen zur Seite zu legen. In den ersten Jahren nach dem Umzug haben wir gemerkt, dass der Zuschuss an diesem Ort langfristig nicht ausreicht. Wir sind dann zur Politik gegangen, und haben gesagt, dass wir überlegen müssen, ob wir in der City bleiben, wenn es nicht wesentlich mehr Geld gibt. Die Leute haben glücklicherweise eingesehen, dass das, was wir bekommen haben, zu wenig war. Man ist immer froh, wenn man in der Politik ein paar Leute hat, die sich anhören, was man zu sagen hat. Wenn wir es selber transportieren können, dann können wir sagen, wo uns der Schuh drückt und sind nicht darauf angewiesen, was ihnen jemand anderer über das Domicil erzählt.

Riedl: Das kann man nicht dem Schicksal überlassen, man muss selbst den Kontakt halten.

Wie sieht die Zukunft des Standortes an der Hansastraße aus?
Riedl: Weil es mit Fördermitteln des Landes umgebaut wurde, war das Gebäude 15 Jahre in der kulturellen Zweckbindung. Das wäre im Juni 2020 ausgelaufen. Wir haben mit dem Vermieter gesprochen. Es war erst etwas hakelig, aber dann schnell auf der Spur. Es hätte auch anders ausgehen können. Es gibt die Pläne, es abzureißen und hier ein Ladenlokal hinzubauen, die liegen in der Schublade, Wir haben uns auf 15 Jahre Verlängerung geeinigt. Bis 2035 ist der Laden abgesichert.


Es gibt vereinzelt Kritik älterer Vereinsmitglieder, das Domicil habe sich verändert und habe die Jazzkultur aus dem Auge verloren. Wie stehen Sie dazu?


Wagener: Wir bilden die ganze Bandbreite ab, weil wir es können durch die große Anzahl an Konzerten. Da haben alle die Möglichkeit, ihre Musik zu präsentieren, wenn sie dem Niveau entspricht, das wir im Domicil erwarten. Der Verein ist immer noch sehr aktiv im Domicil. Es gibt Gruppen, die bestimmte Aufgaben übernommen haben und in Absprache selbstständig arbeiten. Der Einlassdienst wird von Mitgliedern gemacht, sie holen Musiker vom Flughafen ab, sie verteilen Flyer. So viel wie das Domicil macht, hat es noch nie gemacht.

Riedl: Allein, was wir hier an lokalen und regionalen Projekten laufen haben. Es gibt fünf, sechs Kuratorenprogramme, von The Dorf über Jazzlab, Filou oder der Geburtstagsreihe. Da wachsen wieder neue Sachen und Impulse heraus. Das ist super, dass es passiert und so etwas gab es früher nicht.

  • Es gibt nach jetzigem Stand eine politische Mehrheit für einen noch ausstehenden Ratsbeschluss.
  • Über die nächste drei Jahre verteilt soll das „Netzwerk freie Kulturzentren“ insgesamt 1,2 Millionen Euro mehr Unterstützung bekommen.
  • Zum Netzwerk gehören die Kultuzentren Balou, Depot, Theater im Depot, Domicil, Künstlerhaus, Langer August, MUK, Roto-Theater, Fletch Bizzel und Literaturhaus Dortmund.
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