Der Krieg ist vorbei! US-Truppen nehmen Dortmunds City ein

13. April 2015

Es ist das Ende des Zweiten Weltkriegs in Dortmund: Am 13. April 1945 nimmt die US-Armee das Stadtzentrum ein. Es gibt Plünderungen in der City. Der Süden wird noch am Nachmittag trotzdem noch beschossen - diesmal aber von deutscher Artillerie. Die Chronik eines Tages, der in die Geschichtsbücher als die Befreiung Dortmunds einging.

DORTMUND

, 13.04.2015, 02:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

2 Uhr: Nach stundenlangem Artilleriebeschuss gegen letzte Volkssturm-Einheiten rücken Einheiten des 378. Regiments der 95. US-Infanteriedivison, ab 2 Uhr aus der südlichen Innenstadt ungehindert ins Stadtzentrum ein.

6.11 Uhr: „Befehl an alle: Jede Stadt und jedes Dorf sind mit allen Mitteln zu verteidigen!“ Diese Durchhalteparole prangt am 13. April auf der Titelseite der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde“.  Es ist die letzte Ausgabe des Dortmunder NS-Blattes. Die Amerikaner sind längst im Stadtzentrum.

7.10 Uhr: Doch noch nicht überall in Dortmund ist der Krieg beendet. Am frühen Morgen rücken die Amerikaner auch in Kirchhörde und Wellinghofen vor. „Sie fuhren mit ihrem Auto bei uns bis auf den Bürgersteig und nahmen da sofort einen deutschen Soldaten gefangen. Sie setzten ihn auf den Kühler und fuhren dann in Richtung Hacheney davon. Nach einer Weile kamen viele Amerikaner, die machten Haussuchungen, ob wir noch Waffen hätten. Sie haben sich ganz anständig benommen, trotzdem man uns vorher immer bange gemacht hatte. (...) An der Zeche Krone wurden einige deutsche Soldaten mit hochgehobenen Armen gefangen genommen“, berichtet ein Zeitzeuge aus Wellinghofen.

7.55 Uhr: Der städtische Dezernent Dr. Hermann Ostrop, der in der südlichen Innenstadt wohnt, macht sich wie gewohnt auf den Weg zum Befehlsbunker an der Leipziger Straße. Eine Nachbarin informiert ihn über den Einmarsch der Amerikaner. „Sie machte mich darauf aufmerksam, daß in der Markgrafenstraße die Häuser nach Waffen und wehrpflichtigen Männern durchsucht würden“, berichtet Ostrop in seinen Erinnerungen. „Ich kehrte um und legte mich noch für einige Stunden wieder zu Bett.“ 

Wieder ruhig ohne Sirenenalarm und Waffenlärm schlafen können – das ist die erste spürbare Folge der Befreiung für die meisten Dortmunder. „Endlich keine Bombenangriffe mehr, und endlich hatte das Leben in den Kellern ein Ende“, beschreibt auch ein Nordstadt-Bewohner seine Empfindungen am Tag der Befreiung. 

Dr. Hermann Ostrop, bei der Befreiung provisorischer Leiter der Dortmunder Stadtverwaltung. Foto: Stadtarchiv

9.01 Uhr: Innenstadt-Bewohner bestaunen den Aufmarsch der Amerikaner. Sie sind von der Befreiung gewissermaßen im Schlaf überrascht worden.

 „Als wir am Freitag morgen, 13.4., erwachten, wußten wir gar nicht, daß sich die wichtigsten Veränderungen für uns abgespielt hatten. Wir tranken Kaffee und machten, wie auch an Tagen des Beschusses unser Brot. Gegen 9 Uhr kam dann Herr Stolze, der uns sagte, an der Reinoldikirche und am Hansaplatz stünden die Amerikaner! Unsere Überraschung kann man sich denken. Wir hatten herrlich geschlafen und dabei war nachts um 2 Uhr der Feind eingerückt!“, berichtet ein Anwohner der Silberstraße in seinem Tagebuch. „Nun wollte ich erst mal gucken gehen. Ich stellte mich in die Trümmer von Silberstraße 32 und sah dort die Panzerkolonnen der Amerikaner. Alles war motorisiert. Die Panzer waren riesengroß. Dazwischen sah man eine ganze Reihe kleiner 'Flitzer', das sind sehr wendige kleine Autos.“

Wie die Amerikaner ihren Einmarsch in die City erlebten, zeigt ein Bericht in der Divisions-Zeitung "The Journal", gelesen von der stellvertretenden Chefredakteurin von Radio 91.2, Karin van Dyk:

10.18 Uhr: In Dorstfeld verlassen nach den Tagebuch-Berichten einer Augenzeugin die deutschen Soldaten ihre  Quartiere und Stellungen und ziehen ab. Die Amerikaner sind auch hier schon vor Ort. 

11.05 Uhr: Die Amerikaner richten ihr Hauptquartier im Stadthaus an der Olpe ein, obwohl das Verwaltungsgebäude schon seit Oktober 1944 fast völlig ausgebrannt und auch durch Sprengbomben stark beschädigt ist. Die Befehlsstelle liegt „in den ersten Zimmern links vom Haupteingang an der Olpe im Erdgeschoß“, erinnert sich Ostrop. „Die Zimmer waren völlig ausgebrannt, ohne Fenster und Fußboden, der Mörtel war von den Wänden gefallen.“

11.32 Uhr: Auch in der Nordstadt beginnen jetzt systematische Hausdurchsuchungen durch die Amerikaner. Ein früherer Luftwaffen-Helfer erinnert sich: „Erst am Mittag kamen amerikanische Soldaten und durchsuchten jedes Haus, jede Wohnung und auch die Schränke nach versteckten Wehrmachtsangehörigen und Uniformen. Meine Uniform hatte ich jedoch sehr sorgfältig versteckt. Jeder mußte sich in der Wohnung ausweisen. Wehrpass oder Soldbuch konnte ich ja nicht zeigen, uns so gab ich ihnen meinen Hoesch-Kanuvereins-Ausweis mit Lichtbild.“

12.06 Uhr: Ein Polizeioffizier holt mit mehreren US-Soldaten Dr. Hermann Ostrop zuhause ab. Mit einem Auto bringen sie ihn zum Kommandeur der 95. US-Infanteriedivision Major John A. Reilly in dessen Befehlsstelle im Stadthaus.

13.09 Uhr: Nachdem Dr. Hermann Ostrop in der Befehlsstelle von Major John A. Reilly vernommen und über die Lage informiert wurde, beauftragt ihn der US-Kommandeur mit der Weiterführung der Geschäfte des Oberbürgermeisters unter der Kontrolle der Besatzung und stellt ihm einen Ausweis als „Temporary Oberbürgermeister“ aus. Die Diensträume des Oberbürgermeisters sollen wie die der alliierten Kommandantur im Stadthaus eingerichtet, auch wenn dort nur wenige Räume notdürftig benutzbar sind.

14.23 Uhr Die erste Stadtverwaltung der Nachkriegszeit nimmt Formen an: Neben Ostrop werden weitere „unbelastete“ frühere städtische Beamte ins Stadthaus geholt. Sie sollen den US-Kommandeur über den Stand der Lebensmittelversorgung  und der Versorgungseinrichtungen in der Stadt informieren.  „Die bedeutendsten Läger wurden auf einem Stadtplan festgelegt. Major Reilly sagte sofortige Bewachung zu. Es wurden auch überall amerikanische Wachen aufgestellt, die aber dann tatsächlich nur in wenigen Fällen gegen Plünderer eingriffen. Die in Dortmund verbliebenen restlichen Teile der Schutzpolizei waren entwaffnet und machtlos“, berichtet Ostrop.

Die Schäden im Dortmund sind bei Kriegsende verheerend - hier an der Marienkirche in der City. Foto: Stadtarchiv Dortmund

15.25 Uhr: Wie in vielen Vororten kommt es nun auch im Stadtzentrum zum Plünderungen. „Es wird geplündert bei Fischer-Hettlage, bei Finis-Cafe-Restaurant, bei Holbutko und in Lägern des Südbahnhofes, sicher auch an anderen Plätzen“, berichtet ein Augenzeuge. „Alles, aber auch alles Denkbare wird gestohlen. Viel, recht viel wird vernichtet. Man kann mildernde Umstände einem Teil der Plünderer zubilligen. Ausgebombte, die alle ordentliche Bezugsscheine hatten, sind sehr oft abgewiesen worden mit dem Bemerken: 'Haben wir nicht.' Und wenn nun festgestellt wird, daß die Läger noch voll Waren, Stoffe, Kleider, Wäsche, Marmelade, Zucker, Hülsenfrüchte u.a.m. sind, kann man sich vorstellen, daß die Menschen nehmen, was gerade greifbar ist.“  

16.47 Uhr: Die Amerikaner erlassen erste Verordnungen, auch um die Plünderungen zu stoppen. Demnach dürfen Zivilpersonen bis auf Weiteres ihre Häuser nicht verlassen. „Alle Straßen stehen ausschließlich dem amerikanischen Militär zur Verfügung“, heißt es in einer am 13. April verbreiteten Bekanntmachung der US-Befehlshaber. Auch Radios oder Fotoapparate müssen abgegeben werden. 

17.03 Uhr In Syburg rollen die ersten amerikanischen Panzer ein ­- auch hier empfangen von weißen Tüchern und Fahnen an den Fenstern der Häuser.

17.31 Uhr: Einige Orte im Dortmunder Süden wie Kirchhörde liegen auch nach der Besetzung durch US-Truppen unter dem Beschuss deutscher Artillerie aus Richtung Hagen. 

18.30 Uhr: Im Stadthaus endet der erste Arbeitstag des kommissarischen Oberbürgermeisters Dr. Hermann Ostrop. In den Stunden zuvor hatte er mühsam versucht, städtische Beamte, die die bei der Reorganisation der Verwaltung helfen sollen, zu erreichen. Es wurde eine Informationskette unter den wenigen greifbaren Mitarbeitern organisiert. Zu Fuß macht sich Ostrop durch die zerstörten Straßen auf den Heimweg, wo er von seiner Familie mit großer Freude und Erleichterung empfangen wird. Sie hatten schon seine Verhaftung befürchtet.

Die völlig zerstörte Baeumerstraße in der südlichen Innenstadt. Durch solche apokalyptischen Straßenzüge geht Ostrop nach Hause. Foto: National Archives Washington

Damit beenden wir unseren heutigen historischen Liveticker zum Kriegsende in Dortmund. Morgen ab 6 Uhr zeigen wir, wie Dortmund in die Nachkriegszeit startet - mit Schüssen.

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