Die große Blockade-Show von Extinction Rebellion

rnBesetzung der Möllerbrücke

Die Umweltgruppe Extinction Rebellion besetzt an einem Samstag eine wenig befahrene Brücke in Dortmund. Am Ende ist der Protest vor allem eines: eine große Show, meint unser Autor. Eine Analyse.

Dortmund

, 02.08.2020, 16:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den zwei Polizisten steht der Schweiß auf der Stirn: Zum dritten Mal sollen sie an diesem schwülheißen Samstagabend einen Demonstranten von der Möllerbrücke runter tragen, rund 60 Meter bis zu den Polizei-Bullis, wo die Personalien der Protestierenden aufgenommen werden.

Als sie nach einigen Meter die Fotografen passiert haben, die die Auflösung der Brücken-Blockade dokumentieren, reicht es einem der Beamten: „Jetzt haben Sie Ihre Fotos“, sagt er zu dem Demonstranten, einem mittelalten Herrn, der schätzungsweise um die 80 Kilo wiegt. „Laufen Sie den Rest des Weges mit uns?“ Der Demonstrant nickt kurz, streckt die angewinkelten Beine aus - und geht mit den Polizisten zu den Bullis.

Jenseits der Fotografen lief mancher Demonstrant selbstständig zur Personalien-Feststellung.

Jenseits der Fotografen lief mancher Demonstrant selbstständig zur Personalien-Feststellung. © Thomas Thiel

Es ist der letzte Akt einer ungewöhnlichen Protestaktion. Acht Stunden zuvor hat die Umweltgruppe Extinction Rebellion (XR) die Möllerbrücke zwischen Klinik- und Kreuzviertel besetzt, um auf einen drohenden Klimakollaps hinzuweisen.

XR hat die Aktion generalstabsmäßig geplant: Am Samstagvormittag stellen sich Umweltaktivisten - sie selbst sprechen von rund 80 Menschen, die Polizei später von etwa 60 - auf die vier Fahrbahnen der Brücke und blockieren sie so für den Verkehr. Parallel wird eine ausführliche Pressemitteilung an die Medien verschickt.

Mit dabei haben die Aktivisten große Plakate, zwei Gemüse- und Blumenbeete für die Mittelinsel, einen Camping-Pavillon - und einen eigenen Kameramann, der für die richtigen Bilder sorgen soll.

Spektakuläre Aktionen sind das Markenzeichen von Extinction Rebellion

Politischer und gesellschaftlicher Aktivismus ist ein Aufmerksamkeitsgeschäft: Will man seine Sache voranbringen, muss man in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen - dieser Grundsatz gilt in Zeiten von sozialen Medien mehr denn je.

Die Umweltaktivisten von XR haben diese Maxime verinnerlicht. Ihr Markenzeichen sind spektakuläre Aktionen: Erst 2018 gegründet erlangte die Gruppe schnell weltweite Bekanntheit durch Coups wie die gleichzeitige Besetzung von sechs wichtigen Themse-Brücken in London. In Deutschland gibt es mittlerweile über 130 Ortsgruppen der Bewegung, eine davon in Dortmund.

Die Dortmunder XR-Gruppe ist durchaus aktiv: Im Juni legten sich Aktivisten halbnackt und voller Kunstblut vor das Rathaus, im Juli sorgten sie mit einer Demo auf dem Wall für Verkehrsprobleme.

Das Problem: So richtig stören die Aktivisten niemanden

Die Grundstrategie von XR ist es, durch kreative Proteste die öffentliche Ordnung zu stören. So will die Bewegung, die auf gewaltfreien Protest und zivilen Ungehorsam setzt, Druck auf die Politik erzeugen, damit diese das weltweite Artensterben stoppt und etwas gegen die Klimakrise tut.

Das Problem an diesem Samstagnachmittag in Dortmund ist nur: So richtig stören die Aktivisten niemanden. Die Möllerbrücke ist kein Verkehrsknotenpunkt wie der Wall oder die B1, am Wochenende geht es hier ziemlich beschaulich zu.

Entsprechend entspannt ist auch die Polizei: Die Kundgebung sei zwar nicht angemeldet, sagt der Einsatzleiter vor Ort, man werde sie aber „versammlungsfreundlich“ behandeln. Heißt: Man lässt die Demonstranten erst einmal machen.

Eher Hippie-Sit-In als Rebellion

So plätschert der Protest am Nachmittag ziemlich vor sich hin: Die Aktivisten sitzen in kleineren Gruppen auf der Brücke, manchmal spielt jemand etwas Gitarre, mal gibt es eine kurze Rede. Das ganze gleicht eher einem Hippie-Sit-In als einer Rebellion. Währenddessen erledigen die Anwohner davon unbeeindruckt ihre Wochenendeinkäufe im benachbarten Supermarkt.

Entsprechend unschlüssig sind die Aktivisten, was sie tun sollen. Erste Demonstranten verabschieden sich. Der Bewegung, deren Erfolg zu einem großen Teil auf spektakulären Bildern beruht, fehlen eben diese.

Am Nachmittag ähnelte die Blockade auf der Möllerbrücke eher einem Sit-in.

Am Nachmittag ähnelte die Blockade auf der Möllerbrücke eher einem Sit-in. © Thomas Thiel

Schließlich hilft dann doch die Polizei: Nach knapp sieben Stunden verliert sie die Geduld und drängt auf das Ende der Versammlung. Schon vorher hatte sie XR eine Frist bis 17 Uhr gesetzt - dann sollte die Möllerbrücke geräumt sein. Als diese Frist eine Stunde überschritten ist und auch mehrere Aufforderungen, die Brücke zu verlassen, ignoriert wurden, bilden mehrere Dutzend Einsatzkräfte einen Ring um die Demonstranten.

Von denen ist noch ein harter Kern da, etwa zwei Dutzend. Die verbliebenen Aktivisten haben sich in mehreren Reihen auf die Fahrbahn gesetzt und alte Protestlieder angestimmt. Der angereiste NRW-Pressesprecher filmt die Szenerie mit dem Smartphone: „Ich streame live für Extinction Rebellion Deutschland“, sagt er im Vorbeigehen.

Kurz vor der Räumung: Polizisten bilden einen luftigen Kreis rund um den harten Kern der Extinction-Rebellion-Aktivisten.

Kurz vor der Räumung: Polizisten bilden einen luftigen Kreis rund um den harten Kern der Extinction-Rebellion-Aktivisten. © Thomas Thiel

Auch der XR-eigene Fotograf kommt auf seine Kosten. Als die ersten Aktivisten weggetragen werden, filmt und fotografiert er manche der „mutigen Rebellen“ (so XR Dortmund auf Twitter) auf ihrem ganzen Weg bis zu den Polizeibullis.

Als eine junge Aktivistin namens Pia nach der Personalien-Feststellung durch die Polizei einem Mitstreiter um den Hals fällt und ihn lange drückt, umkreist er das Paar ganz nah, die Kamera immer im Anschlag. Auf die Frage, ob das die Bilder seien, die er brauche, lächelt er breit.

„Das ist nur eine Ordnungswidrigkeit, wie falsch parken“

Aktivistin Pia hat sich derweil wieder von der Erfahrung der Personalien-Feststellung erholt. Es sei bereits das zweite Mal, dass sie bei einer Blockade von Polizisten weggetragen worden sei, erzählt sie. Sonderlich große Sorge vor einer Strafe hat sie nicht. „Das ist nur eine Ordnungswidrigkeit, wie falsch parken.“ Beim letzten Mal habe sie noch nicht mal ein Ordnungsgeld zahlen müssen.

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