Die Straße der Laster und Vergnügen

rnDas Leben in der Brückstraße

Wer Streit sucht oder eine schnelle Mahlzeit, ein Sinfoniekonzert hören will oder Popmusik aus den Lautsprechern der Nagelstudios, geht auf die Brückstraße. Seit mehr als 100 Jahren frönen die Dortmunder hier dem Laster und Vergnügen – das sorgt bis heute für Konflikte.

Dortmund

, 14.06.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor dem Konzerthaus liegt eine knallpinke Plastikflasche und rollt in der frühsommerlichen Brise hin und her. Zwanzig Meter weiter sitzt ein junger Mann in Jogginghose und T-Shirt, ein breites Grinsen im Gesicht. Auf ein großes Stück Pappe hat er gekritzelt: Brauche Geld für Gras!

Es riecht nach Leben

„Doch, meistens funktioniert das“, sagt er. „Hallo!“, ruft er einem Mann und dessen Tochter zu. Sie gehen mit abgewandtem Gesicht vorbei. „Die meisten finden es sogar lustig“, sagt der junge Mann. Eine junge Frau mit blondgefärbten Haaren und hochhackigen Schuhen bleibt stehen und macht ein Selfie mit dem jungen Mann samt Schild. Sie finde es gut, dass er so ehrlich sei, sagt sie, und gibt ihm etwas Geld. Als sie weitergegangen ist, zündet sich der junge Mann einen Joint an.

Marihuanageruch zieht über die Kreuzung und vermischt sich subtil mit all den anderen Gerüchen: Dönerbudenfett und Nagelstudiochemie und Räucherstäbchen und Urin und Autoabgase und Parfüm und Schweiß und eine Million Tröpfchen Bier, die zwischen den Pflastersteinen versickert sind, weil Pfandsammler die Flaschen ausleeren, bevor sie sie einstecken. Man könnte auch sagen, es riecht nach Leben und Laster – und wie ein Geisteresel.

„Schlips“ ist ein Urgestein

Es gibt da diese alte Geschichte. In früherer Zeit gab es die Kneipe „Zum Esel“. Und man erzählte sich, dass jedem, der dort zu lange zecht, beim Heimweg ein geisterhafter Esel auf den Rücken springt. Wer solcherart besessen wird, muss so lange die Brückstraße auf und ab gehen, bis der Esel von selbst ablässt.

Im Mittelalter mag so eine Geisteresel-Schauergeschichte ihren Schrecken gehabt haben. Der selbstbestimmte Mensch des 21. Jahrhunderts dagegen würde erst mal ein Selfie machen, mit grinsender Eselschnute über der rechten Schulter.

Darauf erst mal ein Schnäpschen! Gibt’s im „Schlips.“ Und den „Schlips“ hat es hier praktisch schon immer gegeben, zeitweilig war er mal eine Schwulenkneipe mit Diskokugel und rosa Anstrich, darunter war aber immer das alte Interieur, das an die Jahrhundertwende erinnert und die Zeit, in der Bergleute ihren halben Lohn hier vertranken, hier und in all den anderen Etablissements, Kinos, Cafés, Restaurants, Varietés, Theatern, Automatenhallen, Stundenhotels, Jazzkellern, Stehkneipen, Singspieltheatern, Trinkhallen.

Seit 130 Jahre Amüsiermeile

So lange, wie die Brückstraße eine Amüsiermeile ist – also ungefähr seit 130 Jahren – so lange stören sich die Dortmunder schon daran. „Großstadtleben muss ja sein“, seufzte der „Generalanzeiger“ im Jahr 1911. „Aber gewisse Grenzen sind doch gegeben. Die Geräusche in der Brückstraße gehen in jüngster Zeit über alles Maß und Ziel. Ein ewiger Strom von Trinkfreudigkeit, Ohrenschmaus und Augenweide rauscht durch die Straße.“

Mein Gott, möchte man rufen, irgendwo müssen sie halt hin, Trinkfreudigkeit, Ohrenschmaus und Augenweide! Irgendwo muss man halt hin, wenn man um halb drei, halb vier, halb fünf etwas sehr Fettiges, sehr Salziges mit sehr viel scharfer Soße essen will.

