Im Traumhaus dieses Dortmunders wurde eine Frau getötet

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André Migdalsky lebt in seinem neuen Haus in Nette den Junggesellentraum – inklusive Oldtimer und sexy Urinal. Dass der Vorbesitzer in diesem Haus seine Tante getötet hat, stört ihn nicht.

Dortmund

, 31.01.2020, 14:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Geschichte, die sich vor rund drei Jahren im Haus von André Migdalsky zugetragen hat, hat alle Zutaten für einen Psycho-Thriller.

Ein altes, einsames Eisenbahnerhaus in Nette, dessen einzige Nachbarn die Bahnschienen sind. Das nächste Haus ist Hunderte Meter entfernt. Ein Mann wohnt mit seiner Tante in dem abgeschiedenen Bau, sein Vater soll kurz vorher verstorben sein. Zu dritt hatten sie bis dahin auf drei Etagen gewohnt, jeder in einer eigenen Wohnung.

Das Haus ist bereits über 100 Jahre alt. 1907 wurde es für Unterbeamte der Königlichen Eisenbahn gebaut.

Das Haus ist bereits über 100 Jahre alt. 1907 wurde es für Unterbeamte der Königlichen Eisenbahn gebaut. © Stephan Schütze

Dann, an einem Tag im Oktober 2016, tötet der Mann, der damals 40 Jahre alt ist, seine Tante. „Massive Gewalteinwirkungen gegen den Hals“, sind laut Staatsanwaltschaft die Todesursache. Der 40-Jährige erwürgt oder stranguliert seine Tante und ruft anschließend selbst die Polizei. Man werde in seinem Haus eine tote Frau finden, sagte er am Telefon, mehr nicht. Er wird noch am selben Tag verhaftet.

„Gewalt-Tod in einsamem Haus“ schreiben die Ruhr Nachrichten damals.

Der Täter trägt keine Schuld

Ein Gericht kommt zu dem Schluss, dass er die Tat begangen hat – erklärt ihn aber auch für schuldunfähig. Statt ins Gefängnis kommt er in ein psychiatrisches Krankenhaus. Die Richter gehen bei der Tat von Totschlag aus.

Wo andere Menschen das tragische Schicksal von zwei Menschen sahen, sah André Migdalsky auch eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit und ein großes Haus, das plötzlich leer stand.

Drei Vornamen, ein Nachname an der Klingel

Heute wohnt er in dem Haus, an dessen Haustür noch die Klingelschilder der früheren Bewohner – Vater, Sohn und Tante – angebracht sind. Drei Schilder übereinander, drei verschiedene Vornamen, ein Nachname. „Für mich war das nie ein Problem“, sagt er, auf die düstere Vergangenheit seines Hauses angesprochen.

Migdalsky sitzt dabei an seinem Küchentisch und zeigt auf eine Zimmerecke. „Hier hat die Frau damals gelegen“, sagt er. 2018 kaufte er das Haus, da war der Besitzer schon über ein Jahr in der Sicherheitsverwahrung. Kontakt hatte Migdalsky nur mit dessen Anwältin.

Der Couchtisch ist ein alter Motor, der Fernseher fährt aus der Motorhaube eines Oldtimer-Mercedes heraus. Migdalskys Liebe zu Autos ist in seinem Wohnzimmer nicht zu übersehen.

Der Couchtisch ist ein alter Motor, der Fernseher fährt aus der Motorhaube eines Oldtimer-Mercedes heraus. Migdalskys Liebe zu Autos ist in seinem Wohnzimmer nicht zu übersehen. © Stephan Schütze

Schwerer habe die Nachricht von der Vergangenheit des Hauses den Trockenbauer, den er für Renovierungsarbeiten angestellt hatte, getroffen. Immer wieder behauptete dieser, komische Geräusche im Haus zu hören – noch bevor er vom Tötungsdelikt wusste.

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Als Migdalsky dem Mann dann von dem Fall erzählte, fiel er aus allen Wolken und wollte handeln. Dessen Frau besorgte etwas Weihwasser und als er einmal allein im Haus war, segnete er alle Räume, sicher ist sicher. Migdalsky muss lachen, als er die Geschichte erzählt.

