Gabi Raeggel besitzt nur Dinge, die sie braucht. Sie hat kein Auto, keinen Kleiderschrank, keinen Fernseher. Die 57-Jährige ist Minimalistin. Eine Lebensform, die immer mehr Zuspruch findet.

Dortmund

, 30.09.2018, 04:23 Uhr / Lesedauer: 6 min

Alles, was sie zum Leben braucht, hat Gabi Raeggel auf den 42 Quadratmetern ihrer Wohnung im Althoffblock verstaut. Es ist nicht viel. Bedeutend weniger, als Menschen üblicherweise besitzen. Aber für Gabi Raeggel ist es genug.

Für Menschen, die sie nicht kennen, wirke ihre Wohnung immer ziemlich leer und kahl, sagt die 57-Jährige. Aber sie wolle das ja gerade so. Sie brauche Platz und Freiraum, wenn sie nach Hause komme. Schränke hat sie nicht, genauso wenig wie ein Sofa, einen Fernseher und eine Kaffeemaschine. Für sie sind das alles Dinge, die überflüssig sind.

Ihr Luxus ist ihr Milchaufschäumer

Sie kommt gut aus mit dem, was sie hat: Als Bett nutzt sie einen Futon, der auch gleichzeitig ihr Sofa ist. „Ein Bett nimmt einfach unglaublich viel Platz weg“, sagt Raeggel. Ein kleiner Tisch dient ihr als Schreibtisch. Sie besitzt dazu noch einen Esstisch, drei Stühle und eine kleine Küchenzeile. In ihrer Abstellkammer hat sie alles verstaut, was sie sonst so braucht. Auch ihre Kleidung, ein paar T-Shirts, Jacken und Hosen reichen ihr.

Über dem Esstisch hängt ein Wandteppich. Er ist das Auffälligste in ihrer Wohnung und eines der wenigen Dekoelemente. Für Deko habe sie einfach nicht viel übrig, sagt Gabi Raeggel. Ihr Luxus ist ihr Milchaufschäumer, mit dem sie ihren Cappuccino veredelt. Denn minimalistisch zu leben heiße nicht, auf etwas zu verzichten. „Ich lasse nur Überflüssiges weg“, sagt die 57-Jährige. „Und lebe mit den Dingen, die mir wichtig sind.“

Im Video führt Gabi Raeggel durch ihre minimalistische Wohnung:

Die Suche nach dem Rückwärtsgang

Acht Jahre ist es jetzt her, dass Gabi Raeggel ihr Leben geändert hat. Es war ihr Job, der den Anstoß gab. „Ich habe damals gemerkt, dass ich an meine Grenzen gehe“, sagt sie. „Und ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, um da einen Rückwärtsgang reinzubekommen.“

Gabi Raeggel hat erst eine Ausbildung als Erzieherin gemacht, später als Sozialpädagogin. Mit der Zeit seien es immer mehr Aufgaben geworden, die sie übernommen habe. Zudem musste sie von Dortmund ins Münsterland pendeln.

Sie entschied sich, eine Kur zu machen, um zu entschleunigen. Bei der Kur lernte sie die Meditation im Zen-Stil kennen. „Einfach nur ein- und ausatmen zu müssen, das habe ich als sehr luxuriös empfunden“, sagt sie.

Achtsamkeit im Alltag

Als sie wieder nach Hause kam, begann sie, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Sie lernte die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion kennen, eine Form der Meditation. Und lernte so auch mehr über Achtsamkeit im Alltag. „Ich habe dann entdeckt, dass ich die Gewohnheit habe, Stress mit Konsum zu reduzieren.“

Sie habe nie übermäßig konsumiert, sagt Gabi Raeggel. Aber auf dem Weg zur Arbeit habe sie sich stets einen Coffee to go gekauft, obwohl sie doch zu Hause erst zwei Tassen getrunken hatte. Möbel habe sie zwar nie viele besessen, aber die, die sie hatte, habe sie ständig ausgetauscht. „Es war ein großes Rein und Raus, weil ich mich nie richtig wohl gefühlt habe“, sagt sie.

„Ich habe mich befreit gefühlt“

Je länger sie sich damit beschäftigte, darüber nachdachte, desto mehr kam sie zu der Erkenntnis, dass es ihr besser geht, wenn sie weniger besitzt. „Ich brauche einen reizreduzierten Raum, wenn ich nach Hause komme“, sagt sie. Deshalb trennte sie sich von allem, was sie als überflüssig empfand.

Als erstes verkaufte sie ihr Auto. Und sie suchte sich einen neuen Job, in Dortmund und nur noch in Teilzeit. Sie zog in die Innenstadt, verabschiedete sich von vielen Möbeln und Gegenständen. „Ich hatte ein Klavier, auf dem ich nie gespielt habe. Ich wollte es aber lange nicht verkaufen, weil es teuer war“, erzählt Gabi Raeggel. Dann tat sie es doch, ein junges Mädchen bekam ihr Klavier, war überglücklich darüber. „Und ich habe mich total befreit gefühlt“, sagt sie. Durch Recherche stieß sie dann auf einen Begriff, der dem, was sie da tat, einen Namen gab: Minimalismus.

Minimalisten sind genügsam

„Minimalismus ist eine konsumreduzierte Lebensform“, sagt Bernd Vonhoff, Bundesvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologen. Neu sei diese Art zu leben nicht, schon vor Jahrhunderten habe es Menschen gegeben, die in Askese gelebt haben. Minimalismus tauche in verschiedenen Formen auf. Ein Minimalist könne jemand sein, der mit nur 100 Dingen lebt. Ein Minimalist könne aber auch jemand sein, der nur einen Kleinwagen fährt und eine Drei-Zimmer-Wohnung bewohnt, obwohl er sich einen Sportwagen und eine Villa leisten könnte. Minimalisten seien genügsam, sagt Vonhoff.

Den Begriff Minimalismus als solchen mag Gabi Raeggel gar nicht so sehr, aber das Prinzip dieser Lebensweise dafür umso mehr. Was will ich eigentlich? Was habe ich für Bedürfnisse? Diese Fragen begleiten sie seither durch ihr Leben.

Die Dortmunderin Gabi Raeggel (57) lebt minimalistisch

So sieht es in Gaby Raeggels Ess-Küche aus. Es gibt einen Tisch, drei Stühle und eine Küchenzeile - mehr nicht. Der Wandteppich ist eines der wenigen Dekoelemente. © Dieter Menne

„Ich bin jetzt viel relaxter“, sagt sie. Sie müsse weniger aufräumen, weniger putzen und sie kaufe nur dann etwas, wenn sie sich auch 100 Prozent sicher sei, dass sie es brauche und langfristig nutze. „Natürlich konsumiere ich weiterhin. Jeder Mensch muss konsumieren“, sagt Gabi Raeggel. „Aber ich gehe bewusster damit um. Ich stelle mir immer die Frage: Brauche ich das? Oder will ich es nur?“

Minimalistisch zu leben bedeutet, sich von Ballast zu befreien, weniger zu konsumieren. „Aber Minimalismus ist nicht Entrümpeln“, sagt Raeggel. Das sei nur ein erster Schritt. Es gehe darum, langfristig sein Leben zu ändern, sich zu fragen, welche Dinge einem im Leben wichtig sind und wie man seine Zeit verbringen kann, wenn man nicht ständig konsumiert, sagt Raeggel. „Es ist die Entrümpelung im Kopf.“

Verschiedene Beweggründe für Minimalismus

Es gebe verschiedene Gründe, warum sich Menschen dafür entscheiden, minimalistisch zu leben, sagt Bernd Vonhoff. Einer sei die Reduktion von Komplexität. „Die Welt wird immer komplexer, alles muss höher, weiter, schneller sein. Das erzeugt Stress. Und Minimalismus ist eine Form, damit umzugehen und den Überblick in der Welt zu behalten“, sagt Vonhoff. Ein Stressauslöser könnte, wie bei Gabi Raeggel, Belastung auf der Arbeit sein.

Es könnten aber auch ganz pragmatische Gründe sein, die vor allem junge Menschen zum Minimalismus führen. Viele wollten heute reisen und unabhängig sein. Alles, was sie brauchen, soll in einen Rucksack passen. Das, was sie früher in Bücherregalen verstaut hätten, würden sie dann auf einem Laptop speichern. „Es hat sich ins Digitale verlagert. So kann man auf einem Gerät alles Wichtige dabei haben“, sagt Vonhoff. Auch das könne Minimalismus sein.

Für andere wiederum ist Minimalismus ein Protest gegen die Konsumgesellschaft. „Es muss aber kein öffentlicher Protest sein“, sagt Vonhoff. Für diese Menschen spiele auch Nachhaltigkeit eine sehr wichtige Rolle.

Schritt für Schritt das Leben verändern

Das Leben im Überfluss, die Fremdsteuerung durch Dauerwerbung – das sieht auch Gabi Raeggel kritisch. Sie versucht, Schritt für Schritt ihr Leben zu ändern. Das Thema Nachhaltigkeit etwa versucht sie anzugehen. „Aber wenn ich etwas verändere, dann immer in kleinen Bausteinen, und die dafür konsequent“, sagt sie.

Sie fühle sich in ihrem minimalistischen Leben sehr gut ausgestattet. Sie habe nicht das Gefühl, dass ihr etwas fehle. „Und wenn ich etwas brauche, dann kaufe ich es“, sagt sie. Einen Mixer zum Beispiel habe sie seit zwei Jahren nicht gebraucht, „bislang konnte ich alles mit der Hand rühren“.

