Die Männer aus Zellentrakt 4a

Resozialisierung in der JVA Dortmund

420 verurteilte Straftäter leben in der Justizvollzugsanstalt in Dortmund, weggeschlossen hinter schweren Zellentüren. Doch die zehn Insassen in der Abteilung 4a genießen eine Sonderbehandlung. Dort stehen die Türen offen, gibt es einen Kicker, einen Kochkurs - aber auch strikte Regeln. Ein Besuch.

DORTMUND

24.09.2015, 18:38 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Gefangenen von Abteilung 4a können zum Beispiel die Gemeinschaftsküche nutzen, um sich eigene Mahlzeiten neben der Regelversorgung zu kochen.

Die Gefangenen von Abteilung 4a können zum Beispiel die Gemeinschaftsküche nutzen, um sich eigene Mahlzeiten neben der Regelversorgung zu kochen.

"Besonders ausgesuchte Gefangene" wohnen im Anstaltsbereich 4a, sagt Sicherheitschef Josef Anders. Durch Gesprächsgruppen und Suchtberatung sollen sie ihre Drogensucht in den Griff bekommen und mit möglichst viel Austausch in der Gruppe auf ein straffreies Leben mit Therapie nach der Haft vorbereitet werden. Dass passiert durch verschiedene Angebote - Gruppensitzung, Gesprächsangebote, Therapie. Und alle 14 Tage treffen sich die Männer zum Kochen.

Nur wenige Stufen und ein Zellentrakt hinter einer schweren Holztür trennen die zehn Haftplätze, wie die Einzelzellen offiziell genannt werden, vom übrigen, härteren, trostloseren Knastalltag. Doch zwischen dem Leben auf dieser und den anderen Abteilungen liegen Welten: "Nicht jeder Inhaftierte der anderen Trakte hat einen Arbeitsplatz, der ihm Abwechslung von der Zelle und die Möglichkeit bietet, Geld zu verdienen", sagt Sicherheitschef Anders. Das liege unter anderem an der räumlichen Enge des alten Gebäudes inmitten der Innenstadt, das keine baulichen Erweiterungen mit Wirtschaftsgebäuden für zusätzliche Arbeitsplätze ermögliche.

Gefangene können kickern und Schach spielen

Während viele Insassen fast den ganzen Tag bis auf eine Stunde Freigang in ihren Einzel-, Zweier- oder Viererzellen mit sich zurecht kommen müssen, profitieren die Gefangenen auf der 4a von einem garantierten Arbeitsplatz, Aufschluss – das heißt, dass ihre Zellen nach der Arbeit bis 20.30 Uhr offen sind –, einem Kicker und Schachspiel auf dem gemeinsamen Flur sowie einer Küche, die sie zusätzlich zur offiziellen Gefängnis-Versorgung nutzen.

FOTOSTRECKE
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So sieht es beim Kochkurs in der JVA aus

In der Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt treffen sich die zehn Gefangenen regelmäßig, um gemeinsam zu kochen. Wir waren dabei - und zeigen mit Fotos, wie die Männer dort leben.
23.09.2015
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Ein Blick in die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt Dortmund. Gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Sozialpädagogin arbeiten ausgewählte Gefangene daran, bereit für die Zeit nach dem Gefängnis zu sein. Dazu gehört auch gemeinsames Kochen und Essen.© Foto: Dieter Menne
Die Gefangenen von Abteilung 4a können zum Beispiel die Gemeinschaftsküche nutzen, um sich eigene Mahlzeiten neben der Regelversorgung zu kochen.© Foto: Dieter Menne
Alle 14 Tage kommt eine ehrenamtliche Sozialarbeiterin vorbei, um mit den zehn Insassen von 4a gemeinsam zu kochen. Dabei stehen Ausgewogenheit und niedrige Kosten im Mittelpunkt.© Foto: Dieter Menne
Eine der Einzelzellen in der Justizvollzugsanstalt Dortmund. Wer hier seine Strafe absitzt, hat einige Freiheiten, auf die der Großteil der Mitgefangenen verzichten muss.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Das gemeinsame Essen ist für die Gefangenen auch eine Gelegenheit, ihre Sozialkompetenz zu trainieren. Dabei geht es unter anderem darum, mit kleineren Konflikten ruhig umzugehen.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
Die Abteilung 4a der Justizvollzugsanstalt.© Foto: Dieter Menne
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"Behandlungsorientierte Abteilung", nennt Sicherheitschef Anders diesen Anstaltsbereich, in dem „besonders ausgesuchte Gefangene“ durch Gesprächsgruppen und Suchtberatung ihre Drogensucht in den Griff bekommen sollen und mit möglichst viel Austausch in der Gruppe auf ein straffreies Leben mit Therapie nach der Haft vorbereitet werden. Um in den Genuss dieser Vorteile zu kommen, müssen die Männer sich in die Gruppe integrieren und zusätzliche Regeln einhalten.

Zwei unangekündigte Urinkontrollen pro Woche 

"Teilnahme an der Gruppe ist Pflicht. Während der Gruppensitzung gilt absolutes Rauchverbot. "Zweimaliges unentschuldigtes Fehlen sowie mangelnde Mitarbeit führt zum Ausschluss aus der Gruppe", steht auf einem Regelblatt an der Pinnwand im Gang. "Rücksicht auf Mitgefangene", wurde mit Kugelschreiber ergänzt. Außerdem gilt ein absolutes Drogenverbot. Das wird mit zwei unangekündigten Urinkontrollen pro Woche sowie permanenter ärztlicher Betreuung überwacht. Auch Drogenkonsum führt zum Ausschluss aus der Abteilung.

