Das steckt hinter den provokanten Plakaten in der Dortmunder Nordstadt

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Plakate mit provokanten Sprüchen über die Nordstadt („Da sieht‘s doch aus wie Sau“) haben zuletzt für Kontroversen gesorgt. Jetzt ist vorgestellt worden, was der Sinn dahinter ist.

Nordstadt

, 03.09.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Wohnungsunternehmen Vivawest hat am Mittwoch (2.9.) gemeinsam mit der Stadt Dortmund in die Räume von „Grünbau“ an der Unnaer Straße geladen. Hintergrund war die Vorstellung einer Imagekampagne, die mit provokanten Plakaten Ende August eingeläutet worden war.

Einige Anwohner hatten sich von plakatierten Sprüchen wie „Da willste doch nicht tot überm Zaun hängen“ oder „Da sieht‘s doch aus wie Sau“ beleidigt gefühlt. Manche befürchteten ausländerfeindliche Stimmungsmache und forderten, die Plakate zu vernichten. Andere stellten den Vorurteilen selbstbewusst in sozialen Netzwerken schöne Fotos von ihrem Wohnort am Borsigplatz entgegen.

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Imagekampagne spielt mit Vorurteilen

Die Kampagne spielt mit Vorurteilen, die eine Werbeagentur vorher bei Menschen in Dortmund abgefragt hatte. In einem Imagefilm tauchen solche Äußerungen verpixelt auf. Ehe Oberbürgermeister Ullrich Sierau in einem Videogespräch mit Nordstadt-Expertin Annette Kritzler die Stärken des Viertels Borsig-West lobt.

Karin Fuchs, Fachbereichsleiterin Marketing bei Vivawest, spricht von einer „provokanten, aber ehrlichen Kampagne“ ohne Ironie. Dass sich Menschen von den Aussagen motiviert fühlen, ihr Viertel zu verteidigen, sei genau der gewünschte Effekt gewesen. „Denn damit sich Menschen mit ihrem Wohnort identifizieren, braucht man Emotionen. Und die haben wir geweckt“, sagt Karin Fuchs.

Vivawest hat 17 Millionen Euro in das Viertel Borsig-West investiert

17 Millionen Euro hat das Gelsenkirchener Wohnungsunternehmen nach eigenen Angaben in die Modernisierung von 365 Wohnungen im Viertel Borsig-West zwischen Borsigplatz und Westfalenhütte investiert.

Weitere 500 Wohnungen mit einer Investitionssumme von 21 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren folgen. „Wir glauben an die Nordstadt“, sagt Claudia Goldenbeld, Sprecherin der Vivawest-Geschäftsführung.

Eines der modernisierten Vivawest-Häuser an der Straße Lütgenholz.

Eines der modernisierten Vivawest-Häuser an der Straße Lütgenholz. © Felix Guth

Unter anderem erhielten Häuser in den Straßen Lütgenholz, Dreherstraße und Schlosserstraße erstmals Balkone, Hauseingänge und Flure wurden modernisiert und die Außengelände verschönert. Mehrere Häuser haben nun industrie-historische Motive auf der Fassade, etwa die Westfalenhütte oder ein Bildnis und biografische Daten von Leopold Hoesch.

Für Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist das Engagement von Vivawest deshalb ein Vorbild zur Nachahmung für andere Eigentümer. „Es wird Zeit, dass dieser Blödsinn aufhört, dass Leute über die Nordstadt reden, die sie nicht kennen“, sagt Sierau. Er sieht gerade für den Bereich um den Borsigplatz großes Potenzial. „Auf dem Gelände der ehemaligen Westfalenhütte sind Tausende Arbeitsplätze entstanden. Diese Leute wollen auch in der Nähe wohnen.“

Die provokanten Sprüche werden den Borsig-West-Bewohnern in den nächsten zwei Jahren erhalten bleiben. Sie sind jetzt um Fotos ergänzt, die das genaue Gegenteil des Titelspruchs zeigen. Sie zeigen etwa ein fröhliches Nachbar-Picknick unter „Da willste nicht tot überm Zaun hängen“, eine lichtdurchflutete Wohnung unter „Da gibt‘s doch nur Bruchbuden“.

Was denken die Bewohner von Borsig-West über ihr Viertel?

PR-technisch darf man es als gelungen bezeichnen, wenn ein Unternehmen eine Modernisierung auf diesem Weg verkauft und dafür viel Aufmerksamkeit bekommt. Aber was sagen die Anwohner?

Gegensätze im Großdruck: Oben ein Vorurteil über die Nordstadt. Unten ein Bild aus dem Viertel Borsig-West, mit dem Vorurteil widerlegt werden soll.

Gegensätze im Großdruck: Oben ein Vorurteil über die Nordstadt. Unten ein Bild aus dem Viertel Borsig-West, mit dem Vorurteil widerlegt werden soll. © Felix Guth

Zumindest diejenigen, die kurz nach dem Termin zur Imagekampagne an der Straßen Lütgenholz anzutreffen sind, verlieren kein schlechtes Wort über ihr Viertel. „Nirgendwo anders ist es so schön“, sagt Gerda Geißler, die seit 16 Jahren hier wohnt.

Die Wohnungen seien „picobello“, Hausflure und Außenflächen gepflegt. „Ich habe auch schon im Süden der Innenstadt gewohnt. Da habe ich aber ganz andere Wohnungen gesehen.“

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