Die Ärmsten zahlen für die hohen Gehälter städtischer Firmen-Chefs

rnKolumne Klare Kante

Mehrere Hunderttausend Euro kassieren Vorstände städtischer Gesellschaften im Jahr – selbst dort, wo jeder Dortmunder gezwungen ist, dafür zu bezahlen. Unser Autor kritisiert das scharf.

Dortmund

, 28.10.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Platz auf dem Chefsessel einer städtischen Gesellschaft ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Egal, ob mit Geld, Strom, Wohnungen, Müll oder anderem hantiert wird, Vorstandsmitglieder werden mit hohen sechsstelligen Summen fürstlich entlohnt. Ist das normal? Vielleicht. Ist das richtig? Nein.

Die Zahlen sind gewaltig: Zwischen 231.000 Euro (Städtische Seniorenheim gGmbH) und 671.000 Euro (Sparkasse) kassierten 2018 die zehn bestbezahlten Chefs dieser Firmen. Ihre Mitstreiter in den Vorständen erhielten ebenfalls üppige Bezüge. Die überschritten in mehreren Fällen die Grenze von 300.000, 400.000 oder – im Fall der Sparkasse – sogar von 600.000 Euro.

Wer solche Summen hinterfragt, muss mit dem Vorwurf leben, er sei doch nur neidisch. Dazu sei dreierlei gesagt: 1. Ja, ein solches Gehalt hätte ich auch gerne und damit geht es mir wahrscheinlich wie 99,9 Prozent aller Dortmunder. Aber deshalb das Nachdenken darüber zu verbieten, ob es richtig ist, was da geschieht, wäre absurd.

Sparkassen-Chef verdient mehr als das Zehnfache eines Betriebswirts

2. Kritik richtet sich nicht gegen jene, die das Geld bekommen (Wer würde schon Nein sagen?), sondern gegen jene, die solche Summen zahlen. 3. Wir sprechen nicht von privaten Firmen, sondern letztlich von staatlichen Unternehmen, in denen Steuergelder stecken. Da ist ein kritischer Blick nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten.

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Nehmen wir das Beispiel Sparkasse. Der in diesem Sommer ausgeschiedene Vorstands-Chef Uwe Samulewicz kassierte im vergangenen Jahr 671.000 Euro; 40.000 Euro oder knapp 6 Prozent mehr als 2017. Wie ist das zu rechtfertigen? Wie sind auch die Gehälter der anderen Sparkassen-Vorstände (Jörg Busatta beispielsweise 612.000 Euro) zu rechtfertigen?

Laut dem internationalen Bewertungsportal Glasdoor verdient ein deutscher Sparkassen-Betriebswirt im Schnitt 61.000 Euro im Jahr. Der Chef muss mehr verdienen, das ist klar. Aber muss es mehr als das Zehnfache sein?

Überall wird gekürzt, nur nicht beim Vorstand

Über Jahrzehnte funktionierte das Geschäftsmodell der Sparkasse glänzend: Sie zahlte moderate Zinsen an jene, die ihr Geld auf die hohe Kante legten, und verlieh es zu deutlich höheren Zinsen an andere, die einen Kredit nahmen. Aus der Spanne zwischen Spar- und Kreditzinsen zog die Sparkasse satte Gewinne. Diese Spanne gibt es aber schon lange nicht mehr oder wenn, nur noch in homöopathischer Dosis.

Die Sparkasse Dortmund ist dafür nicht verantwortlich, aber sie müsste sich anpassen, auch durch eine Absenkung der Vorstands-Gehälter. Stattdessen werden alle möglichen anderen Auswege gesucht. Arbeitsplätze werden gestrichen, Filialen geschlossen, Gebühren erhöht.

Und jetzt hat die Sparkasse auch noch mehr als 11.000 Sparverträge treuer Kunden gekündigt, um zu sparen. Überall wird gestrichen, nur der Vorstand, der kriegt mehr. Das ist nicht in Ordnung. Übrigens: Die, die den Vorstand kontrollieren und Gehälter genehmigen, bekommen auch mehr: 2018 bezogen die Verwaltungsratsmitglieder, darunter viele Politiker, insgesamt 77.400 Euro, 5500 Euro mehr als 2017.

Bei Wasser und Müll gibt es kein Ausweichen

Nun könnte man sagen: Die Bank kann man ja wechseln, wenn einem die Vorstandsgehälter nicht passen. Richtig. Bei anderen Gesellschaften geht das aber nicht. Wasser etwa braucht jeder und das verkauft die DEW 21 – und zwar in Dortmund nur die DEW 21. Und über den Wasserpreis, den alle zahlen müssen, bezahlen auch die Ärmsten der Stadt die hohen Gehälter mit.

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Oder schauen wir auf die EDG. Vorstands-Chef Klaus Niesmann kam 2018 auf 353.000 Euro, sein Vertreter Frank Hengstenberg auf 301.000 Euro. Wer finanziert diese Summen? Jeder Dortmunder, jede Dortmunderin über die Müllgebühr. Hier herrscht Anschluss- und Benutzungszwang, man darf seinen privaten Müll gar nicht anders entsorgen.

Ich höre jetzt schon die Einwände aus den Chefetagen: Das alles sind doch total normale Gehälter. Wenn man richtig gute Leute haben will, muss man halt in diesen Gehaltsklassen mitspielen. Aber ist das wirklich so? Dazu drei Gedanken:

Warum das alles nicht normal ist

1. Die EBS ist eine angesehene Universität für Wirtschaft und Recht mit Sitzen in Wiesbaden und Oestrich-Winkel. Sie hat 2017 eine Studie zu mittelständischen Unternehmen in Deutschland veröffentlicht. Danach verdienten Geschäftsführer solcher Firmen im Schnitt 232.000 Euro im Jahr – also deutlich weniger als viele Geschäftsführer städtischer Gesellschaften in Dortmund.

2. Bei städtischen Gesellschaften handelt es sich definitiv nicht um normale private Firmen, die das volle Risiko eines im freien Markt operierenden Unternehmens tragen. Hinter ihnen steht der Staat, die Stadt Dortmund, der Steuerzahler. Das gibt ihnen eine ganz andere Sicherheit als rein privaten Akteuren auf dem Markt. Das geringere Risiko sollte sich auch in geringeren Gehältern für den Kapitän und die Offiziere auf der Brücke widerspiegeln.

3. Unter den Vorständen der städtischen Gesellschaften gibt es sicher hervorragende Persönlichkeiten mit herausragenden Qualitäten. Gleichwohl muss, ohne jemandem zu nahe zu treten, die Frage erlaubt sein, ob in wirklich jedem Einzelfall allein die Qualifikation jemanden in einen Dortmunder Chefsessel gehoben hat. Oder ging es vielleicht auch mal darum, einen Parteifreund zu versorgen oder die wortgewaltige Führungskraft einer konkurrierenden Partei mit einem super bezahlten Job ins politische Abseits zu stellen?

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