Die schwierige Spurensuche nach den Anschlägen

Nebensache Halbfinale

Nach der Sprengstoffattacke auf den Mannschaftsbus des BVB tauchen Stunden später die ersten Bekennerschreiben auf. Drei Sprengsätze wurden gezündet, ein Spieler und ein Polizist sind verletzt, die Öffentlichkeit ist fassungslos. Eindrücke aus einer Nacht, die den möglichen Halbfinaleinzug des BVB zu einer Nebensache machten.

DORTMUND

, 12.04.2017, 12:17 Uhr / Lesedauer: 5 min
Die schwierige Spurensuche nach den Anschlägen

Polizei sichert Spuren nach Attacke auf BVB-Bus

Als Dortmunds Polizeipräsident am späten Dienstagabend gegen 23.05 Uhr eine Pressekonferenz eröffnet, wählt er bewusste Worte. Es sei ein früher Zeitpunkt, um zu informieren, wenig sei bisher bekannt und „nicht alles wird man sagen können“. Man sei von Anfang an von einem Anschlag auf Spieler des BVB ausgegangen, es habe gegen 19.15 Uhr drei Explosionen im Umfeld des Hotels gegeben.

Man kann auch am Morgen nach dem Anschlag auf den BVB-Bus mit Gewissheit nicht viel sagen. Die Generalbundesanwaltschaft hat am Mittwochmorgen die Ermittlungen übernommen, ein Bekennerschreiben mit islamistischem Hintergrund am Tatort wurde gefunden. Ein anderes Bekennerschreiben, strotzend vor Rechtschreibfehlern, das die Tat dem linken Spektrum zuordnet, tauchte in der Nacht im Internet auf.

Die Deutung und Einbettung der Tat hat begonnen

Die Wittbräucker Straße im Dortmunder Süden ist am Morgen noch gesperrt, vor den Sperren Pressevertreter, jeder Fitzel an vermeintlichem Erkenntnisgewinn wird nach außen geblasen, die Deutung und Einbettung der Tat hat begonnen – dabei sind die Spurensucher noch aktiv, die Ermittlungen laufen und was da genau geschah, wer kann das jetzt sagen?

Die Staatsanwältin Sandra Lücke könnte vielleicht, will aber nicht. Ihre Worte bei der Pressekonferenz im Polizeipräsidium lassen sich wie folgt zusammenfassen: Der Hintergrund ist unklar, es steht der Verdacht eines versuchten Tötungsdeliktes im Raum, ein Schreiben wurde aufgefunden, dessen Echtheit überprüft wird und zu deren Inhalt sie trotz hartnäckiger Nachfragen nichts sagen wird.

Schwarze Splitter liegen vor geparkten Wagen

Das Hotel L’Arrivée liegt an der Wittbräucker Straße, vor Heimspielen übernachtet hier die Mannschaft. Es ist verhältnismäßig ruhig hier auf der Anhöhe, an der das Hotel etwas versetzt liegt. Um zu dem Hotel zu gelangen, muss man auf einer kleinen Straße vielleicht 150 Meter in Richtung Hotel fahren und hier, auf dieser kleinen Straße, so sieht es zumindest am Dienstagabend aus, wurde der Bus attackiert.

Schwarze Splitter liegen vor geparkten Wagen, die wiederum vor einer Hecke stehen, die teilweise zerstört ist. Der Bus ist dann noch auf die Wittbräucker Straße gefahren und dort nach 20, vielleicht 30 Metern zum Stehen gekommen. Auch hier liegen kleine schwarze Splitter, die sich aus der Zweifachverglasung des Busses gelöst haben.

Sven Bender sagte dem Busfahrer, er solle weiterfahren

Ein Anwohner sagt, er habe gegen 19.15 Uhr einen fürchterlich lauten Knall gehört und Sascha Fligge, Mediendirektor des BVB, wird später in der Nacht im Polizeipräsidium sagen, ein Spieler habe sich gedacht: „Muss da jetzt wieder einer einen Stein werfen?“. Dann habe Marc Bartra, Verteidiger, geschrien. Einige Spieler hätten sich auf den Boden geworfen, andere geduckt und Sven Bender habe dem Busfahrer gesagt, er solle weiterfahren. Was der dann ja auch tat.

Bartra hat eine gebrochene Speiche im Handgelenk und mehrere Fremdkörper im Arm. Ob es sich dabei ebenfalls um schwarze Splitter der Verglasung oder um Splitter aus den Sprengkörpern handelt, dürften nur die Ärzte wissen, die Bartra noch in der Nacht operiert haben. Auch verletzt, das geht in der Nacht zunächst unter, wurde ein Motorradpolizist, der als Teil einer üblichen Eskorte den Bus begleitete.

Jörn Melzer hat ganz in der Nähe des Tatortes ein Fitnessstudio, eine "Personal Fitness Lounge". Es habe, sagt er am Mittwochmittag, nur einen einzigen, sehr lauten Knall gegeben. Hotelgäste hätten, als man gemeinsam auf der Straße stand, davon gesprochen, dass überall auf der Straße Nägel liegen würden. Eine Anwohnerin, die in rund 50 Meter Luftlinie vom Anschlagort wohnt, sei dann dazu gekommen. Sie sei, sagt Melzer, den Tränen sehr nahe gewesen und habe gesagt, Nägel würden jetzt bei ihr im Wohnzimmer liegen. Sie sei so froh gewesen, zum Zeitpunkt der Explosion nicht im Wohnzimmer gewesen zu sein.

