Das sagt die Schulministerin zum Unterrichtsausfall-Check

Sylvia Löhrmann im Interview

Einen ganzen Monat haben die Ruhr Nachrichten und das Recherchenetzwerk Correctiv mit Hilfe von Lehrern, Eltern und Schülern ausgefallene Unterrichtsstunden in Dortmunds Schulen gezählt. Das Ergebnis der Stichprobe: Es fällt durchaus mehr Unterricht ersatzlos aus als vom Land angegeben. Darüber haben wir mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann gesprochen.

DORTMUND

, 03.05.2017, 02:21 Uhr / Lesedauer: 6 min
Das sagt die Schulministerin zum Unterrichtsausfall-Check

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Die Schulen haben uns bei Anfragen im Zusammenhang mit dem Unterrichtsausfall-Check alle an die Bezirksregierung verwiesen. Haben sie einen Maulkorb bekommen?

Selbstverständlich nicht! Wir haben in Nordrhein-Westfalen selbstständige Schulen, die eigenverantwortlich arbeiten. Die Bezirksregierung steuert aber als obere Schulaufsicht die Versorgung der Schulen mit Lehrerstellen. Insofern ist die Reaktion der Schulen verständlich.

Wenn es aber konkrete Themen oder Fragen gibt, dann sollte doch der Schulleiter dazu Stellung nehmen, da er die Situation am besten kennt.

Schulleiterin und Schulleiter entscheiden in eigener Verantwortung, ob und wenn ja welche Auskünfte sie der Presse erteilen. Da reden wir ihnen nicht rein. In erster Linie sind sie ihrer Schulgemeinde gegenüber verantwortlich.

Wenn im Prinzip alles ok ist, wie Sie sagen, und man über alles offen reden kann, müsste man doch keine Angst haben. Warum gab es dann diese offensichtliche Scheu, sich an dem Check zu beteiligen und die spürbare Angst vor den Ergebnissen?

Ich habe nie behauptet, dass alles ok wäre. So etwas liegt mir fern. Es gibt in der heutigen Zeit aber eine Tendenz zur Skandalisierung und Dramatisierung statt zur sachbezogenen Problemlösung. Davor wollen sich Schulleiter auch schützen. Das kann ich gut verstehen. Ich rechne es Ihrer Zeitung hoch an, dass Sie selber und auch Correctiv darauf hingewiesen haben, dass sich bei einer Abfrage wie der Ihren in der Regel nur diejenigen melden, bei denen nicht alles gut läuft und Unterricht ausfällt. Aber als die Landesregierung die jüngste Unterrichtsausfallstatistik veröffentlicht hat, aus der hervorgeht, dass hochgerechnet auf das gesamte Land im Durchschnitt 1,8 Prozent des Unterrichts ersatzlos ausfällt, da ist uns und damit auch den Schulen, die daran teilgenommen haben, unterstellt worden, wir würden die Öffentlichkeit täuschen oder gar belügen.

Die Zweifel an den von Ihrem Ministerium veröffentlichten Zahlen, die an uns herangetragen wurden, waren der Ausgangspunkt für unser Projekt. Es wurden uns von Lesern viele Kommentare zugeschickt und Probleme geschildert. Wenn ein Lehrer beispielsweise eine Klasse unterrichtet und gleichzeitig in drei anderen sogenannte Nebenaufsicht führt, dann ist das nicht ideal, oder?

Natürlich, ideal ist, wenn der Unterricht nach Plan erteilt werden kann. Aber auch Lehrer werden krank. Das lässt sich nicht vorhersehen. Leider sind die Rückmeldungen, die Sie veröffentlicht haben, anonym, sodass die Schulaufsicht zu diesen Fällen nichts Konkretes sagen kann. Aber die Stunden, über die Sie hier sprechen, werden in unserer Stichprobe ebenfalls nicht als planmäßiger Unterricht gewertet, sondern als „Zusammenlegung von Lerngruppen“ extra ausgewiesen. Zur Wahrheit gehört auch, dass es Schulen gibt, an denen kein Unterricht ausfällt, weil zum Beispiel das Kollegium sehr gute Vertretungskonzepte entwickelt hat – und das sind aber keineswegs Schulen, die eine bessere Personalausstattung als andere Schulen haben.

Diesen Prozess, gute Vertretungskonzepte zu entwickeln, müssen wir noch stärker fördern. Mein Interesse ist doch, dass die 17,8 Milliarden Euro, die im Haushalt für den Schulbereich bereitstehen, auch möglichst vollständig und zielgerichtet ausgegeben werden.

