Die Angst vor Strecken-Sperren auf Phoenix-West

Tuning-Szene

Anwohner der Hochofenstraße in Hörde erinnern sich gern an die Stahlkocher-Zeiten: Das 1998 still gelegte Industrie-Areal war im Vergleich zu heute eine Oase der Ruhe. Inzwischen ist Phoenix-West ein Hotspot der Tuningszene in NRW. Polizeikontrollen haben Event-Charakter. Wir haben eine Kontrolle am Wochenende begleitet.

HÖRDE

, 23.04.2016, 11:24 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Angst vor Strecken-Sperren auf Phoenix-West

Ende eines Ausflugs: Dieser Ford Focus aus Herne erhielt gegen Mitternacht seine Original-Felgen und -Reifen zurück, weil die neuen Pellen nicht auf das Fahrwerk abgestimmt waren. Die Polizei untersagte die Weiterfahrt.

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Polizeikontrollen als Event in der Tuning-Szene

Bei Kontrollen auf Phoenix-West in Hörde hat die Polizei erneut wegen technischer Mängel mehrere PKW aus dem Verkehr gezogen. und auch abgeschleppt. Zu Beginn der Tuning-Saison ist erkennbar: Polizeikontrollen sind für die Szene Teil eines Freiluft-Events. Wer erwischt wird, löst Kommunikation und Kontakte aus.
23.04.2016
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Tuner-Treff auf Phoenix-West in Hörde.© Foto: Peter Bandermann
Wo die Polizei auffällige PKW sieht, hält sie für Kontrollen an. Mal bleibt es bei Gesprächen. Mal greift sie durch.© Foto: Peter Bandermann
Drei Falschparker aus Hamm nutzen einen Gehweg für die Heck-Präsentation ihrer liebevoll aufgehübschten Autos. Diesesmal drückt die Polizei kein Auge zu und bittet zur Kasse..© Foto: Peter Bandermann
Der 1. Polizeihauptkommissar Michael Harder checkt Fahrzeugpapiere und bereitet den Einsatz des EC-Karten-Lesegeräts fürs Falschparken vor.© Foto: Peter Bandermann
Kontrolliert die Polizei einen PKW, hat das schnell Event-Charakter. Das Zuschauen ist Teil der Szene. Wer erwischt wird, löst Kommunikation und Kontakte aus.© Foto: Peter Bandermann
Mängel stellte die Polizei auch bei diesem Ford fest. Der Eigentümer pflegt den PKW täglich. Im Motorraum und im Innenraum sieht der Wagen aus wie neu.© Foto: Peter Bandermann
Kurzgespräch am Straßenrand: In einer Acht-Stunden-Schicht auf Phoenix-West in Hörde und auf dem Innenstadt-Wall bleibt nicht viel Zeit für einen Plausch. Bei bis zu 1000 Personen allein auf dem früheren Hochofen-Areal in Hörde ist für die Polizei viel zu tun.© Foto: Peter Bandermann
Auch dieser Golf GTI durfte vorerst nicht weiterfahren. Der Besitzer musste Werkzeug kommen lassen und am Fahrwerk nachbessern. Er kam noch günstig davon.© Foto: Peter Bandermann
Ende eines Ausflugs: Dieser Ford Focus aus Herne erhielt gegen Mitternacht seine Original-Felgen und -Reifen zurück, weil die neuen Pellen nicht auf das Fahrwerk abgestimmt waren. Die Polizei untersagte die Weiterfahrt.© Foto: Peter Bandermann
Ende eines Ausflugs: Dieser Ford Focus aus Herne erhielt gegen Mitternacht seine Original-Felgen und -Reifen zurück, weil die neuen Pellen nicht auf das Fahrwerk abgestimmt waren. Die Polizei untersagte die Weiterfahrt.© Foto: Peter Bandermann
Schlagworte Hörde, "44137-Dortmund,

Wenn der 1. Polizeihauptkommissar Michael Harder und sein Kollege Daniel Stosz vom Verkehrsdienst der Dortmunder Polizei wie in der Nacht zu Samstag (23.4.2016) am Boden liegend mit Taschenlampen das Fahrwerk eines tiefergelegten Golf GTI ausleuchten, bildet sich schnell ein Pulk um den mit viel Geld und Leidenschaft umgebauten PKW. Polizeikontrollen haben inzwischen Event-Charakter auf Phoenix-West. So entstehen Kommunikation und Kontakte.

Fahrwerks-Veränderungen sind ein Muss in der Szene. Die Fahrzeuge liegen flacher und straffer auf der Straße. In Kombination mit einem krassen Auspuff-Klangdesign und der grandiosen Hochofen-Kulisse gleich die Fahrt über die langen Straßen auf Phoenix-West einem Schaulaufen über den Catwalk einer Pariser Modenschau. Man nippt nicht an Schampus, sondern stößt stehend oder in Klappstühlen chillend mit Bier an und ist nett zueinander.

Imbissbudenbetreiber wittert sein Geschäft

In der Nacht zu Samstag fuhr wieder einmal die Polizei der Szene in die Parade. Sogar ein Abschleppwagen defilierte mit einem sichergestellten PKW im Huckepack und eingeschaltetem Blinklicht auf dem Dach über den Asphalt. Doch die "Wir kriegen euch"-Botschaft verhallte auf dem früheren Hochofen-Areal, wo zu später Stunde auch ein Imbissbudenbetreiber eine Infrastruktur aufzubauen versuchte. Irgendwann fuhr er davon. Die Tuner brachten sich ihr Essen selber mit.

