David Odonkor: Die Nationalelf ist eine familiäre Angelegenheit

Interview mit Ex-BVB-Star

Deutschland gegen Polen. So lautet am Donnerstag (21 Uhr) die Partie bei der Europameisterschaft in Frankreich. Vor zehn Jahren gab es diese Begegnung bei der Weltmeisterschaft in Dortmund. Ein dramatisches Spiel, der Startschuss fürs Sommermärchen. Wir haben darüber mit Ex-BVB-Spieler David Odonkor gesprochen.

DORTMUND

, 16.06.2016, 03:41 Uhr / Lesedauer: 3 min
David Odonkor: Die Nationalelf ist eine familiäre Angelegenheit

Odonkor auf Neuville - so lautete am 14. Juni 2006 die Traum-Kombination.

Deutschland gegen Polen, das ist eine Partie, die es schon öfter gegeben hat. Vor zehn Jahren etwa in Dortmund, als David Odonkor wie ein Hochgeschwindigkeitszug zu einem furiosen Sololauf startete, der das 1:0 erst möglich machte. Wir sprachen mit Odonkor über diesen Moment, ein „Wir“-Gefühl und über seine Zeit in Dortmund.

Herr Odonkor, haben Sie immer noch Ihre Straußenei-großen Waden?

Na klar. Man muss sich ja fit halten, auch wenn man nicht mehr professionell Fußball spielt. Aber wie schnell ich heute die 100 Meter laufen würde, kann ich gar nicht sagen. Nach den ganzen Operationen sind es bestimmt nicht mehr 10, 7 Sekunden, so wie damals. Die 100 Meter würde ich auch gar nicht mehr schaffen.

Aufgrund Ihrer Geschwindigkeit soll Jürgen Klinsmann damals gesagt haben: „So eine Waffe wie dich findet man nicht oft.“ Stimmt das?

Richtig. Das war ja auch die Wahrheit.

Durch Ihren Sololauf, die anschließende Flanke und das Tor von Oliver Neuville haben Sie das Sommermärchen erst richtig ausgelöst. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich sage immer: Das Team 2006 hat all das geschafft. Natürlich hat jeder Spieler seinen Beitrag dazu geleistet, dass es eine schöne WM wurde. Hätte ich nicht diese Mitspieler gehabt, hätte ich auch nicht die Flanke schlagen können. Daher kann ich nur sagen: Danke, dass ich mit so großen Spielern zusammenspielen durfte. Aber natürlich ist es etwas ganz großartiges, eine Flanke zum 1:0 im eigenen Stadion schlagen zu dürfen. Den Moment vergisst man auch nach Jahrzehnten nicht.

War das eine Initialzündung für das, was dann später geschah?

Ja, so kann man das nennen. Vorher hatte uns bereits jeder abgeschrieben. Übrigens auch schon vor der WM. Doch wir haben als Team an uns geglaubt und dann ja auch gemeinsam viel erreicht.

Haben Sie damals realisiert, was von Ihnen und der Mannschaft geschaffen worden war?

Wir haben erst im Laufe der Zeit gemerkt, was wir im positiven Sinn angerichtet haben. Das Schöne war damals, zu sehen, wie die Fans sich und uns gefeiert haben. Das könnte man sich als Teil der Mannschaft jeden Tag anschauen.

Nach der WM wechselten Sie nach Spanien zu Betis Sevilla. Dort begann dann ihr Verletzungspech.

Vorher hatte ich auch zwei Verletzungen, aber die habe ich gut überstanden. In Spanien häuften sie sich dann. Sportlich habe ich mich in Spanien nicht weiterentwickelt, aber dafür menschlich. Ich habe dort sehr gute Leute kennengelernt, für meine Lebensart, meine Familie und mich selbst war das ein wichtiger Schritt. Ich würde den Schritt nach Spanien jederzeit wieder machen. Die Stadt ist wunderschön, mein bester Freund, mit dem ich jeden Tag telefoniere, wohnt in Spanien. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich dorthin ziehen und dort mein Leben führen.

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Sie ziehen ein sehr positives Fazit. War die Entwicklung vorher, in Dortmund, eine andere?

Das kann man nicht miteinander vergleichen, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Menschen, die Kultur, das unterscheidet sich schon sehr. Für mich hat es in Spanien gefruchtet, ich habe das Leben genossen und ich würde es jederzeit wieder so machen.

Sie haben hier in Dortmund viel Zeit verbracht. Wenn ich Sie nach drei Begriffen frage, was fällt Ihnen da spontan ein?

Borussia Dortmund als erstes, mein Heimatverein. Da habe ich meine Jugend verbracht, da wurde ich Profi. Dann habe ich in Dortmund meine Ausbildung als Postbote begonnen. Und weiter verbinde ich mit der Stadt meine erste eigene Wohnung. Alles Dinge, die für mich als junger Kerl wichtig war, die die Stadt mir gegeben hat.

Heute sind Sie bei der Hammer Spielvereinigung als sportlicher Leiter tätig. Was machen Sie da gerade?

Im Moment lehne ich mich gerade ein paar Tage zurück, auch wenn man als sportlicher Leiter eigentlich keinen Urlaub hat. Ansonsten mache ich das, was ein sportlicher Leiter tun muss: Eine vernünftige Mannschaft für die neue Saison aufstellen, sportlich wie charakterlich passende Spieler dazu zu holen, um dann mit einem Auge weiter nach oben zu schauen.

Am Donnerstag wird Deutschland erneut auf Polen treffen. Was tippen Sie und was trauen Sie der Mannschaft im Turnierverlauf zu?

1:0 für Deutschland. Das deutsche Team hat sich die letzten Jahre sehr weiterentwickelt, die Spieler als auch der Trainer. Wenn sie die Vorrunde gut überstehen, warum sollten sie dann nicht, wie in den letzten Jahren auch, ins Halbfinale oder Finale vorstoßen. Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir eine Turniermannschaft sind. Warum sollte das nicht so sein?

Weiß ich auch nicht. Aber es gibt ja auch ein paar andere Mannschaften, die Qualität mitbringen.

Schon, aber wir müssen einfach auf uns achten, dass wir fit bleiben, gute Spiele abliefern, das Training richtig dossieren, dann können wir auch jeden Gegner schlagen.

Sie sagen gerade sehr oft „wir“.

Wen man einmal in der Nationalmannschaft gespielt hat, dann sagt man immer „wir“. Die Mannschaft ist eine familiäre Angelegenheit, man fühlt sich dort wohl und wird gut aufgenommen. Egal, ob man 10 Jahre dabei ist oder als Neuling dazu kommt. Es bleibt ein „wir“.

Haben Sie noch Kontakt zu den ehemaligen Mitspielern von diesem Abend im Juni 2006?

Zu den Spielern, die nicht mehr im Kader sind, natürlich.

Wo werden Sie das Spiel gegen Polen schauen? Ich nehme an, sie werden es schauen?

Ja. Aber wo, das steht noch nicht fest. Ich denke, dass ich noch nach Frankreich fahren werde, um mir das Spiel dort anzusehen. Und am nächsten Tag wieder zurück.

Der legendäre Sololauf von David Odonkor bei der WM 2006:

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