Die Dortmunder Kinderklinik arbeitet aktuell an ihrer Kapazitätsgrenze. © Stephan Schütze
Klinikum Dortmund

Die Kinderklinik in Dortmund „ist rappelvoll“ – aber nicht wegen Corona-Infektionen

Die Dortmunder Kinderklinik arbeitet an ihrer Kapazitätsgrenze. Aktuell gibt es ungewöhnlich viele junge Patienten. Sorge macht dem Leiter Dominik Schneider der Winter.

Seit Anfang September arbeiten die Kinderkliniken in Deutschland an der Kapazitätsgrenze“, sagt Prof. Dr. Dominik Schneider, Direktor der Dortmunder Kinderklinik. Er war gerade erst auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin und kann sagen: „Das ist ein Phänomen, das wir deutschlandweit feststellen. Alle Kinderkliniken sind rand- und rappelvoll – auch die in Dortmund.“

Ursächlich dafür ist vor allem eine starke Zunahme von Atemwegserkrankungen. Es handle sich dabei aber nicht etwa um Covid-Erkrankungen, die dem Mediziner bei Kindern eher weniger Sorgen bereiten.

Erkrankungswelle bricht herein

Im September hätten nur zwei stationäre Fälle mit Corona-Nachweis in der Kinderklinik behandelt werden müssen – beide mit einem sehr milden Verlauf. Andere Krankheiten, vor allem Lungenentzündungen, würden hingegen zunehmen – und das „ungewöhnlich früh“, sagt Dominik Schneider.

Prof. Dr. Dominik Schneider leitet die Kinderklinik in Dortmund.
Prof. Dr. Dominik Schneider leitet die Kinderklinik in Dortmund. © Klinikum © Klinikum

Wegen des Lockdowns im Vorjahr ist die klassische Welle an Atemwegserkrankungen ausgeblieben. Jetzt bricht sie mit umso mehr Kraft über die Kinderkliniken herein. Vor allem bei Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) stelle man einen deutlichen Anstieg fest.

„Wir haben damit gerechnet, dass sich die RSV-Fälle in diesem Jahr häufen werden, wir sind aber überrascht über die Heftigkeit und den Zeitpunkt der Welle“, sagt Schneider. Mehr als zwei Dutzend Kinder habe man wegen einer Infektion schon behandelt. Das sei „extrem ungewöhnlich“, sagt Schneider. Im vergangenen Winter habe es nur einen stationären Fall mit RSV gegeben – wahrscheinlich wegen des Lockdowns.

„Kleine Atemwege verkleben praktisch.“

Das RS-Virus wird vor allem durch Tröpfcheninfektion übertragen. Eine Infektion kann eine Bronchitis oder Lungenentzündung auslösen. Schnupfen, Keuchhusten und Fieber sind Symptome. In schweren Fällen würden die kleinen Atemwege der Kinder praktisch verkleben, erklärt Schneider. „Schwere Krankheitsverläufe sind die Ausnahme, können aber auch hier auftreten.“

In diesen Fällen müsse Sauerstoff gegeben werden, in sehr schweren Fällen bekommen Kinder Atemunterstützung oder müssen vollständig beatmet werden. Besonders gefährdet sind ehemalige Frühgeborene und Säuglinge mit Herzerkrankungen.

Normalweise treten die RS-Infektionen erst in den Wintermonaten ab November und Dezember verstärkt auf. In diesem Jahr handle es sich offensichtlich um nachgeholte Infekte, stellt Schneider fest und betont, dass es aber auch zur Reifung des Immunsystems gehöre, dass junge Kinder Virusinfektionen erleben.

„Wenn Kinder überhaupt nicht in Kontakt mit Viren kommen, können Dysregulationen des Immunsystems wie beispielsweise Allergien häufiger auftreten.“

„Ein sehr arbeitsreicher Winter“

„Wir rechnen damit, dass es ein sehr arbeitsreicher Winter wird. Aktuell sind wir noch nicht so weit, aber es könnte notwendig werden, dass wir geplante Eingriffe absagen, um die Notfallpatienten zu versorgen“, sagt Schneider.

Problematisch sei die Situation auch, weil viele Fachkräfte in der Kinderkrankenpflege fehlen würden. Das hinge auch mit einer Reform der Pflegeberufe und einer Generalisierung der Pflegeausbildung zusammen.

Seit Januar 2020 sind die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegeausbildungen zu einer generellen Pflegeausbildung zusammengefasst worden. „Zu wenige Pflegeschulen in Deutschland bieten eine spezifische Ausbildung für die Pflege kranker Kinder an“, erklärt der Leiter der Dortmunder Kinderklinik.

Deutschlandweit könnten deshalb zwischen zehn und zwanzig Prozent der Stellen in Kinderkliniken nicht besetzt werden. In der Dortmunder Kinderklinik fehlten zuletzt etwa 25 spezielle Fachkräfte. Deutschlandweit fehlen etwa 3000 Kinderkrankenpflegefachkräfte. Gleichzeitig seien die Personalvorgaben insbesondere auf den Intensivstationen erheblich strenger geworden.

Über den Autor
Redakteur
Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach journalistischen Ausflügen nach München und Berlin seit 2021 Redakteur in der Dortmunder Stadtredaktion.
Zur Autorenseite
Lukas Wittland

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.