Das erste Bild ist das letzte: Fotografin schenkt Eltern Erinnerungen an ihre toten Babys

rn„Dein Sternenkind“

Bo Poomsean begleitet Eltern, deren Kind als Frühchen, während oder kurz nach der Geburt gestorben ist, ehrenamtlich mit der Kamera. Traurige Momente, die doch etwas Positives haben.

Dortmund

, 09.12.2018 / Lesedauer: 7 min

Sie ist Mutter von zwei kleinen Jungen, Krankenschwester auf der Intensivstation und Hobby-Fotografin. Bei ihrem Engagement für das ehrenamtliche Projekt „Dein Sternenkind“ fließen alle diese Aspekte zusammen.

Redakteurin Nicole Giese sprach mit der 38-jährigen Bo Poomsean über schmerzliche Situationen, Gefühle der Dankbarkeit und einen Wunsch für die Zukunft.

Vor gut einem Jahr, im November 2017, sind Sie das erste Mal als Fotografin zu einem Sternenkind gefahren. Wie haben Sie diesen Einsatz erlebt?

Erst zwei Wochen vorher hatte ich mich bei „Dein Sternenkind“ (DSK) angemeldet. Sternchen Milan Jayden starb unerwartet und ohne Vorwarnung bereits im Mutterleib. Für seine ganze Familie war das ein Schock. Alle haben sich so auf ihn gefreut.
Als Erstkontakt habe ich mit der Oma telefoniert, sie war sehr aufgelöst. Am Einleitungstag der Geburt fuhr ich ins Krankenhaus. Ich stellte mich als DSK-Fotografin vor und fragte nach der Familie. Vor dem Kreißsaal musste ich fast 40 Minuten warten. Dann machte mir die Hebamme die Tür auf. „Bitte“ sagte sie, mit skeptischem Blick. Da waren sie.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie in das Zimmer kamen?

Die Mama, Jenni, war noch im Entbindungsstuhl unter Infusion und Monitorüberwachung. David, der Papa, direkt daneben am Fußende, die Tante mit Milan Jayden auf dem Arm und die Oma. Mir kamen die Tränen, ich habe mich nicht mehr vorgestellt, sondern Jenni direkt umarmt, sie war blass und erschöpft.
David gab mir die Hand, er hatte einen hochroten Kopf. Milan Jayden begrüßte ich mit den Worten: „Hallo, Jayden“. Er war wunderschön, lag da friedlich in den Armen seiner Tante, eingewickelt in ein Handtuch. Das erinnerte mich an meine Jungs als Baby. Schnell schaute ich mich mit meinem Fotografenblick nach Licht um und besprach mit Jenni und David, was ich genau vorhabe und was sie sich eventuell wünschen.
Ich legte Milan Jayden auf die vorbereitete Decke und fotografierte ihn in zwei unterschiedlichen Positionen. Er war noch warm, die Haut fühlte sich zart und weich an. So ein kleines zierliches Wesen. Ich drehte mich zur Familie um und sah, dass alle ihren Engel einfach nur liebevoll anschauten und dabei weinten.

Wie verkraftet man das emotional?

Ich hielt meine Kamera fest, als wäre sie mein Schutzschild, mir fehlten die Worte. Ich schwieg, drehte mich zu Jayden und fotografierte ihn weiter. Ich war nicht nervös, nicht aufgeregt, nicht traurig. Ich war konzentriert und wusste genau, was ich tat. Ich strich Milan Jayden über das Gesicht und sprach mit ihm, wie mit einem gesunden Baby.

Das erste Bild ist das letzte: Fotografin schenkt Eltern Erinnerungen an ihre toten Babys

Wenn ein Kind stirbt, denkt niemand als erstes an Fotos. Die Initiative „Dein Sternenkind“ stellt deshalb ehrenamtliche Fotografen, die den Eltern Erinnerungen an diese letzten Momente mit ihrem Baby schenken. © Bo Poomsean

War dieser Einsatz ein Beispiel für den Normalfall? Kennen Sie die Geschichte des Kindes vorher nie?

In den allermeisten Fällen kenne ich die Geschichte nicht. Bei einem meiner Sternchen habe ich die Familie im Vorfeld zwei Monate begleitet. Nach dem ersten Kennenlernen hatten wir Kontakt per E-Mail. Es war klar, dass das Baby jederzeit sterben könnte. Die Mutter wollte spontan entbinden, deshalb war der Entbindungstag unklar. Aber irgendwie hatten wir Glück, dass es immer so gepasst hat, wie ich gerade Zeit hatte.
Das war wirklich kein Zufall, sondern schon fast Schicksal. Bei der Bearbeitung dieser Fotos habe ich sehr geweint. Ich habe lange gebraucht, um mir die Bilder ansehen zu können. Aber dann sieht man, das Kind ist geliebt worden, es ist nicht einfach weg.

War das Ihr bislang härtester Einsatz?

Nein. Das war direkt mein zweiter Einsatz. Margareta. Da durfte ich das Kind gar nicht anfassen. Die Mutter war in einer Extremsituation, sie war sauer, sie war wütend, der Vater konnte sie nicht berühren, ihre Körperhaltung war ganz verkrampft, eine große Wut gegen die Welt. Eine Freundin von ihr hatte mich angerufen.

Es war November, es war sehr, sehr kalt. Als ich der Mutter die Hand gegeben habe, hat sie mich weggeschubst. Ich wäre ihr zu kalt. Da bin ich erst mal wieder rausgegangen und habe eine halbe Stunde vor der Tür gewartet.

Ich habe es auch nicht persönlich genommen, weil ich wusste, dass es nicht persönlich gemeint war. Als ich gegangen bin, hat die Mama mich umarmt, mir ein Küsschen auf die Wange gegeben und gesagt, danke dir. Das war ein Erfolgserlebnis bei diesem Einsatz, in diesem Moment. Danach kamen dann auch noch mal sehr liebevolle E-Mails, in denen sie sich bedankt hat.

Das erste Bild ist das letzte: Fotografin schenkt Eltern Erinnerungen an ihre toten Babys

„Auch das Schlimme kann schöne Momente haben", sagt Fotografin Bo Poomsean. Diese hält sie für die Eltern fest. © Bo Poomsean

Was sind das für Fotos, die sich die Eltern wünschen? Wo werden die Aufnahmen gemacht?

Es ist immer unterschiedlich, je nachdem wo die Eltern in der Trauerphase gerade emotional sind. Ich mache das immer spontan, schaue, ob die Leute offen sind in dem Moment oder eher zurückhaltend. Ich sage den Eltern genau, was ich vorhabe, dass ich Fotos von dem Sternchen mache, Details von Händen und Füßen, und dann sage ich, wenn ihr das möchtet, kann ich auch Fotos mit euch machen.

Die meisten wissen gar nicht, was sie wollen, sie haben dafür keinen Kopf. Ich versuche Fotos zu machen, die die Eltern als angenehm empfinden, Fotos, die man später auch anderen zeigen kann. Wie die Eltern das Kind in der Hand halten. Ich habe auch beobachtet, dass die Mütter es sehr genießen, ihr Kind noch einmal in den Arm zu nehmen. Da kommen natürliche Instinkte durch, sie schaukeln das Kind zum Beispiel. Wenn ich darf, nehme ich das auch als Video auf.

Ist es ein stilles Arbeiten?

Ich versuche, so wenig wie möglich zu reden, man kann ja auch ohne Worte kommunizieren. Meistens durch Blicke oder dass ich die Hand festhalte. Gezielte Fragen beantworte ich natürlich. Wenn ich merke, die Mutter guckt und ist unsicher, frage ich auch zwischendurch, ob es okay ist, wenn ich das Kind hinlege, ob ich zum Beispiel die Mütze ausziehen darf für die Fotos.

Ich empfinde die Stimmung nicht als unangenehm, meistens war sie bisher entspannt. Ich komme rein, ich spreche mit dem Sternchen, ich begrüße es, lege meine Hand auf den Körper, sage Hallo und den Namen. Da merke ich schon, wie die Verspannung von den Eltern, vor allem der Mutter abfällt, wie ein Luft ablassen.

Ich würde sogar sagen, dass ich die Eltern in diesem Moment erde, so wie ich mit ihrem Kind umgehe, als wäre es ein normales Kind. Die Eltern wissen oft gar nicht, wie sie ihr Sternchen anfassen sollen, ob sie das dürfen, ob sie es bewegen können.

Das erste Bild ist das letzte: Fotografin schenkt Eltern Erinnerungen an ihre toten Babys

Für Bo Poomsean ist ihr Einsatz eine Herzensangelegenheit. Sie sagt: „Das Endergebnis ist aber Zufriedenheit, tiefste Zufriedenheit und die unbeschreibliche Dankbarkeit, die ich habe.“ © Bo Poomsean

Warum haben Sie sich für dieses Ehrenamt entschieden?

Ich habe zufällig über Facebook von „Dein Sternenkind“ erfahren, als ich schwanger war. Es hat mich, als Mutter und Fotografin, beeindruckt, dass auch das Schlimme schöne Momente haben kann. Diese festhalten und den Eltern schenken, das macht für mich „Dein Sternenkind“ aus.

Ich glaube, dass die Eltern sich nach dem Tod ihres Kindes einfach nur wünschen, dass sie nicht dadurch müssen, durch diesen Moment, dass es schnell vorbei ist. An das, was kommt, die Möglichkeit, das Kind noch einmal anzuschauen, in welcher Form auch immer, daran denken sie in diesem Moment nicht. Umso dankbarer sind sie später.