Spezialeinheiten wurden großflächig eingesetzt

Laut Gregor Lange wurde nach den Explosionen „Vollalarm ausgelöst“, alle verfügbaren Polizeieinheiten samt Spezialeinheiten wurden großflächig eingesetzt, Hunde kamen zum Einsatz, um weitere Sprengkörper zu finden. Sie finden dann auch einen Gegenstand, der zunächst für verdächtig gehalten und sich später als Müll herausstellen wird.

Auf der kleinen Wiese zwischen Hotelmauer und Wittbräucker Straße sammeln sich die Spieler samt Trainer Tuchel und den anderen Menschen, die im Bus saßen. Sie werden kurz nach der Tat alleine oder in Gruppen den Ort verlassen. So läuft gegen 20.45 Uhr der Spieler Julian Weigl alleine die Straße herunter, passiert eine Polizeiabsperrung, zum Anschlag selber will er nichts sagen. Später wird ihm auf dem gleichen Weg Felix Passlack folgen, er ist der jüngste Spieler im Kader und wird von zwei Polizisten eskortiert. Zu der Zeit sucht die Dortmunder Polizei den Anschlagsort aus der Luft mit einer Drohne ab.

Polizei-Präsident spricht von „abstrakter Terrorismusgefährdung“

Während der Pressekonferenz im Präsidium im Raum 1.110 erwähnt Gregor Lange eine „abstrakte Terrorismusgefährdung“ und will, so erläutert er auf Nachfrage, damit die erhöhte Alarmbereitschaft seiner Kollegen ansprechen. „Mehrere Szenarien sind denkbar“, er will nicht spekulieren, es müsse ermittelt und professionell gearbeitet werden.

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Am nächsten Tag dann steht doch wieder die Terrorgefahr im Raum. Laut Informationen des Recherchezusammenschlusses von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung beginnt das  Bekennerschreiben, das in unmittelbarer Tatortnähe gefunden wurde mit den Worten: "Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen". Da sich deutsche Tornados daran beteiligen würden, Muslime im Kalifat des „Islamischen Staates“ zu ermorden, stünden ab sofort Sportler und andere Prominente auf einer „Todesliste des Islamischen Staates“.

Ein solcher Anschlag wäre ein absolutes Novum für den IS

Das Schreiben, sagte Staatsanwältin Lücke noch in der Nacht, werde intensiv auf seine Echtheit geprüft. Was man mit Sicherheit schon jetzt sagen kann, ist, dass ein solcher Anschlag, wenn er von Islamisten begangen worden wäre, ein absolutes Novum wäre. Hätte er dann nicht noch mehr auf Vernichtung und Schrecken gesetzt, als es jetzt schon der Fall ist? Es erscheint als denkbar, dass mit diesem Schreiben eine falsche Spur gelegt werden sollte.

So wie auch mit dem im Internet veröffentlichten Schreiben, in dem Linksradikale angeben, den BVB wegen seines mangelnden Handelns gegen Rechtsradikale als Ziel auserkoren zu haben. Natürlich gibt es rechtsradikale Fans beim BVB, es gehen pro Spiel über 80.000 und bei internationalen Spielen über 65.000 Fans ins Stadion. Aber auch wenn das Engagement des Vereins gegen Rechtsradikale vielleicht verspätet aufgenommen wurde – die Problematik kleinzureden oder zu negieren, das kann man dem BVB seit einigen Jahren tatsächlich nicht vorwerfen.

Waren der oder die Täter in Tatortnähe?

Ein Journalist stellt Sascha Fligge vom BVB die Frage, ob an dem Gerücht etwas dran sei, dass der Verein erpresst worden sei. Fligge antwortet, davon würde er zum ersten Mal hören. Und so stehen da die beiden Bekenntnisse im Raum, die, jedes für sich, instrumentalisiert und als Wahrheit verkauft werden dürften, noch ehe die Ermittler Grund in die Sache gebracht haben.

Wie zum Beispiel auch bei der Frage, was das eigentlich für Sprengkörper waren. „Ernstzunehmende Sprengsätze“ seien das gewesen, sagt Gregor Lange in der Nacht. Wer wenige Stunden zuvor den Bus gesehen hatte, weiß, dass die Zweifachverglasung der nicht gepanzerten Scheiben zwar teilweise gesplittert ist, aber nicht aus ihrer Fassung brach. Und wie wurden sie eigentlich so gezündet, dass sie den Bus trafen? Waren der oder die Täter in Tatortnähe, lief es über eine Fernzündung, detonierten sie gemeinsam oder einzeln? Auf diese Fragen gibt es noch keine Antworten, wie es auch auf viele Fragen noch keine Antworten gibt.

Spiel ist zur Nebensache geworden

Viel zu früh sei es für weitere Aussagen, sagte in der Nacht die Staatsanwältin, die Ergebnisse der weiteren Ermittlungen würden entscheiden, ob sich der Generalbundesanwalt einschalten und die Ermittlungen an sich ziehen wird. Das hat die Generalbundesanwaltschaft dann wenige Stunden später am Mittwoch getan.

Um 14 Uhr will sich ein Sprecher der Behörde zu dem Fall äußern, um 18.45 Uhr am gleichen Tag soll dann in Dortmund ein Fußballspiel angepfiffen werden. Borussia Dortmund gegen den AS Monaco. Das Hinspiel um den Einzug in das Halbfinale der Champions League. Ein wichtiges Spiel für den Verein  - und doch nach dem Geschehen in der Nacht zuvor lediglich eine Nebensache. Es gebe keine andere Möglichkeit, sagt Sascha Fligge in der Nacht, keine andere Möglichkeit als dieses Spiel zu spielen. Und ergänzt: "Dieses Spiel für Marc zu spielen."

 

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