Wie ein weißes Segel wirkt das Sonnensegel im Westfalenpark. Die denkmalgeschützte Holzkonstruktion ist umfassend saniert worden. © Oliver Schaper
Sanierung abgeschlossen

Das „Wunder“ im Westfalenpark: So wurde das Sonnensegel gerettet

Neun Jahre war das Sonnensegel im Westfalenpark gesperrt, der Abriss drohte. Doch jetzt ist es gerettet und wieder offen. Auf dem Weg dahin gab es viele Hürden, aber auch engagierte Helfer.

Fast schon ehrfurchtsvoll blickt Sozialdezernentin Birgit Zoerner auf die Holzdecke des Sonnensegels. „Es ist ein komisches Gefühl, nach so langer Zeit wieder hier zu stehen“, stellt die für Sport und Freizeit in Dortmund zuständige Dezernentin fest.

In der Tat: Neun Jahre war der Zugang zum denkmalgeschützten Sonnensegel im Westfalenpark gesperrt. Dass er wieder möglich ist, ist einer beispiellosen Rettungsaktion zu verdanken, die jetzt erfolgreich abgeschlossen wurde.

Auftraggeber und Beteiligte der Sanierung um Prof. Philip Kurz (l.) von der Wüstenrot-Stifung und Dezernentin Birgit Zoerner (vorn Mitte) freuen sich über den Abschluss der Sanierung.
Auftraggeber und Beteiligte der Sanierung um Prof. Philip Kurz (l.) von der Wüstenrot-Stifung und Dezernentin Birgit Zoerner (vorn Mitte) freuen sich über den Abschluss der Sanierung. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Und alle Beteiligten an der Rettung sind mächtig stolz auf das vollbrachte Werk. Zu Recht. „Das Sonnensegel war ja bereits zum Abschuss freigegeben“, erinnert Professor Philip Kurz als Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung, die die Rettung mitfinanzierte. Die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Ludwigsburg kümmert sich vor allem um den Erhalt von Baudenkmälern aus der Nachkriegszeit. Und da passte das Sonnensegel ideal ins Programm.

Es war im Auftrag der Holzindustrie als Informationspavillon für die Gartenschau Euroflor 1969 im Westfalenpark nach Plänen des bekannten Architekten Günter Behnisch (Olympiapark München) gebaut worden. Leicht wie ein Segel sollte es sich über die Landschaft spannen – konstruiert als „hyperbolische Paraboldschale“, also eine doppelt gekrümmte Holzhängeschale. „Aus Ingenieurssicht ist es ein echtes Kunstwerk“, stellt Tragwerksplaner Thorsten Helbig fest, der mit dem Büro Stuttgarter Büro Knippershelbig an der Sanierung beteiligt war.

Ein Bild aus der Bauzeit des Sonnensegels 1968.
Ein Bild aus der Bauzeit des Sonnensegels 1968. © TUM © TUM

Viele Dortmunderinnen und Dortmunder verbinden vor allem schöne Erinnerungen an Westfalenpark-Besuche mit dem Sonnensegel, das nach der Euroflor lange Zeit für Theater-, Musik- und Tanzveranstaltungen genutzt wurde. „Es ist ein wirklich besonderer Ort und ein Wahrzeichen“, stellte Birgit Zorner fest.

Gutachter sahen „Totalschaden“

Doch 2012 musste das Sonnensegel aus Sicherheitsgründen gesperrt werden. Mehrere Gutachten im Auftrag der Stadt bescheinigten immense Schäden an der Holzkonstruktion und an der Statik. Von Totalschaden war die Rede, erinnert sich Denkmalpfleger Michael Holtkötter. Ein Abriss schien unvermeidbar.

Die Wende brachte die Fahrt einer Dortmunder Delegation zur Landes-Denkmalbehörde in Münster, die das Sonnensegel vorläufig unter Schutz stellte und den Kontakt zur Wüstenrot-Stiftung vermittelte. Dort erkannte man schnell den besonderen Wert des Bauwerks, gab eine Machbarkeitsstudie zum Erhalt des Bauwerks in Auftrag und stieg auch in die Finanzierung der Sanierung mit ein. Auf dieser Basis beschloss der Rat der Stadt im September 2017 die Sanierung des Sonnensegels.

Großer Sanierungsaufwand

Und die kostete reichlich Mühen und Geld. Nach langen Prüf- und Genehmigungsverfahren konnte 2019 mit der Sanierung begonnen werden, bei der dann viel Kreativität gefragt war. Man habe während des Baus viel dazugelernt, berichten die Experten. Die Holzeinschalung war so marode, dass sie weitgehend ausgetauscht werden musste.

Wie groß die Holzschäden vor allem unter der Oberfläche des Sonnensegels waren, zeigt dieses Aufnahme.
Wie groß die Holzschäden vor allem unter der Oberfläche des Sonnensegels waren, zeigt dieses Aufnahme. © Thomas Knappheide © Thomas Knappheide

Unter dem Segeldach musste ein riesiges Gerüst aufgebaut werden, um die Tragkonstruktion zu erneuern. „Wir mussten der alten Dame wieder etwas auf die Beine helfen“, erklärt Tragwerksplaner Thorsten Helbig. Komplett erneuert wurden deshalb die Stützen, die jetzt aus speziell behandeltem Accoya-Holz bestehen – ein Material, das es 1969 noch gar nicht gab. Neu sind ebenfalls die Seilzüge, die mit einer Zuglast von 290 Tonnen das Dach tragen und so gewissermaßen über dem Boden schweben lassen.

Das Luftbild zeigt, wie groß der Aufwand für die Sanierung mit Gerüst und Abdeckung der Oberfläche war.
Das Luftbild zeigt, wie groß der Aufwand für die Sanierung mit Gerüst und Abdeckung der Oberfläche war. © Hans Blossey © Hans Blossey

Weitgehend erhalten blieb die unterere Holzschicht, die man als Decke wahrnimmt, wenn man unter dem Sonnensegel steht. „Deshalb sieht man die Mühen, die es gekostet hat, dem Bauwerk nicht an“, stellt der Dortmunder Architekt Gunnar Ramsfjell fest, der mit seinem Büro HWR Architekten an der Sanierung beteiligt war.

Eine weiße Folie bildet jetzt die Oberfläche des Sonnensegels.
Eine weiße Folie bildet jetzt die Oberfläche des Sonnensegels. © HWR Architekten © HWR Architekten

Der wichtigste sichtbare Unterschied: Statt mit schwarzer Dachpappe ist die Oberfläche des Sonnensegels jetzt wieder mit einer hellen Folie verkleidet – so wie es wohl auch im Originalzustand war. Entsprechend zufrieden sind auch die Denkmalschützer. „Es wirkt jetzt wirklich wie ein weißes Segel“, stellt Dr. Christoph Heuter, Denkmalpfleger beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe fest.

Umbau für Veranstaltungen folgt

„Wir haben das Bauwerk in die Zukunft gebracht, ohne dass es wie ein Neubau aussieht“, bilanziert Philip Kurz, der von einem „Wunder der Instandsetzung“ spricht. Auch wenn die Kosten auf 2,7 Millionen Euro, von denen die Wüstenrot-Stiftung die Hälfte übernimmt, gestiegen sind, sieht er die Sanierung als „ganz großen Erfolg“. „Wir sind stolz, dass es gerettet wurde“, sagt Kurz.

Bis das Sonnensegel als Veranstaltungsort wieder voll nutzbar ist, wird aber noch einige Zeit vergehen. Denn die Fläche unter dem Holzdach wird im Sommer 2022 umgebaut. Geplant sind eine barrierefreie, angepasste Stufenanlage, die auch als Bühne genutzt werden kann, ein neuer Kiosk am bisherigen Standort und eine barrierefreie Toilettenanlage.

Ein großes Party-Programm wird es mit Blick auf die Nachbarn des Westfalenparks unter dem Sonnensegel künftig nicht mehr geben, kündigt Parkleiterin Annette Kulozik an. Kundgebungen, Gottesdienste oder andere kleinere Veranstaltungen sollen hier aber wieder eine Bühne bekommen. „Viele Menschen warten darauf, sich wieder unter dem Sonnensegel treffen zu können“, ist Dezernentin Birgit Zoerner überzeugt.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich