Die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt bringt bis 2023 viele Baustellen mit sich

rnMillionen-Projekt von DEW21

Bis 2023 erneuert DEW21 für viel Geld das Wärmenetz in Dortmunds Innenstadt. Das heißt: viele Baustellen, 80 Prozent weniger CO2-Ausstoß und ein Kraftwerk, das nicht mehr gebraucht wird.

Dortmund

, 19.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Beim Gang zwischen Bauzäunen, Baggern und gestapelten Rohren in der Langen Straße, direkt hinterm Bergmann-Kiosk, spricht Peter Flosbach von einem „Lottogewinn für Dortmund“. Der Technische Geschäftsführer der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21) steht auf einer der Baustellen, mit der die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt eingeläutet werden soll.

In Zukunft 45.000 Tonnen weniger Kohlenstoffdioxid

Seit Anfang der 50er-Jahre erfolgt die Energieversorgung der Gebäude in der City für Heizung und Warmwasser über Dampf. Dieser bis zu 240 Grad heiße Dampf kommt aus dem RWE-Kraftwerk an der Weißenburger Straße. Nun hätten diese Leitungen allein aufgrund ihres Alters demnächst erneuert werden müssen.

Die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt bringt bis 2023 viele Baustellen mit sich

Ein Teil der Langen Straße ist seit Ende November gesperrt. Nicht alle Anwohner sind glücklich darüber. © Stephan Schütze

DEW21 macht aus der eigentlich anstehenden Sanierung nun aber ein neues Projekt. Mehr als 100 Millionen Euro wird es kosten, bis 2022 warten viele Baustellen auf die Innenstadt. Am Ende soll die Wärmeenergie aber deutlich klimafreundlicher sein. Ab 2023, so kalkulieren es Flosbach und DEW21, wird bei gleicher Wärmeleistung 80 Prozent weniger CO2 pro Jahr ausgestoßen als bislang. Das ist gleichbedeutend mit einer Ersparnis von 45.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid.

Im Januar stehen Bauarbeiten am Hohen Wall an

Möglich machen das drei wesentliche Bausteine innerhalb des Projektes. DEW21 verlegt seit diesem Sommer und noch bis Ende 2022 Heißwasserleitungen. Damit die eingebaut werden können, müssen mitunter Straßen gesperrt werden. „Unsere oberste Priorität ist es aber, die Auswirkungen auf die Öffentlichkeit gering zu halten“, sagt Peter Flosbach. Ganz wird das aber nicht möglich sein.

Jetzt lesen

Ein Teil der Langen Straße ist seit Ende November gesperrt und soll es auch bis Februar 2019 bleiben. Im Januar sollen unter anderem Arbeiten am Hohen Wall und an der Lübecker Straße beginnen.

Das Projekt ist also nicht nur für die Energieexperten eine Herausforderung, sondern beschäftigt derzeit auch die Bewohner des Klinikviertels. Vor allem mit Baulärm, gesperrten Straßen und weggefallenen Parkplätzen. So haben sich Peter Flosbach und DEW21-Sprecherin Jana-Larissa Marx Mitte Dezember mit Anwohnern getroffen. So sehr die Anwohner vor allem der Luisenstraße die Bedeutung des Projektes anerkennen, waren sie sich aber auch einig: „Warum erst jetzt? Warum wurden wir nicht viel früher von den Maßnahmen informiert?“

Infoveranstaltung stieß auf wenig Interesse

Bereits im August und September sei der Schulhof umgebaut worden. „Ende September waren die Arbeiten beendet, die Parkplätze in diesem Bereich aber nicht wieder freigegeben, so eine Bewohnerin der Luisenstraße. „Warum wurden wir nicht bereits zu diesem Zeitpunkt informiert, was bevorsteht? Sie hätten es ja auch erst einmal im Konjunktiv festhalten können: Es könnte was auf uns zukommen.“ Peter Flosbach wies darauf hin, „dass wir zu einer ausführlichen Information ins Rathaus eingeladen hatten, die aber auf wenig Interesse gestoßen ist.“ Das forderte sofort den Protest der Anwohner heraus: „Hier hat keiner etwas erhalten, keiner hat davon gewusst.“

Die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt bringt bis 2023 viele Baustellen mit sich

Vertreter von DEW21 haben sich mit Anwohnern des Klinikviertels getroffen. © Johannes Franz

Jana-Larissa Marx mühte sich, die Situation zu erklären: „Das ist die erste große Fördermaßnahme, wir haben uns daher zunächst genau an Vorgaben gehalten.“ Ein Verkehrskonzept für die Dauer der Maßnahme liege aber vor. „Alles, was die Straßenverkehrsordnung erlaubt, hat man ausgeschöpft.“ Dazu gehöre auch, dass in der Luisenstraße alle Parkflächen in Anwohnerparkplätze umgewandelt werden. „Dann sollte es aber auch eine ausreichende Beschilderung geben, damit Parkplatzsuchende das auch wissen“, so eine Nachbarin. Jana-Larissa Marx: „Das Ordnungsamt ist bereits über die Situation informiert, Mitarbeiter werden regelmäßig hier sein.

Ob es möglich sei, während der Baumaßnahme in der zweiten Reihe zu parken, lautete eine weitere Frage. Die DEW21-Sprecherin sagte, sie wolle sich umhören, rechnet aber nicht damit. Aber: „Von der Beurhausstraße bis zur Johannesstraße entstehen 24 reine Anwohnerplätze.“ Eine Betroffene schildert in einer Mail an die Redaktion, dass diese Anwohnerplätze aber häufig von Ortsfremden benutzt würden. So sei sie angesichts des erhöhten Verkehrsaufkommens aufgrund des Weihnachtsmarkt abends mitunter eine Stunde mit der Suche nach einem Parkplatz beschäftigt.

Ein großer Anteil der etwa zwei Dutzend Anwohner zeigte sich auch nach der Veranstaltung verärgert. Eine Anwohnerin berichtet: „Der einzige, der mir gesagt hat, was los ist, als mein Wagen morgens unerwartet im Parkverbot stand, war ein Bauarbeiter.“

Lindenhorst spielt eine wichtige Rolle

Zwei zusätzliche Versorgungs-Trassen im Osten und Westen sorgen dafür, dass die gesteigerten Wärmemengen in die Innenstadt transportiert werden. Über die westliche Leitung wird das bestehende Heißwassernetz in der Nordstadt in die Innenstadt verlängert. Auch Lindenhorst spielt eine Rolle, denn hier steht der zweite Baustein: die Deutschen Gasrußwerke.

„Das Projekt ist ein Lottogewinn für Dortmund.“
Peter Flosbach, Technischer Geschäftsführer DEW21

Deren Produktion wird über Energie aus Gas möglich gemacht, damit Temperaturen von rund 2000 Grad für die Produktion von Ruß als Rohstoff für die Reifenindustrie erreicht werden können. Ein Großteil der überschüssigen Hitze – auch Abwärme genannt – wandert ungenutzt durch den Schornstein in den Dortmunder Himmel. Noch.

Aus heißer Luft wird heißes Wasser

Denn aus dieser Abwärme will DEW21 in Zukunft das heiße Wasser gewinnen, das von Lindenhorst in die Innenstadt fließen soll. „Wir werden die Abwärmenutzung von derzeit 15 auf 55 Megawatt erhöhen“, sagt Flosbach. Das heiße Wasser fließt dann künftig mit maximal 120 Grad Celsius durch die neuen Leitungen.

Hintergrund

Warum fließt Wasser noch bei 120 Grad?

Das heiße Wasser wird mit bis zu 120 Grad Celsius durch die neuen Leitungen fließen. Wie geht das überhaupt, wenn Wasser doch eigentlich ab 100 Grad verdampft? Die Antwort: „Der Trick hierbei ist, dass das Wasser einem höheren Druck ausgesetzt wird. Normalerweise fängt eine Substanz bei einem gewissen Druck und einer bestimmten Temperatur, der Siedetemperatur, an zu kochen“, heißt es auf der Homepage des Max-Planck-Instituts. „Bei Wasser beträgt die Siedetemperatur bei normalem atmosphärischen Druck 100 Grad Celsius. Wenn man nun den Druck erhöht, so steigt die Siedetemperatur an. Dies lässt sich damit erklären, dass sich das Volumen einer Substanz beim Verdampfen vergrößert. Beim Verdampfen muss das flüssige Wasser gegen den Druck ankämpfen, der auf ihm liegt. Je höher dieser Druck ist, desto mehr Energie, also eine höhere Temperatur, wird dabei benötigt.“ Auf dem Gipfel des Mount Everest, wo der atmosphärische Druck auf fast 9000 Meter Höhe deutlich geringer ist als im Flachland, fängt Wasser schon deutlich früher an zu kochen - bei etwa 70 Grad Celsius.

Das von RWE betriebene Kraftwerk an der Weißenburger Straße wird dann überflüssig für DEW21. „Der Vertrag mit RWE läuft 2022 aus“, so Flosbach. Danach sei angedacht, es außer Betrieb zu nehmen.

Ohne Fördermittel wird nicht gebaut

Dritter Baustein ist die Finanzierung. Mehr als 100 Millionen Euro kostet das Projekt. Die erste Förderzusage über 1,27 Millionen Euro gab es Anfang November aus einem Fördertopf des Landes für die „beispielhafte urbane Wärmewende“. „Die Anforderungen sind sehr hoch“, sagt Flosbach.

Die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt bringt bis 2023 viele Baustellen mit sich

Solche Rohre wandern in den kommenden Jahren kilometerweise unter die Erde, damit die Wärmeversorgung für die Dortmunder Innenstadt ab 2023 klimafreundlicher wird. © Stephan Schütze

Flosbach hat auch schon in Brüssel vorgesprochen und das Projekt dort vorgestellt. Schließlich musste DEW21 die EU, die Bezirksregierung und das Land überzeugen. Das Unternehmen hofft auf einen zweistelligen Millionenbetrag an Fördergeldern aus dem „Programm Rationelle Energieverwendung, Regenerative Energien und Energiesparen (progres.nrw)“. An denen hängt viel: „Wir bauen nicht, ohne eine Förderung zu bekommen“, so Flosbach.

Drei Energiezentralen werden noch gebaut

Zusätzlich zu den neuen Leitungen entstehen an der Langen Straße, an der Weißenburger Straße und in Lindenhorst drei Energiezentralen als eine Art Aushilfe für kalte Zeiten, in denen der Energiebedarf besonders hoch ist. Diese Gebäude sollen voraussichtlich eine Grundfläche von 15 mal 20 Metern haben. Während der Umstellung auf das Heißwasser-System ab 2023 sorgen maßgeblich mit Erdgas betriebene Interims-Heizzentralen für die Wärmeversorgung. Zwei davon stehen derzeit am Ostwall.

Die Energiewende für die Dortmunder Innenstadt bringt bis 2023 viele Baustellen mit sich

Während der Umstellung auf das Heißwasser-System ab 2023 sorgen maßgeblich mit Erdgas betriebene Interims-Heizzentralen für die Wärmeversorgung. Zwei davon stehen derzeit am Ostwall. © Frauke Schumann/DEW21

Sie werden dort auch noch so lange benötigt, bis dieses landesweit einzigartige Projekt abgeschlossen sei. Wenn das soweit ist, werde Dortmund bereits die zukünftigen Anforderungen der Energiewende erfüllen. „Wir denken hier in Jahrzehnten“, sagt Flosbach.

Lesen Sie jetzt