Die Gefangenen wissen die Vorteile zu schätzen. "Wer auf die Abteilung 4a kommt, hat sich entschieden, drogenfrei zu leben", sagt Darius M. Jeder werde individuell behandelt und habe wöchentliche Gesprächsangebote sowie die Möglichkeit, zusätzlich um Gespräche zu bitten. Das reduziere die Gefahr, rückfällig zu werden – zumal alle das gleiche Ziel haben: Haftverkürzung durch Therapie.

Dass es trotzdem nicht immer gelingt, hat Darius M. schon selbst erlebt. Dass er Drogen genommen hat, hat ihn fast den Haftplatz auf der 4a gekostet. "Ich hatte Glück und durfte bleiben", sagt der 47-Jährige erleichtert. Fotos und gemalte Bilder seiner kleinen Kinder an den Zellenwänden lassen ahnen, was er jeden Tag am meisten vermisst: seine Familie. Alle zwei Monate darf er seine sechs-, vier- und zweijährigen Kinder drei Stunden lang treffen. Jetzt fiebert er seiner für eine Therapie in Aussicht gestellten Entlassung Mitte November entgegen.

Kochen als Abwechslung zum drögen Knast-Alltag

Auch ein Kochkurs zur gesunden Ernährung, den eine Sozialpädagogin ehrenamtlich anbietet, gehört zum Pflichtprogramm. Alle 14 Tage treffen sich die zehn Insassen um 16.30 Uhr mit ihr, um zusammen zu kochen, zu essen, sich auszutauschen, entstehende Konflikte auszuhalten und sich auf den Speiseplan für das nächste Mal zu einigen.

"Der Kochkurs macht Spaß. Es gibt was Leckeres zu essen und man erlebt Abwechslung", erklärt der 26-jährige Andre H., warum alle Männer sich auf den Termin zum gemeinsamen Kochen freuen.

Möhren für Muslime

Auch an den übrigen Tagen steht den zehn Männern die Gemeinschaftsküche offen. Doch ein Blick auf die Einkaufsliste, die ihnen für Bestellungen offen steht, und in das Pappkarton-Regal am Zelleneingang von Andre H. mit Remoulade, Milch, Brot, Quark und leeren Plastikflaschen macht noch einmal deutlich, warum den Männern das Kochen hinter den Gittern so wichtig ist: Dieses Mal gibt es gebratene Schweineleber mit Kartoffelpüree und Zwiebeln sowie Hähnchenflügel auf Kartoffeln und Möhren für Muslime – eine genussvolle Abwechslung.

"Wir lernen hier, mit kleinem Geld gesund zu kochen", sagt Darius M. Nützliches Wissen, auf das der 47-Jährige ab November, wenn er zur Therapie entlassen werden soll, zurückgreifen will. "Der Kochkurs ist das größte Highlight, das wir haben", sagt Michael P., der sich mit Blick auf seine Entlassung in neun Monaten mehr Angebote zur Resozialisierung wünscht. Wie die anderen Inhaftierten der Abteilung ist auch er drogenabhängig und hat sich für eine Therapie entschieden, für die er voraussichtlich in neun Monaten auf Bewährung freikommt, wenn er sich an die Gruppenregeln hält.

Rückfallquote von 80 bis über 90 Prozent

Die Schwierigkeiten, draußen zurechtzukommen – ohne Arbeit und ohne Wohnung, mit Haftstrafen im Führungszeugnis – sowie die Rückfallquote von 80 bis über 90 Prozent hängen wie eine finstere Wolke über den Männern und wird ihnen von Mithäftlingen mit mehrfach verlängerten Gefängniskarrieren hautnah vorgelebt. "Was wir hier drin an Resozialisierung leisten können, ist das eine. Aber die eigentlichen Probleme warten draußen: kaum Aussicht auf einen Job, der die Möglichkeit bietet, sein Leben zu finanzieren", umreißt Thomas Kuhenne, seit 17 Jahren Betreuer in der JVA, die Probleme.

"Wenn wir die Männer entlassen, haben wir keinen Zugriff mehr auf sie", ergänzt Sicherheitschef Anders. Auf sich allein gestellt und in den allermeisten Fällen ohne Aussicht auf einen Job falle es unglaublich schwer, allein den Zigarettenkonsum, geschweige denn andere Bedürfnisse zu finanzieren. "Viele orientieren sich in dieser Situation in ihr altes Milieu und geraten erneut in Konflikte und anschließend wieder hierher", beschreibt Anders eine häufig erlebte Spirale.

Der Sog des Mileus

"Mit 400 Euro im Monat auszukommen, ist fast unmöglich", bestätigt Andre H., der früher Autos geknackt hat und auch nach verbüßter Haftstrafe wieder "automatisch in Autos geguckt" hat. Die Aussicht, innerhalb weniger Tage zu 1000 Euro zu kommen, sei einfach zu verlockend gewesen. Um einem ähnlichen Sog zu entgehen, will Darius M. nach seiner Entlassung zur Therapie nach Mülheim ziehen, um Abstand zu kriegen.

"Der Kontakt zur Familie oder zu Bekannten, bei denen die Männer nach der Haft arbeiten können, ist oft der einzige Ausweg aus dem Teufelskreis", weiß Anders. Deshalb werde die Kontaktpflege nach draußen – zu Angehörigen und Freunden, als eins der höchsten Güter gepflegt. Denn sie bieten die beste Perspektive auf ein straffreies Leben nach der Entlassung.

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