Man werde auch durchaus kreativ, wenn man nicht immer alles sofort zur Hand habe, sagt sie. „Es ist ja so, dass ich jederzeit losgehen und mir die Taschen vollpacken kann.“ Nur, sie wolle es eben nicht. Ein minimalistisches Leben setze immer Bewusstsein voraus, sagt Bernd Vonhoff. „Wenn man zu wenig hat und darunter leidet, ist es Armut und nicht Minimalismus.“

Die Dortmunderin Gabi Raeggel (57) lebt minimalistisch

Der zweite Raum ihrer Wohnung ist das Wohn- und Schlafzimmer. Der Futon rechts im Bild ist sowohl ihr Sofa als auch ihr Tisch. An dem kleinen Tisch arbeitet sie oft an ihrem Laptop. © Dieter Menne

Mit ihrem neuen Lebensstil hat Gabi Raeggel auch ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. Auf dem Blog Achtsame Lebenskunst schreibt sie über ihr minimalistisches Leben. In ihrem Buch „Wenig Dinge braucht das Glück“ berichtet sie, wie Aufräumen zu einem entspannteren Leben führt. Regelmäßig tauscht sich Gabi Raeggel auch mit anderen Minimalisten aus – beim Minimalismus-Stammtisch.

Der ist vor etwa drei Jahren entstanden. Michael Klumb war einer der Initiatoren. Auch er lebt minimalistisch und bloggt darüber. Vor einigen Jahren organisierte er ein Treffen für ein paar gleichgesinnte Blogger. Daraus entstand dann die Idee für den Stammtisch. Klumb organisierte einen in Köln, auch in anderen Städten in ganz Deutschland entstanden welche.

Gestiegenes Interesse an dieser Lebensform

Der von Dortmund aus nächstgelegene ist in Essen. Einmal im Monat finden die Treffen dort im Unperfekthaus statt. Feste Themen gebe es nicht, sagt Michael Klumb. Es werde über alles rund um den Minimalismus gesprochen. Wer Interesse habe, könne vorbeikommen und sich mit anderen austauschen. „Die Minimalismus-Landschaft ist sehr rege“, sagt Gabi Raeggel.

Bernd Vonhoff beobachtet ein gestiegenes Interesse am Minimalismus. Es sei ein Trend und er gehe davon aus, dass es in Zukunft mehr Minimalisten geben wird. „Aber es wird trotzdem immer eine Minderheit bleiben“, sagt er. Dafür sei unsere Gesellschaft viel zu sehr auf Konsum ausgerichtet. „Es sind doch die SUVs, die wie Pilze aus dem Boden schießen“, sagt er. „Menschen wollen konsumieren. Nur eben nicht alle.“

Tipps für alle, die sich dem Minimalismus annähern wollen

  • Mit den nervenden Dingen anfangen: Gabi Raeggel empfiehlt, eine Runde durch die Wohnung zu drehen und zu schauen, was einen stört. Mit diesen Dingen könne man am besten anfangen und sie entsorgen. Dabei könne es helfen, den Blick eines Fremden einzunehmen: Wenn man nach längerer Zeit, zum Beispiel einem Urlaub, zurück in seine Wohnung kommt, solle man sich vorstellen, dass es nicht die eigene, sondern die eines Fremden ist. Und sich dann fragen: Was gefällt mir? Und was gefällt mir nicht? „Entrümpeln befreit“, sagt Gabi Raeggel. „Wenn man das Negative einmal weghat, ist der wichtigste Schritt getan.“
  • Schublade für Schublade vorarbeiten: Nach und nach eine Schublade komplett auskippen und aussortieren. Oft finde man Dinge, die man x-fach besitze, aber nur einmal brauche, zum Beispiel einen Kugelschreiber.
  • Testweise verstauen: Bei Dingen, von denen man sich noch nicht trennen kann, kann man einen Trick anwenden. Man schafft sie aus seinem Blickfeld und verstaut sie in einer Kiste oder im Keller. Nach einem halben Jahr holt man sie wieder hervor und kann dann entscheiden: Hat es mir gefehlt? Oder geht es ohne?
  • Eine Stimmung nutzen: Es gibt so Tage, da ist die Lust groß, etwas anzupacken. Diese Stimmungen sollte man ausnutzen, rät Gabi Raeggel. „Es sollte immer Spaß machen und kein Krampf sein“, sagt sie.
  • Das Minimalismusspiel: Wenn es sehr viel ist, was auszumisten ist, ist es wichtig, systematisch vorzugehen, sagt Raeggel. Das Minimalismusspiel ist eine Möglichkeit, das zu tun. Es dauert 30 Tage. Am ersten Tag entsorgt man ein Teil, am zweiten zwei Teile und immer so weiter. Am 30. Tag sind es 30 Teile.
  • Am eigenen Gefühl orientieren: Den einen Minimalismus-Stil gibt es nicht. „Jeder muss das für sich entscheiden“, sagt Gabi Raeggel. Der eine komme mit 100 Dingen in seinem Leben aus, der andere nicht. „Minimalismus lebt von der Vielfältigkeit“, sagt sie.
  • Bei Neukäufen aufpassen: Spontankäufe machten oft nur kurzzeitig glücklich, sagt Gabi Raeggel. Deswegen rät sie, immer etwas Zeitverzögerung in einen Kauf zu bringen. Es gehe darum, bewusst, gezielt und überlegt zu kaufen. Manchmal reiche es schon, nur eine kurze Runde um den Block zu gehen, um seine Entscheidung zu überdenken. Auch helfe es sich die Frage zu stellen: Löse ich mit diesem Kauf ein Problem oder schaffe ich eins?
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