Rosa Stretch-Limousine

Michael Harder, Daniel Stosz und weitere Kollegen nahmen getunte Fahrzeuge unter die Lupe, kontrollierten eine rosa Stretch-Limousine (Fahrer ohne Führerschein), baten mit dem EC-Karten-Lesegerät die Falschparker zur Landeskasse und setzten neben den von den Betroffenen als "kleinkarierte Kontrollen" bezeichneten Sanktionen auch auf Gespräche. Die Pulk-Bildung um vorläufig aus dem Verkehr gezogene Fahrzeuge nutzten sie für die Kommunikation.

Einsatz mit dem Abschlepper

So entstanden Diskussionen über die Gefahren und Tücken der Technik, die bei einem Unfall schwere Folgen nach sich ziehen können. Die Trefferquote auf Phoenix-West war in der Nacht zu Samstag hoch. Falsch eingebaute oder nicht eingetragene Fahrzeugteile lieferten immer wieder Gesprächsstoff. Wo die Polizei eklatante Mängel erkannte, kam der Abschlepper zum Einsatz. "Der muss jetzt zum Schumann", kommentierte ein Szenemitglied die Abfahrt zu einem Dortmunder KFZ-Sachverständigen.

Was teuer werden kann. Ordnungswidrigkeit, Gebühren, der Sachverständige und andere Kosten ergeben schnell 1000 Euro. Ganz anderen Ärger haben die Anwohner der Hochofenstraße in Hörde. Ihnen geht's nicht ums Geld, sondern um die Nachtruhe. Denn die Hochofenstraße ist die wichtigste Einflugschneise. Ans Schlafen ist in dieser früheren Sackgasse, die zum Hochofen-Werkstor führte, nicht zu denken. Tiefergelegte Umbauten mit selbst bei niedrigem Tempo röhrender Auspuffanlage kommen lauter als ein Flugzeug daher. "Wir hören Beschwerden von Anwohnern aus Hörde und auch aus Brünninghausen", sagt der 1. Polizeihauptkommissar Michael Harder über die nicht enden wollenden Beschwerden.

Angst vor Sanktionen und Streckensperren

Obwohl es in der Nacht kalt, windig und ungemütlich war, zogen mindestens 200 PKW und Motorräder übers Gelände. Teilweise an Gruppen vorbei fahrend mit Spielfreude am Gaspedal. Selbst Tuner, die sich auf Phoenix-West nur treffen wollen, stören sich daran. Sie fürchten drastische Sanktionen und Streckensperren Ultima ratio-Schritte wie dieser fürchten sie wie einen Platten oder den Abschlepphaken. Der kleine Treff markierte nur den Anfang der Saison. In lauen Sommernächten feiern bis zu 1000 Personen auf dem Gelände. Motoren und Musik ergeben für sie eine coole Klangkulisse. Anwohner sehen und hören das anders.

Sie fordern inzwischen den Rückbau der Hochofenstraße zu einer Sackgasse. Sogar Forderungen nach dem Aufbau von Schranken waren schön zu hören. Hilim Ari aus Hamm (22) kann den Anwohner-Ärger verstehen - und hat einen Vorschlag: "Dann soll die Stadt uns bitte eine andere Zufahrt bauen." Der Anschluss Konrad-Adenauer-Allee / Nortkirchenstraße ist zurzeit wegen einer Baustelle gesperrt. Bisher standen Hilim Ari und seine Kumpel aus Hamm am "Ahlener L". Aber das hat wohl nicht den Hörder Charme.

In den Asphalt geriebene Reifenspuren zeugen von sportlichen Manövern. Nils Preuß (19), auch aus Hamm, musste 25 Euro fürs Falschparken bezahlen und nicht fürs Zuschnellfahren. Für ihn ist Phoenix-West ein beliebter Treffpunkt, um nette Leute zu treffen, aber keine Rennstrecke. " Rennen fahren kann ich mit meinen 68 PS nicht", sagt er bescheiden und zeigt auf seinen kleinen Toyota Yaris.

Kleiner Toyota kommt groß raus

Abgedunkelte Scheiben, Alufelgen, tiefergelegt, Heckspoiler, eine Digitaltarnmuster-Optik und der obligatorische "böse Blick" der Scheinwerfer - der kleine Toyota kommt groß raus an diesem Abend. Sogar die Polizei finden lobende Worte: "Die Papiere sind perfekt. Alles eingetragen. So muss es sein", sagt Polizeioberkommissar Daniel Stosz. - "Wir wollen hier niemanden vertreiben", betont Einsatzleiter Michael Harder. Wer sich an die Regeln halte, habe nichts zu befürchten. Ihm fällt auf, dass die meisten Fahrer nichts mit Alkohol und Drogen zu tun haben. Andere wiederum hinterlassen ihren Müll und sorgen mit weithin hörbaren Lärm für Unruhe.

Auch das ist Strukturwandel

Nicht immer bittet die Polizei bei technischen Mängeln sofort zur Kasse, nicht immer rollt der Abschleppwagen an. Aber sie untersagt die Weiterfahrt. In der Nacht zu Samstag musste ein Tuner seinen Schrauber kommen und nachbessern lassen. Ein junger Mann aus Herne rief seinen Papa an, damit der ihm die Original-Reifen nach Dortmund bringt. Dann holte er den Wagenheber raus. Bis zu 30 Leute standen vorher um ihn herum. Auf der Hochofenstraße zog zeitgleich ein Abschlepper einen PKW auf die Ladefläche. Gegen 2 Uhr ebbte der Tuner-Treff auf Phoenix-West eb. Das fahrende Volk kommt wieder. Die Polizei auch. Der Fahrer aus der rosa Stretch-Limousine wird seinen Führerschein mitbringen und der Imbisswagen-Besitzer seine Currywurst / Pommes verkaufen wollen. Auch das ist Strukturwandel in Dortmund.

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