Der Verein „Kulturpott Ruhr“ verschenkt Karten an Menschen mit geringem Einkommen

Soziale Teilhabe

Ein Konzertbesuch, Theaterkarten oder ein BVB-Spiel im Stadion: Das alles kostet Geld. Ein Verein will nun Menschen mit geringem Einkommen ermöglichen, trotzdem in das Vergnügen zu kommen.

Dortmund

von Johanna Eller

, 01.01.2019, 05:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur“ ist das Motto des gemeinnützigen, ehrenamtlichen und von Spenden getragenen Vereins „Kulturpott Ruhr“. Der Verein existiert seit 2010 und hat seinen Hauptsitz in Gelsenkirchen. Er fördert die Teilhabe am kulturellen Leben und bedient das ganze Ruhrgebiet.

Ein geringes Einkommen bzw. eine geringe Rente sollen kein Hindernis für den Besuch im Theater, eines Konzerts, eines Kinos oder eines Fußballspiels sein. Doch bei einer geringen Rente überlege man es sich zweimal, 30 Euro für eine Karte auszugeben, sagt der Vorstandsvorsitzende Heinz Briefs. Die stellvertretende Vorsitzende Martina Heiliger sagt zudem, dass der Verein nicht nur den Aspekt „Kultur für alle“ aufgreife, sondern Kultur auch zur Bildung beitrage und Menschen sozial integriere.

Kostenlose Karten

Veranstalter aus dem Kulturbereich, wie das Theater oder der Zirkus Roncalli sowie auch Flic Flac, stellen kostenlos Eintrittskarten zur Verfügung. Diese werden anschließend über den „Kulturpott Ruhr“ an Menschen mit geringerem Einkommen, die sogenannten Gäste, vermittelt. Menschen, die Grundsicherung, Harz IV oder eine vergleichbare soziale Unterstützung erhalten, lassen sich dies auf einem Anmeldeformular bescheinigen. Derartige Formulare liegen unter anderem bei der Tafel, in den Stadteilbüros und bei den Wohlfahrtsverbänden aus. Die Einkommensgrenze liegt derzeit für eine Einzelperson bei 1064 Euro netto. Die Bescheinigung muss nach einem Jahr erneuert werden. Neben der Bescheinigung gibt der zukünftige Gast seine Kontaktdaten sowie Interessen an.

Als Gast bekommt man bis zu dreimal im Monat jeweils zwei Karten angeboten. „Viele Menschen würden nicht gerne alleine zu einer Veranstaltung gehen“, sagt Martina Heiliger. Die zweite Person muss kein Gast sein und auch nicht die Voraussetzungen dazu erfüllen. Wenn man als Gruppe an einer Veranstaltung teilnehmen möchte, werden auch mehr als zwei Karten zu Verfügung gestellt.

Seit 2015 gibt es „Kulturpott Ruhr“ in Dortmund. Auch in Dortmund-Hörde an der Alfred-Trappen-Straße 18 gibt es eine Zweigstelle. Dort rufen sieben Ehrenamtliche montags zwischen 16 Uhr und 18 Uhr, mittwochs zwischen 16.30 Uhr und 18.30 Uhr und freitags von 14 Uhr bis 16 Uhr Gäste in Dortmund (aber auch ruhrgebietsweit) an, um ihnen Karten für Veranstaltungen anzubieten. Mittwochs kann man auch persönlich an der Alfred-Trappen-Straße vorbeischauen. In Dortmund sind circa 200 Gäste gemeldet. Das seien bei weitem nicht alle, die in den Bedarf kämen, sagt Heinz Briefs.

Das etwas verschenkt wird, kommt unerwartet

Viele Gäste würde man über die Tafel bekommen, aber bei weitem nicht alle. Über weitere soziale Träger wie die AWO, Diakonie oder Caritas werden zudem Flyer verteilt, um eventuelle zukünftige Gäste zu informieren. Man stelle sich auch in Seniorenzentren und Altenheimen vor und stehe auf Stadtteilfesten. Trotz der Erklärung, dass man die Karten verschenke, werde man trotzdem oft gefragt, was das denn koste, sagt Martina Heiliger. „Das fasst man gar nicht mehr in der Gesellschaft, dass Dinge verschenkt werden.“, sagt Martina Heiliger.

In Dortmund sind für die Gäste vor allem Veranstaltungen im Konzerthaus, im Roto-Theater, im Theater Dortmund, im Fletch Bizzel, Spiele des BVB, ein Besuch im Fußballmuseum, des Zirkus Roncalli oder von Flic-Flac beliebt. Der Zirkus Roncalli habe im Jahr 2018 150 Karten zu seiner Eröffnung zur Verfügung gestellt.

Natürlich können Dortmunder Gäste auch Karten für Veranstaltungen ruhrgebietsweit – innerhalb des Regionalverbands Ruhr – erhalten, wenn sie mobil sind. So bekomme man einmal im Jahr auch so 60 Karten für das Musical Starlight Express in Bochum, die immer ganz schnell weg seien, sagt Heinz Brief. Früher habe man oft nur Restkarten für Theatervorstellungen bekommen, heute habe man feste Kontingente, sagt Martina Heiliger.

Botschafter, wie unter anderem der Schriftsteller und Kabarettist Torsten Sträter, sollen das Projekt noch mehr nach draußen tragen. Teilweise frage man die Veranstaltungen selbst an, aber bei manchen Agenturen sei man schon durchaus bekannt.

Keine Stigmatisierung

Den Veranstaltern, wie zum Beispiel dem Theater, dem Konzerthaus oder dem Stadion, liegen Gästelisten vor. Die Gäste gehen zur Theaterkasse und nennen wie alle Menschen, die Karten vorbestellt haben, ihren Namen und erhalten ihre Tickets. Niemand müsse sagen, dass er vom „Kulturpott“ sei. „Keine Stigmatisierung, das ist schon super.“, sagt Marita Heiliger.

Im Mai diesen Jahres konnte die 100.000ste Karte vermittelt werden. 100.000 Karten für insgesamt rund 10.000 Kulturgäste. Heinz Briefs Einstieg war die Vermittlung zweier Fußballkarten für Borussia Dortmund an einen Asylbewerber. Dieser konnte es überhaupt nicht glauben, dass er die Karten umsonst bekommen sollte und auch noch einen Kumpel mitnehmen könne, sagt Heinz Briefs. Die Freude der Gäste gehe in solchen Situationen auf einen selbst über.

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