Legerer Dresscode im Büro lässt die Krawatte alt aussehen

rnBusiness-Casual-Trend

T-Shirt unter dem Anzug – das war vor einigen Jahren ein No-Go. Jetzt machen neue Dresscodes solche Kombinationen bürotauglich. Etwas ist in Dortmunds Büros aber doch noch oft verboten.

von Alexandra Wachelau

Dortmund

, 18.09.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die ehemalige Freizeitkleidung rückt in den Büroalltag vor. Jeans werden jetzt anstelle von Stoffhosen zu Sakkos getragen, Sneakers liegen voll im Trend. Diese Beobachtungen bestätigen sich sogar in den Chefetagen großer Firmen. Kein Wunder, denn ein Dresscode im Büro existiert in den meisten Firmen nicht mehr. Immer weniger Unternehmen schreiben ihren Mitarbeitern vor, was sie tragen sollen. Aber nicht alle in Dortmund gehen auf diesen lässigen Kleidungsstil ein.

Der Look ist entscheidend

Wie der Wandel, der sich im Dortmunder Büroalltag vollzieht, genau aussieht, weiß der Abteilungsleiter der Anzüge von Ansons, Soufian Khalki. Er bemerke vor allem, dass die Krawatte, die früher in vielen Arbeitsbereichen obligatorisch war, nun verschwindet. Sowohl die Anzugshosen als auch die eher freizeitlichen Chinos würden außerdem immer kürzer und schmaler. In vielen Berufsbranchen gebe es keine Richtlinien mehr, man kann sich individuell und frei kleiden.

Die Hersteller achten auf die Nachfrage der Kunden – und diese kaufen oft anhand des Dresscodes ihres Arbeitsplatzes ein. Je lockerer dieser ausfalle, desto mehr Angebote für entsprechende Kleidung finden sich in den Geschäften.

Zu den schmalen und knöchellangen Hosen gehen inzwischen sogar oft Turnschuhe.

„Vor zwei bis drei Jahren wäre das noch ein Unding gewesen“, weiß Khalki. Im Verkaufsgespräch rät der Berater dabei den Kunden, das zu kaufen, was im Trend liegt. „Acht von zehn gekauften Hosen müssen sowieso gekürzt werden“, schätzt Khalki. „Aber die meisten der Kunden entscheiden sich dabei für die kürzere und damit modischere Variante.“ Beliebt sei dabei beispielsweise der klassische Schnitt der Chinohose, man trage sie sowohl auf der Arbeit als auch am Feierabend mit Turnschuhen.

Allerdings sei bei den im Büro getragenen Turnschuhen der Look entscheidend, sagt Carina Neuhaus, stellvertretende Chefin des Schuhauses Vogelsang. „Edelsneaker sind inzwischen bürotauglich geworden“, sagt sie. Durch beispielsweise Strass- oder Lederapplikationen heben sich diese Schuhe von dem alten, unseriösen Bild des Turnschuhs ab. Klassische Büroschuhe kaufe der Dortmunder immer noch, doch „der Trend der Sneakers ist einfach viel ausgeprägter als früher.“

Zu festlichen Anlässen wie Kommunion oder Hochzeiten werden noch ganze Anzüge genommen, aber deutlich seltener zur Arbeit. Dies bestätigen sowohl Ansons als auch Emilio Andani und Walbusch.

Textilreinigungen sind anderer Meinung

Dortmunder Reinigungsunternehmen stimmen in diesem Thema nicht so überein wie die Verkäufer in den Bekleidungsgeschäften. Christian Brocke, Inhaber der Reinigung Brocke, stimmt zu, dass die Zahl der zu reinigenden Anzüge und Kostüme in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist.

Er begründet dies allerdings nicht mit dem veränderten Dresscode, sondern durch die veränderte Herstellungsart der Anzüge: Diese könnten im Gegensatz zu früher oft mit der Waschmaschine gereinigt werden. Und nicht alle Kleidungsstücke sind würden seltener getragen als früher: Oberhemden werden im Gegensatz zu den anderen Teilen immer noch oft und gerne in die Reinigung gegeben.

Dieter Schröder, Inhaber der Tetex-Textilreinigung, sagt dagegen, dass es zwar einen Trend gebe. Allerdings nicht, wie es die Verkäufer der Fachgeschäfte schätzten, seit den vergangenen fünf Jahren. „Seit dreißig Jahren schon tragen die Leute immer weniger Anzüge“, sagt er.

Auch Evelyn Schulte, der die Textilreinigung Drews gehört, sagt, dass es insgesamt weniger Aufträge für Anzüge und Kostüme gebe. Sie vermutet darin allerdings ein Branchenproblem, den Dresscode macht sie dafür nicht verantwortlich. Junge Leute, so habe sie beobachtet, legen wieder mehr Wert auf seriöse Kleidung.

Ein seriöser Auftritt für Kunden

Aber spiegelt dieses Kaufverhalten auch das wider, was die Dortmunder in ihren Büros tragen? „Unsere Kunden erwarten ein seriöses und gepflegtes Erscheinungsbild von ihrem Sparkassenberater“, heißt es von dem größten deutschen Geldinstitut zu diesem Thema.

Auch die Dortmunder Volksbank akzeptiert nur den bestmöglichen Auftritt bei ihren Kunden: „Für unsere Kolleginnen und Kollegen mit direktem Kundenkontakt ist ein klassisches, seriöses und gepflegtes Auftreten verpflichtend“, sagt Cristien Czech, Business Administrator von der Dortmunder Volksbank.