Die Straße der Laster und Vergnügen

Die Brückstraße lebt, trotz schlechtem Image. © Helene Pawlitzki

Zahl der einfachen Körperverletzungen gestiegen

Natürlich findet es keiner toll, dass auf der Brückstraße ab und zu Prügeleien stattfinden und Handys geklaut werden. Aber dafür hat die Polizei ja Kameras installiert, auf die sie sehr stolz ist. Die schwere Gewaltkriminalität sei gesunken, die schweren Körperverletzungen und Raubtaten auch, verkündete der Polizeipräsident im Dezember 2017, ein Jahr nach Installation der Kameras. Die Zahl der einfachen Körperverletzungen sei gestiegen. Das erklärt die Polizei damit, dass sie präsenter ist.

Wer gerade eins auf die Nase gekriegt hat, erstattet an Ort und Stelle Anzeige. „Ich glaube, die Gäste fühlen sich nicht immer wohl hier“, sagt Alexander Terzakis vorsichtig. Er ist Veranstaltungsleiter der „Schauburg“, des ältesten Kinos von Dortmund, seit 1913 an der Brückstraße. „Ich persönlich finde, die Sicherheitslage ist einigermaßen in Ordnung. Aber es geht schon manchmal ziemlich rau zu. Zum Beispiel zur Sperrstunde.“

Mehr Polizeipräsenz gefordert

Wenn in den frühen Morgenstunden alle Etablissements ihre hartnäckigsten Gäste auf einmal entlassen, gibt es manchmal Tumulte – oder kontrollierte Blasenentleerungen vor der Tür der „Schauburg“. „Ich fände es nicht verkehrt, wenn die Polizei hier öfter unterwegs wäre“, sagt Terzakis.

Ahmed Reihani, der seit mehr als 30 Jahren ein vegetarisches Restaurant an der Ecke Gerberstraße betreibt, sagt dagegen: „Diese Zeit im Moment kann man nicht mit 1988 vergleichen.“ Damals musste er Dealer und Junkies aus seinem Laden jagen, wenn sie dort ihre Ware verstecken wollten.

Die Qualität des Essens steigt

Ende der 80er, Anfang der 90er waren Prostitution und Drogenhandel vom Steinplatz auf die Brückstraße verdrängt worden. Der „Platz von Leeds“ wurde zum Dauerquartier von Junkies. Es brauchte Jahre und die gemeinsame Anstrengung der Stadt, der Polizei und der Anlieger der Brückstraße, um das Viertel sozial und baulich einigermaßen zu sanieren. Sein schlechtes Image ist es nie wirklich losgeworden.

So mancher macht sich Sorgen, dass die Brückstraße langsam endgültig zur reinen Fressmeile wird. Immer mehr Boutiquen verschwinden. Stattdessen eröffnet ein Imbiss nach dem anderen. Allerdings gibt es mittlerweile nicht mehr nur Döner, sondern auch Quesadillas oder Buddha Bowls. Die Qualität steigt, das Publikum wird zahlungsfreudiger.

Die Straße der Laster und Vergnügen

Immer mehr Imbisse gibt‘s an der Brückstraße. © Helene Pawlitzki

Steht ein Umbruch an?

Mittags reiten die Anzugträger auf ihren Eseln über die Brückstraße. Orchestermusiker und Sänger, erzählt Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa, schätzten es besonders, dass sie nach 22 Uhr auf der Brückstraße problemlos etwas zu essen bekämen. Wenn in ein paar Jahren die Studenten-Appartments entstanden sind, wo heute die Karstadt-Ruine schwelt – wird dann der Einzelhandel wieder florieren, kommen Supermärkte und Drogerien an die Brückstraße und vielleicht ein paar Studentenkneipen?

Wie schön wäre es, wenn die Brückstraße weiter für alle da wäre: die Armen und Reichen, die Feinen und die Groben, die mit Esel auf dem Rücken und die ohne.

Helene Pawlitzki lebt seit 2005 in Dortmund und arbeitet als Lokalreporterin bei der Rheinischen Post in Düsseldorf. Für die Aktion „Reportertausch“ des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger arbeitete sie eine Woche bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund mit. Sie widmete sich ausgiebig der Brückstraße.
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