Trotzdem scheint es noch nicht an allen Schulen mit der Personalbesetzung zum Besten zu stehen...

Das Schwarze-Peter-Spiel hilft nicht weiter. Wir wollen doch alle, dass die Schulen die Lehrkräfte bekommen, die sie für guten Unterricht brauchen. Es gibt aber Situationen, die nicht planbar sind – wenn beispielsweise fünf Lehrerinnen gleichzeitig schwanger werden. Ich bin davon überzeugt, dass alle Schulleitungen – genau wie ich – das Beste für ihre Schulen wollen. Natürlich gibt es Einzelfälle, bei denen die Schulaufsicht eingreifen muss. Und natürlich haben Eltern immer auch das Recht, sich direkt an die Schulleitung oder die Schulaufsicht zu wenden. Niemand will, dass sich Probleme anhäufen.

Unsere Stichprobe mit 4575 eingetragenen Stunden bei 57 teilnehmenden Schulen zeigt, dass ein großer Teil der nicht planmäßig stattfindenden Stunden (vier von zehn) offenbar ersatzlos ausfällt – anders als von Ihnen kommuniziert (1,8 Prozent ersatzloser Ausfall, 84,8 Prozent planmäßig stattfindender Unterricht, 5,8 Prozent in besonderer Form, 7,6 Prozent Vertretung). Wie erklären Sie das?

Es ist doch klar, dass unterschiedliche Verfahren mit unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen müssen. Zahlen sind wichtig, zweifellos. Noch wichtiger ist aber doch die Qualität des Unterrichts. Darum müssen wir uns kümmern. Deshalb haben wir beispielsweise gute Ideen und Konzepte zur Vermeidung von Unterrichtsausfall auf unserer Internetseite veröffentlicht, sodass andere Schulen davon lernen können. Daran müssen wir weiter arbeiten.

Wie kommt es aber zu den unterschiedlichen Ergebnissen der Erhebungen? Glauben Sie, dass Sie richtig zählen?

Sie betrachten nur den Unterricht, der nicht planmäßig stattgefunden hat. Die Landesregierung erhebt Informationen zum gesamten Unterrichtsgeschehen. Dass Ihre Ergebnisse anders ausfallen, liegt also auf der Hand. Ein Vergleich wäre unseriös, das schreiben Sie ja dankenswerterweise auch selbst in Ihrer Berichterstattung.

Wir haben bei unserer Stichprobe im Prinzip so gezählt, wie alle Landesregierungen zuvor. Mir ging es dabei vor allem um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Ab dem nächsten Schuljahr 2017/18 führen wir jetzt auf Empfehlung der Bildungskonferenz einvernehmlich das rollierende Verfahren ein, bei dem das Unterrichtsgeschehen aller Schulen der beteiligten Schulformen für zwei Wochen erfasst wird, ohne dass diese vorher wissen, wann sie an der Reihe sind. Die Schulen werden – das galt übrigens schon immer – erst nach Ablauf des Erhebungszeitraums informiert und müssen dann den Erhebungsbogen ausfüllen. Wir weiten die Erhebung also deutlich aus.

Gehen Sie davon aus, dass Sie mit dem neuen Verfahren zukünftig zu anderen Ergebnissen kommen werden?

Das weiß ich nicht. Wir wollen ein möglichst realistisches Bild erfassen. Das neue Verfahren stellt sicher, dass jede Schule einmal im Jahr an der Erhebung teilnimmt. So bekommen wir mehr Transparenz und mehr Informationen, die uns bei der Steuerung der Unterrichtsversorgung helfen.

Das heißt, Schulleiter haben keine Nachteile zu befürchten, wenn Sie Probleme melden?

Selbstverständlich nicht. Ich habe kein Interesse daran, Schulen an den Pranger zu stellen. Die Schulen stehen aber in einem gewissen Wettbewerb untereinander, das muss man bedenken. Es ist völlig in Ordnung, wenn gegenüber der Bezirksregierung oder dem Ministerium Problemanzeigen gemacht werden. Das wird auch von ihnen erwartet. Die Schulaufsicht geht der Sache dann nach und versucht zu helfen.

Wir haben festgestellt, dass das Bemühen der Schulleiter und Lehrer groß war, im Erhebungszeitraum die Meldungen zum Unterrichtsausfall möglichst gering zu halten. Es müsste aber doch im Interesse der Schulen, der Bezirksregierung und letztlich auch des Ministeriums sein, ein realistisches Bild zu erzeugen und nichts verschleiern zu lassen...

Natürlich, ich kenne kein Problem, das sich unter dem Teppich lösen ließe. Ich vertraue den Schulleiterinnen und Schulleitern. Selbstständige Schule bedeutet auch, Rechenschaft gegenüber der Schulkonferenz abzulegen. An Schulen mit einer guten Kooperationskultur entwickelt die Schulgemeinde häufig Lösungen, wenn beispielsweise ein Lehrer längere Zeit erkrankt ist. Die Schulaufsicht unterstützt sie dabei. Das Land hat die Mittel für die Beschäftigung von Vertretungslehrkräften gerade erst auf rund 60 Millionen Euro erhöht.

Woran liegt es dann, dass wir trotzdem von den Schulen immer wieder hören, sie bekämen keine Vertretungslehrer?

Wir haben im Moment durch die unvorhersehbar hohen Zuwanderungszahlen deutlich mehr Kinder in den Schulen. Das konnte niemand vorhersehen. Grundsätzlich ist die Lehrerversorgung gut, sie liegt landesweit im Durchschnitt bei gut 101 Prozent. Außerdem gibt es zusätzliche Ressourcen für die Schulen: Wir haben 4000 Stellen für individuelle Förderung und gegen Unterrichtsausfall, eine Vertretungsreserve für die Grundschule von 900 Stellen und die bereits erwähnten flexiblen Vertretungsmittel. Weil wir mehr Kinder in den Schulen haben, mussten wir zusätzliche Stellen einrichten und konnten mehr Lehrer fest einstellen. Darum gibt es im Moment weniger Vertretungslehrer.

Ganz konkret: Ist der Bedarf an neuen Lehrern aktuell zu decken?

In der Sekundarstufe I können wir den Lehrkräftebedarf der Schulen im Großen und Ganzen decken, in der Sekundarstufe II haben wir sogar einen gewissen Bewerberüberhang. Durch die Verlängerung der Grundschullehrerausbildung gibt es zurzeit erstmals einen Engpass an den Grundschulen. Deshalb haben wir die Fächer Sport, Musik, Kunst auch für den Seiteneinstieg geöffnet und Pensionäre um Unterstützung gebeten. Über 400 haben sich schon gemeldet.

Wie viele Lehrer fehlen dort?

Zu Beginn des Halbjahres konnten landesweit 350 Grundschullehrer eingestellt werden, 206 Stellen waren unbesetzt, im letzten Sommer lag die Zahl der unbesetzten Stellen noch bei 420. Insgesamt konnten an allen Schulformen in den ersten Monaten dieses Jahres schon 2500 Lehrkräfte eingestellt werden. Zum Vergleich: In den vergangenen beiden Jahren waren es zusammen rund 18 000 Lehrkräfte. Die Einstellungszahlen werden also auf hohem Niveau weiter steigen.

Und wie viele Lehrer sind gleichzeitig ausgeschieden?

In den vergangenen beiden Jahren rund 16.000. Eigentlich hätten seit 2010 aufgrund der Schülerzahlentwicklung über 10.000 Lehrerstellen abgebaut werden müssen. Dies hat die Landesregierung jedoch ganz bewusst nicht getan, sondern im Gegenteil zusätzliche Stellen geschaffen. Damit haben wir heute ein Plus von rund 18.000 Stellen, die unter anderem für kleinere Klassen, den Ganztag, die Inklusion oder auch für die Beschulung neu zugewanderter Schüler eingesetzt werden.

Ein Problem sind auch die Stunden, die eigentlich gegeben werden müssten, die aber gar nicht erst auf dem Stundenplan stehen. Diesen Unterrichtsausfall konnte auch unser Check nicht erfassen. Wie viele Stunden fallen auf diese Weise aus?

Dieser strukturellen Frage gehen wir ebenfalls systematisch nach. In der amtlichen Schulstatistik erfassen wir seit dem letzten Schuljahr, ob die Stundentafel insgesamt erfüllt wird oder nicht. Das wird jetzt jedes Jahr für alle Schulformen mit Ausnahme der Berufskollegs ausgewertet. Dadurch können wir Probleme identifizieren. Die Schulaufsicht begleitet dann die Schulen und unterstützt sie dabei, die Vorgaben der Stundentafel zu erfüllen.

Gibt es Zahlen zu der Differenz zwischen vorgeschriebenen und erteilten Stunden?

Mittlerweile schaffen es im Durchschnitt alle Schulformen bis auf die Realschulen, die Vorgaben zu erfüllen. Aber auch hier gibt es Verbesserungen. Seit dem Schuljahr 2014/15 werden zusätzliche Lehrerstellen für die bestehenden Klassen bereitgestellt, die zu einer besseren Unterrichtsversorgung beitragen.

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