Das sagen Dortmunds Bürger und Firmen zum drohenden Brexit

Abstimmung heute

Über 700 Dortmunder Briten blicken heute gebannt in ihre Heimat: Großbritannien stimmt darüber ab, ob es die EU verlässt. Vereinzelt haben britische Bürger Dortmunds aus Angst vor einem Austritt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Auch Dortmunds Unternehmen blicken mit Sorgen über den Kanal. Die Dortmunder selbst haben eine klare Meinung zum möglichen Brexit.

DORTMUND

, 23.06.2016, 02:27 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das sagen Dortmunds Bürger und Firmen zum drohenden Brexit

Im „English Shop“ ist der mögliche „Brexit“ dieser Tage reges Gesprächsthema zwischen den Kunden und den Mitarbeiterinnen Agnes Salim (l.) und Mikhaila Taubhorn.

Nein, Produkte, die eigens auf den drohenden Austritt Großbritanniens aus der EU gemünzt sind, gibt es im „The English Shop“ nicht. Aber natürlich ist der „Brexit“, über den die Briten am 23. Juni abstimmen, im Laden eingangs des Westenhellwegs ein großes Gesprächsthema. Denn hier decken sich viele in Dortmund lebende Briten mit Keksen, Baked Beans, Tee und Zeitschriften ein. 

Für den „English Shop“ selbst könnte ein Brexit Folgen haben, sagt Victoria Weatherall, Geschäftsführerin des Shops mit Stammsitz in Köln. Beim Austritt verlöre das britische Pfund wohl an Wert. „Dadurch würde der Import für uns günstiger“, sagt Weatherall, „aber dauerhaft würden wohl auch die Produkte teurer.“ Sie hofft, dass der EU-Austritt ausfällt.

Vereinzelte Anträge auf Einbürgerung

Ein Austritt hätte aber vor allem Folgen für die 739 Briten (Stand Dezember 2015), die in Dortmund wohnen. Es könnte ihr Leben komplizierter machen. Es besteht die Sorge, dass es in dem Fall künftig für Briten in der EU keine Reisefreiheit mehr geben könnte, dass sie wieder Arbeitserlaubnisse benötigen und das Abkommen zur Gesundheitsversorgung aufgekündigt wird. 

Bei der Stadt gebe es vereinzelt Anfragen von Briten, so Stadtsprecher Maximilian Löchter, die sich explizit wegen des Brexits nach einer Einbürgerung erkundigen. Für das Jahr 2015 waren es sieben Einbürgerungsanträge, die bei der Stadt gestellt wurden. In diesem Jahr sind es bereits fünf. Die Antragsteller müssen einen Einbürgerungstest bestehen.

„Eine Einbürgerung noch vor einem verwirklichten Brexit würde den Antragstellern im Wesentlichen zusichern, beide Staatsangehörigkeiten zu behalten“, erläutert Löchter. Wenn Großbritannien aber die EU verlasse und der Bundesgesetzgeber keine besondere Regelung treffe oder eine völkerrechtliche Vereinbarung existiere, wäre eine Einbürgerung wie bei Angehörigen anderer Drittstaaten nur noch unter Aufgabe der britischen Staatsangehörigkeit möglich. 

Wir haben uns auf Dortmunds Straßen umgehört, was die Dortmunder zum möglichen Brexit sagen:

Don't panic

Auch Dortmunder Firmen, die in England Geschäfte machen, blicken gespannt bis bang auf die Entscheidung. „Die Unternehmen gucken da mit Sorge hin“, sagt Wulf-Christian Ehrich, Geschäftsführer Internationales bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dortmund. 2015 wuchs das Volumen der Geschäfte zwischen Unternehmen aus NRW und Großbritannien um 14 Prozent. Der starke Handel könnte durch einen Brexit getrübt werden.

Derzeit sei aber vieles „Glaskugel-Leserei“, sagt Ehrich. Denn: Sollten die Briten die EU verlassen, gäbe es erst einmal eine etwa zweijährige Übergangszeit, in der Dinge wie Warenverkehr geregelt würden. Noch besteht für Firmen kein Grund zur Panik – don‘t panic. „Das Beispiel Schweiz zeigt, dass der zollfreie Warenverkehr funktioniert. Allerdings haben wir dort einen viel höheren Bürokratieaufwand“, so Ehrich.

„Wir haben keine Angst“

Vorkehrungen für einen Brexit könnten hiesige Unternehmen derzeit kaum treffen, meint Ehrich. So sieht es auch Hans-Jörg Hübner, Geschäftsführer der Dortmunder Gesellschaft für Gerätebau (GfG). Der Hersteller von Gasmess- und Gaswarngeräten hat einen Vertriebsstandort in London mit 20 Mitarbeitern. Die GfG treffe keine Vorkehrungen, sagt Hübner, „wir haben super Produkte, sind wettbewerbsfähig und haben keine Angst“.  Im Falle des Brexits werde die Regierung ja nicht plötzlich Zölle einführen und europäische Normen abschaffen: „Die schießen sich ja nicht selbst ins Knie.“

Auch mehr Bürokratie befürchtet Hübner nicht. Seine größte Sorge ist der Domino-Effekt: „Wenn die Briten sich gegen die EU entscheiden, könnte das die Aufforderung für andere Länder sein, sich auch so zu entscheiden.“ Es könne ein Erosionsprozess der EU drohen. Hübner ist einmal im Monat in England, weiß von Unternehmern und Meinungsführern, dass sie den Austritt nicht wollen. Er hofft, dass am 23. Juni auch die Mehrheit des Volkes so denkt. 

 

 

 

 

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