„Ich hab schon als Kind immer hier an den Bahngleisen gespielt“, erzählt er weiter. „Geile Lage!“, dachte er jedes Mal, wenn er das Haus sah. Weite Felder und viel Grün umgeben das Haus. Nur die vorbeirasenden Züge stören die Idylle in dem Haus, das zwischen drei Bahnlinien liegt.

Über ein Jahr lang war Migdalsky mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. Das Tötungsdelikt hatte keine Spuren hinterlassen, aber das Haus war zuletzt vor über 40 Jahren saniert worden. Im Oktober des letzten Jahres konnte er schließlich einziehen.

Hier grasen die Schafe aus dem Big Tipi

Allein blieb er nicht lange. Statt eines Rasenmähers schaffte er sich irgendwann eine Ziege an, die das Gras im Garten kurz halten sollte. Dann kamen drei Mini-Schweine dazu, später noch mehr Ziegen. Die Hühner holte wohl ein Bussard, da kaufte er sich stattdessen Gänse.

Den Garten teilt sich André Migdalsky mit jeder Menge tierischen Mitbewohnern. Neben Ziegen hält er auch Schafe, Gänse und Mini-Schweine.

Den Garten teilt sich André Migdalsky mit jeder Menge tierischen Mitbewohnern. Neben Ziegen hält er auch Schafe, Gänse und Mini-Schweine. © Stephan Schütze

Und als er einmal ein wenig Trödel der Vorbesitzer verkaufte, stellte sich der Käufer als Sozialarbeiter beim „Big Tipi“ im Fredenbaumpark heraus. „Wie, Sie haben Ziegen?“, sagte der zu Migdalsky . „Wir haben Schafe abzugeben!“ Seitdem wohnen auch Schafe, die vorher am Big Tipi grasten, in Migdalsky Garten.

Im Haus hat sich Migdalsky seinen Junggesellentraum geschaffen. Der Fernseher kommt aus einer Oldtimer-Motorhaube rausgefahren, eine alte Zapfsäule steht dort, wo vor drei Jahren die Frauenleiche gefunden wurde, das Pissoir auf dem Gästeklo hat Form und Farbe eines offenen Frauenmundes („Die Kerle, die bei mir vorbeikommen, sind immer begeistert.“). Und der Couchtisch besteht aus einer Glasplatte, die auf den Motor von seinem ersten Auto geschraubt wurde.

Der Motor vom ersten Auto wird zum Couchtisch

Migdalsky ist ein Sammler, für seine vier Wände ist er immer auf der Suche nach dem Besonderen. Sein Telefon ist leuchtend orange und hat noch eine Wählscheibe. Es steht auf einem alten Tresor, den er mal von einer Volksbank geschenkt bekommen hat. Der Tresor ist allerdings leer. „Ich hab nichts mehr, was ich da reintun könnte, das steckt alles in diesem Haus“, scherzt er.

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Zapfsäulen, Motorhauben und ein sexy Urinal: André Migdalsky lebt in Nette den Junggesellentraum

Ausgerechnet durch ein Tötungsdelikt fiel André Migdalsky sein Traumhaus in den Schoß. Der Sammler und Auto-Fan hat das Haus aufwendig renoviert und genau nach seinem Geschmack eingerichtet. Heute ist das Haus der Traum eines jeden Junggesellen.
29.01.2020
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Drei Mini-Schweine wohnen bei André Migdalsky im Garten: Mecker-Merlin, Fienchen und Eber Erwin. Gefunden hat er die drei auf Ebay Kleinanzeigen. © Stephan Schütze
Drei Mini-Schweine wohnen bei André Migdalsky im Garten: Mecker-Merlin, Fienchen und Eber Erwin. Gefunden hat er die drei auf Ebay Kleinanzeigen. © Stephan Schütze
In seinem Garten hält Migdalsky Gänse, Ziegen, Schafe und Schweine. © Stephan Schütze
Die Ziegen hat er sich statt eines Rasenmähers angeschafft. Sie kümmern sich darum, dass sein Rasen kurz bleibt. © Stephan Schütze
Die Ziegen hat er sich statt eines Rasenmähers angeschafft. Sie kümmern sich darum, dass sein Rasen kurz bleibt. © Stephan Schuütze
Die Ziegen hat er sich statt eines Rasenmähers angeschafft. Sie kümmern sich darum, dass sein Rasen kurz bleibt. © Stephan Schütze
2018 kaufte er Migdalsky das Zweifamilienhaus in Nette. Gebaut wurde es 1907 von der "Königlichen Eisenbahndirektion Essen".© Stephan Schütze
2018 kaufte er Migdalsky das Zweifamilienhaus in Nette. Gebaut wurde es 1907 von der "Königlichen Eisenbahndirektion Essen".© Stephan Schütze
Für sein Haus ist Migdalsky immer auf der Suche nach dem Besonderen. Das Pissoir sah er in einer Dokumentation über "Susis Show Bar", eine Hamburger Table-Dance-Bar. Daraufhin bestellte er sich das gleiche Klo bei einer niederländischen Designerin. Auch nach der Tür hat er lange gesucht. © Stephan Schütze
Die Motorhaube ist das Herzstück des Wohnzimmers. Auf Knopfdruck fahren hier Fernseher und Stereoanlage aus. Der Couchtisch besteht aus dem Motor von Migdalsky erstem Auto. © Stephan Schütze
Die Motorhaube ist das Herzstück des Wohnzimmers. Auf Knopfdruck fahren hier Fernseher und Stereoanlage aus. © Stephan Schütze
Für sein Haus ist Migdalsky immer auf der Suche nach dem Besonderen. © Stephan Schütze
Eine 200 Kilogramm schwere Panzerglasscheibe gibt den Blick vom ersten Stock ins Erdgeschoss frei. An der Wand hängt die Rückseite des Autos, dessen Motorhaube zur TV-Konsole wurde. © Stephan Schütze
Für sein Haus ist Migdalsky immer auf der Suche nach dem Besonderen. Gerade Vintage-Stücke haben es ihm angetan. © Stephan Schuetze
Für sein Haus ist Migdalsky immer auf der Suche nach dem Besonderen. Gerade Vintage-Stücke haben es ihm angetan. © Stephan Schütze
Für sein Haus ist Migdalsky immer auf der Suche nach dem Besonderen. Gerade Vintage-Stücke haben es ihm angetan. © Stephan Schütze
Der Couchtisch besteht aus dem Motor von Migdalsky erstem Auto. © Stephan Schütze
2018 kaufte er Migdalsky das Zweifamilienhaus in Nette. Gebaut wurde es 1907 von der "Königlichen Eisenbahndirektion Essen".© Stephan Schuetze

Über 100 Jahre hat das Haus schon auf dem Buckel. 1907 wurde es von der „Königlichen Eisenbahndirektion Essen“ gebaut, ein „Beamtenwohnhaus für zwei Familien“, erklärt Jürgen Utecht von der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. Zusammen mit Franz-Heinrich Veuhoff vom Mengeder Heimatverein hat er ein gutes Dutzend Dokumente in altdeutscher Schrift entschlüsselt, die Migdalsky mal vom Bauamt bekommen hat.

Darin stehen unter anderem die Anforderungen, die die „Baupolizei“ damals an die Bauherren stellte. Die Polizei war damals nämlich unter anderem dafür zuständig, dass die Abstände zwischen Plumpsklo, Jauchegrube und Trinkwasser-Brunnen eingehalten werden. Wären das mal die einzigen Probleme geblieben, die die Polizei je mit diesem Haus hatte.

So berichteten die Ruhr Nachrichten damals über die Tat:

"Gewalt-Tod in einsamem Haus" schrieben die Ruhr Nachrichten am 13. Oktober 2016, ein Tag nach der Tat.

"Gewalt-Tod in einsamem Haus" schrieben die Ruhr Nachrichten am 13. Oktober 2016, ein Tag nach der Tat. © Ruhr Nachrichten Archiv

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SO WOHNT DORTMUND

In unserer Serie So wohnt Dortmund stellen wir Dortmunder vor, die in ganz besonderen Häusern und Wohnungen leben. Erfahren Sie in der ersten Folge, wie Bert Bielefeld und Isabella Skiba in einem Haus auf einem Bunker leben. Die zweite Folge gibt Ihnen Einblicke, wie Sigrid und Peter Strege in einem alten Emscherpumpwerk wohnen.
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