In der Tat herrscht in den Dortmunder Banken immer noch eine strikte Anzugspflicht, sowohl für den Mann als auch - als Hosenanzug oder als Kostüm - für die Damen. Lockerungen? Die gibt es ausschließlich bei heißen Temperaturen, wie etwa in diesem Sommer. Da durfte auch mal ohne Jackett gearbeitet werden, wenn der Chef oder die Chefin dem zugestimmt hat.

Jedoch ist die Bankenbranche inzwischen eine Ausnahme. Viele Unternehmen ziehen mit dem Trend und geben sich betont locker. „Bei uns gibt es keine Kleiderordnung, die von den Vorgesetzten vorgegeben wird. Diese Zeiten sind lange vorbei“, sagt der Personalleiter von der Versicherung Volkswohl Bund, Stephan Tocholski. „Jeder kann sich eigentlich so kleiden, wie er mag. Uns ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter sich wohl fühlen.“

Auch bedruckte Shirts tragen viele Dortmunder inzwischen gerne im Büro.

Auch bedruckte Shirts tragen viele Dortmunder inzwischen gerne im Büro. © Stephan Schütze

Business Casual

Die Big als eine der jüngsten gesetzlichen Krankenkassen Deutschlands, gegründet 1996, hält es genauso. Hier gab es von Anfang an keine Kleidervorschrift, informiert uns die Leiterin der Unternehmenskommunikation, Bettina Kiwitt. „Schon vor Jahren gab es von Seiten des Vorstands die Aussage, ein Dresscode für die Mitarbeiter sei zu konservativ, passe nicht zu einem Unternehmen, das sich als dynamisch versteht und flache Hierarchien lebt.“

Völlig grenzenlos sind die Auswahlmöglichkeiten aber dann doch nicht: „Der Mitarbeiter kleidet sich so, dass er jederzeit einem Kunden gegenübertreten kann“, sagt Kiwitt zu einer internen Regelung. Signal Iduna äußert ebenso, dass es keine Instanz gebe, die über Regeln entscheidet.

Nicht nur Versicherungen arbeiten mit diesem System. Bei dem Dortmunder Pumpenhersteller Wilo können die Mitarbeiter der Verwaltung ebenfalls frei entscheiden, was sie während ihres Arbeitstages anziehen. „Hier gilt der Kleiderkodex Business Casual“, sagt Jan Radzey, Leiter Strategie und Marketing von Wilo. Den Kunden begrüßt das Unternehmen vielleicht nicht im Anzug, aber auf jeden Fall in ansprechender und seriöser Kleidung.

Kleidungsstücke wie Flip Flops oder Miniröcke müssen also zuhause bleiben. „Das sind sicherlich no-gos“, sagt Kiwitt. Und auch Jan Radzey kommt trotz der Freiheiten noch nicht alles ins Büro: „Wichtig ist heute, dass die Kleidung dem Anlass entsprechend angepasst wird und das Unternehmen Wilo seriös vertreten ist.“

„Das ist einfach Mode“

Doch woran liegt diese Entwicklung? Verkäufer in den Fachgeschäften und Personalchefs Dortmunder Unternehmen stimmen alle in ihren Schätzungen überein: in den „letzten fünf Jahren“, habe sich in den Dortmunder Büros einiges getan.

„Vor einigen Jahren war es noch normal, dass insbesondere Führungskräfte in Anzug und Krawatte ins Büro kamen. Heute sehen Sie bei uns sehr wenige Kollegen mit Anzug und Krawatte“, sagt Tocholski. Moritz Freiherr Knigge, der heute noch Benimmregeln zusammenträgt, sieht mehr Flexibilität in den Büros. Zur Frage nach dem Rückgang der Krawatte fällt seine Antwort kurz aus: „Das ist einfach Mode.“ Die Regeln in Unternehmen würden sich dementsprechend ändern.

Aber auch eine Änderung in den Hirarchien sorge für einen entspannteren Umgang im Team, was sich auf die getragene Kleidung ausschlägt. Personalchef Tocholski kann da nur zustimmen: Er macht die neuen, jüngeren Führungskräfte als Grund für das veränderte äußere Erscheinen auf der Arbeit aus. Mitarbeiter erkennen ihre jeweilige Position nicht mehr anhand der Kleidung. Aber auch Sympathie will man durch das Ersetzen von Hemden durch Poloshirts gewinnen.

Amerika beeinflusst

„Begründet durch den spürbaren Fachkräftemangel versuchen viele Unternehmen hier bei den Mitarbeitern und bei Bewerbern zu punkten“, sagt Tocholski. Wohlbefinden am Arbeitsplatz stelle ein neues Kriterium bei potenziellen Mitarbeitern dar. Beqemlichkeit gewinnt.

Vorbilder sind aber auch die Trendsetterunternehmen aus dem Silicon Valley, das Zentrum aus der US-amerikanischen Computerbranche, die den modischen Trend mit Sneakers und Jeans vormachten.

„Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Amazon-Chef Jeff Bezos oder Apple-Chef Tim Cook sieht man eigentlich nie mit Krawatte. Deren herausragende Position gibt ihnen die Freiheit, sich von Regeln zu lösen“, sagt Kiwitt. Nachahmer dieser Unternehmen gibt es nun überall. Sogar die Autoindustrie zieht mit und tritt immer häufiger ohne Krawatte auf, weist Knigge auf Daimler-Chef Dieter Zetsche hin.

Negativ wird die Auflösung von Konventionen jedoch von den wenigsten bewertet. Viele Büroarbeiter tun die Veränderung als bloße Modeerscheinung ab, aber die meisten sind dankbar über die Lockerung. „Wir bekommen viel positives Feedback zu unserem entspannten Umgang mit diesem Thema“, bemerkt Tocholski vom Volkswohl Bund. Und auch Moritz Freiherr Knigge sagt: „Ganz feste Regeln, was angezogen werden darf, lassen sich gar nicht machen.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt