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Der Leierweg war in den 50er-Jahren eine No-Go-Area - heute ist das Viertel ein Buch wert

rnTremonia-Viertel

Die gleichnamige Zeche war Namenspate. Das wissen viele über das Tremonia-Viertel. Jochen Wechselberg hat weitere Details in seinem neuen Buch notiert. Diese Punkte haben ihn überrascht.

Unionviertel

, 18.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Leierweg hinter dem Kreuzviertel als heißes Pflaster. „Um Himmelswillen, das ist die Gegend, wo man besser nicht im Dunkeln hergeht“, hieß es. Schuld waren die Holzbaracken, in denen zunächst Zechenarbeiter gelebt hatten. Nach dem Krieg boten die günstigen Wohnungen in der Nähe der heutigen Schnettkerbrücke vielen Kleinkriminellen ein Zuhause. „Für meine Frau war die Straße in ihrer Jugend eine No-Go-Area“, sagt Jochen Wechselberg. Sie lebte damals im gutbürgerlichen Althoff-Block. Heute wohnt das Paar im Wohngebiet Am Tremoniabogen.

Der Leierweg war in den 50er-Jahren eine No-Go-Area - heute ist das Viertel ein Buch wert

Der ehemalige Barackenweg grenzt an das Grundstück von Jochen Wechselberg am Tremoniabogen. Von hier führt der Weg zu den Häusern auf der anderen Seite des Tremoniaparks. © Nicole Giese

Der Garten des Ehepaares grenzt an den ehemaligen Barackenweg. Heute eine grüne Verbindung zu den Neubauten auf der Rückseite des Tremoniaparks. Wechselberg, pensionierter Englisch- und Französischlehrer, hat auf 105 Seiten Fakten und Anekdoten über das Viertel aufgeschrieben. Sein Buch ist Anfang Mai im Selbstverlag erschienen. Während der schlechte Ruf des Leierwegs keine Überraschung für ihn war, hatte er nicht damit gerechnet, dass die markante Straße eine derart lange Geschichte hat. „Ich habe den Begriff bereits auf Karten aus dem 18. Jahrhundert gefunden“, sagt der Hobbyhistoriker. Der Name geht mutmaßlich auf die Bauern zurück, die früher ihr Vieh hier entlang leiteten.

Das Ruhrgebiet, wie man es sich an seiner schlimmsten Stelle vorstellte

Dieser ländliche Nutzung setzte die Schwerindustrie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ende. Ein Bild aus dem Jahr 1928, das er geschenkt bekam, ließ Jochen Wechselberg erschaudern. Zeche Tremonia, Eisenwerk, die Halde des ehemaligen Hochofens - auf der schwarz-weißen Zeichnung sieht es aus, „wie man sich das Ruhrgebiet an seiner schlimmsten Stelle vorstellt“, sagt Wechselberg. Dieses Ausmaß habe ihn geschockt. Und war für ihn der Aufhänger, mehr über das Viertel erfahren zu wollen.

Der Leierweg war in den 50er-Jahren eine No-Go-Area - heute ist das Viertel ein Buch wert

Jochen Wechselberg vor dem mutmaßlich ältesten Haus im Leierweg. © Nicole Giese

Bei seinen Recherchen fand Wechselberg heraus, dass die Besiedlung des Tremonia-Viertels deutlich früher stattfand als die der angrenzenden Innenstadt-Bereichen. Während das Kreuzviertel und der Althoffblock noch Zukunftsmusik waren, standen an der Tremoniastraße schon 1870 die ersten Wohnhäuser. Ein weiteres Novum für Wechselberg.

Auch mit der Anzahl der Menschen, die hier einmal gelebt haben, hatte Wechselberg nicht gerechnet. Er steht vor einem alten, heruntergekommenen Haus, das im Viertel nur „der Zirkus“ genannt wird. 1941 wohnten in diesem Gebäude insgesamt 66 Menschen, heute lebt hier der Künstler Norbert Denninghaus ganz allein. Ein Stück weiter die Straße hoch, lenkt Wechselberg den Blick auf ein Wohnhaus, das früher nur „Hotel Europa“ genannt wurde. In den 70er-Jahren teilten sich über 40 Bewohner den Wohnraum, die allermeisten kamen aus europäischen Nachbarländern.

Der Leierweg war in den 50er-Jahren eine No-Go-Area - heute ist das Viertel ein Buch wert

Fünf Jahre recherchierte Jochen Wechselberg für sein Buch über das Tremonia-Viertel, das Anfang Mai im Selbstverlag erschienen ist. © Nicole Giese

Nur ein paar Schritte den Berg hinunter geht es in die „Krim“, wie die Tremonia-Bewohner die Senke am Ende des Leierwegs nennen. Früher war diese Stelle eine Sackgasse, die Halbinsel im Schwarzen Meer gab ihr den Namen. Sandras kleiner „Bauernhof“ bietet hier Hühnern, Pferden, Gänsen, Ziegen und Schweinen ein Zuhause. Ländliche Idylle mitten in der Großstadt.

Der Leierweg war in den 50er-Jahren eine No-Go-Area - heute ist das Viertel ein Buch wert

Fühlt sich im Tremonia-Viertel ebenfalls zu Hause: eine Weinbergschnecke. © Nicole Giese

Ein Rückzugsort mitten in der Stadt ist auch der Tremoniapark - längst nicht so überlaufen wie sein größerer Nachbar, der Westpark. Jochen Wechselberg zeigt auf das Gebüsch am Wegesrand. „Wenn man genau hinguckt, kann man noch Reste der alten Halde erkennen“, sagt der 69-Jährige. Durch den Park geht es zurück zum Leierweg. Kurz vor der Straße kreuzt ein überraschender Bewohner des Tremonia-Viertels den Weg. „Diese Weinbergschnecke ist noch zu klein zum Mitnehmen“, sagt Wechselberg schmunzelnd. Er ist Historiker. Aber auch Gourmet.

Das Buch kostet 10 Euro. Es ist bei Jochen Wechselberg persönlich (jwechselberg@web.de), im Getränkeparadies, Tremoniastraße 24-26, in der Garten-Gaststätte Tremonia und am Kiosk Kilic am Ende der Kreuzstraße erhältlich.
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