Wie haben Sie sich auf die Einsätze vorbereitet?

Erst einmal muss man das wollen. Wer sich meldet, muss sich schon vorstellen können, dass er mit einem toten Kind umgehen kann. Wie genau, diese Erfahrung muss jeder für sich machen. Im internen Forum werden wir sehr gut vorbereitet, es gibt auch Erfahrungsberichte, Tipps und Tricks, die wir nachlesen können.

Es stehen im internen Forum auch Psychologen bereit, die die Fotografen betreuen, vor allem die neuen. Meine Erfahrungen als Krankenschwester sind auch hilfreich, ich habe schon viele Menschen in Extremsituationen erlebt und kenne die emotionalen Phasen, die bei Trauer durchlaufen werden.

Das erste Bild ist das letzte: Fotografin schenkt Eltern Erinnerungen an ihre toten Babys

Die Fotos strahlen eine starke Botschaft aus: Dieses Kind ist geliebt worden, es ist nicht einfach weg. © Bo Poomsean

Hat sich durch das Ehrenamt etwas für Sie verändert?

Durch meinen Hauptberuf habe ich gelernt, in Extremsituationen ruhig zu bleiben und das Ganze logisch zu analysieren. Bei „Dein Sternenkind“ brauche ich das Logische nicht mehr, weil das Leben vorbei ist. Aber ich bin wirklich gelassener geworden, ausgeglichener, zufriedener.

Durch den Schlafmangel und das ständige „Mama-Mama“ meiner Söhne komme ich immer wieder an meine Grenzen. Aber ich bin dann einfach nur froh, dass ich dieses im Moment nervige Kind habe, das immer noch Mama ruft. Das sind Momente, in denen ich mir sage, auch das gehört dazu, auch das sind Momente, die ich später vermissen werde.

Aber für mich ist der Tod nicht viel näher als früher. Ich bin erwachsen. Es ist möglich, dass wir jederzeit, wenn wir hier rausgehen, vom Auto überfahren werden und sterben. Ich mache mir da keine Gedanken. Als Buddhistin wurde ich schon als Kind mit dem Tod konfrontiert. Man sagt uns immer, mache nur Gutes, damit du das mitnehmen kannst, wenn du nicht mehr lebst.

Aber natürlich macht mich das Erlebte zwischendurch traurig. Ich bin ja auch Mama und Mensch. Da fragt man sich schon, warum gerade die Kleinsten? Warum gibt man denen nicht die Möglichkeit, ihr Leben zu leben? Meine Antwort ist immer: Es ist so.

Wollen Sie das auf längere Sicht machen oder nur für eine gewisse Zeit, weil es so belastend ist?

Das belastet mich vielleicht in dem Moment, in dem ich die Fotos noch einmal bearbeite, dass mir noch mal die Tränen hochkommen. Das ist für mich auch ein Zeichen, dass es mir nicht egal ist, dass es mir wichtig ist, dass ich dahinter stehe. Das Endergebnis ist aber Zufriedenheit, tiefste Zufriedenheit und die unbeschreibliche Dankbarkeit, die ich habe.

Auch als Krankenschwester mache ich Sterbebegleitung, das geht mir von der Hand, es fällt mir nicht schwer. Ich werde es so lange machen, wie ich kann. Dein Sternenkind hat mich darin bestätigt, dass ich irgendwann im Hospiz arbeiten möchte.

  • Dein Sternenkind wurde Anfang 2013 durch Kai Gebel ins Leben gerufen und bietet Erinnerungsfotos als ein Geschenk für Eltern, die entweder ein bereits totes Baby auf die Welt bringen müssen oder denen der Tod des Neugeborenen unausweichlich bevorsteht.
  • Kai Gebel ist Vater von 6 erwachsenen Kindern (4 eigene und 2 Patchworker) - er ist freier Fotograf und Filmemacher. Inzwischen besteht die Initiative aus über 600 Fotografen, die kostenlos ihre Zeit für Eltern zur Verfügung stellen.
  • Sie fotografieren verstorbene Frühchen, Babys, die vor oder während der Geburt gestorben sind und Kinder, die durch den plötzlichen Kindstod verstarben.
  • Aus Dortmund sind derzeit vier Fotografen im Einsatz für Dein Sternenkind. Ihre Arbeit haben sie mittlerweile auf allen Geburtsstationen der ansässigen Krankenhäuser vorgestellt, um die Teams dort zu sensibilisieren. Allein in Dortmund gab es 2018 bis jetzt 49 Einsätze. Im Alarmkreis 15, zu dem Dortmund zählt, sind zur Zeit 64 Fotografen gelistet.
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