Diese Frauen kümmern sich um das Aussehen von Leichen

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Das Bestattungsunternehmen Lategahn hat zwei Mitarbeiterinnen, die Leichen wieder schön machen. Thanatopraxie heißt dieses Handwerk, das nur wenige Frauen in Deutschland beherrschen.

Hörde

, 28.11.2019, 13:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit einem schwarzen Drehknopf beginnt die nächste Etappe auf einer Reise, die in Wirklichkeit beendet ist. Wenn Julia Fialek und Raphaela Kernspecht-Schletter diesen Knopf drehen, fließt Konservierungsflüssigkeit aus einer Maschine hinein in den Körper eines Toten.

Fialek (27) und Kernspecht-Schletter (37) sind Bestatterinnen beim Hörder Bestattungsunternehmen Lategahn vor den Toren von Phoenix-West.

Schon als Schülerin im Praktikum beim Bestatter

Wenn sie arbeiten, dann stehen sie meist an den Gräbern der Verstorbenen – oder in einem weiß gefliesten Raum mit einem Seziertisch in der Mitte.

Sie beherrschen ein Handwerk namens Thanatopraxie, ein Begriff, der sich aus den griechischen Worten für Handwerk und Tod ableitet.

Diese Frauen kümmern sich um das Aussehen von Leichen

Thanatopraxie ist ein Handwerk. Und zu einem solchen gehört auch Werkzeug. © Michael Nickel

„Als Bestatter waschen wir die Verstorbenen, wir kleiden sie ein und versorgen Wunden. Thanatopraxie geht noch einen Schritt weiter“, sagt Fialek. Schon als Schülerin hat sie ein Praktikum bei Lategahn gemacht, 2008 hat sie hier ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft begonnen.

Vor wenigen Jahren kam die einjährige Weiterbildung in Thanatopraxie hinzu. Das Zertifikat hängt eingerahmt im Eingangsbereich des Bestattungsunternehmens.

Einer der ersten Thanatopraktiker Deutschlands arbeitete hier

„Lothar Tewes, einer der ersten Thanatopraktiker in Deutschland, war mein Lehrmeister bei Lategahn“, sagt Julia Fialek. „Viel zu früh ist er verstorben, aber hat bei mir einen bleibenden und prägenden Eindruck hinterlassen und auch mein Interesse an der Thanatopraxie geweckt.“

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Ihre Kollegin Raphaela Kernspecht-Schletter ist seit vier Jahren Bestatterin. Zuvor hat sie als Notar- und Rechtsanwaltsfachangestellte gearbeitet. Von Akten und Paragrafen ist sie zu Toten und Trauer gewechselt.

Diese Frauen kümmern sich um das Aussehen von Leichen

Nicht nur an die Körper gehen Julia Fialek und Raphaela Kernspecht-Schletter. Zur Bestattung binden sie auch Krawatten. © Michael Nickel

„Die Angehörigen kommen oft voller Ängste hierhin und wissen nicht, ob sie Abschied nehmen sollen“, sagt sie. Die 37-Jährige will dabei helfen, dass die Angehörigen sich nicht mehr fürchten müssen. Als bei Lategahn ausgebildete Bestattungsfachkraft durchläuft sie im kommenden Jahr die Weiterbildung zur Thanatopraktikerin.

„Wir können ganz viel bewirken“

Das Ziel der Thanatopraxie sei es, „die Verstorbenen so aussehen zu lassen, wie Freunde und Familie sie vorher gekannt haben“, sagt Kernspecht-Schletter. „Wenn sie nicht wiedererkannt werden, macht es keinen Sinn.“

Frauen, die in ihrem Leben beispielsweise nur mit Lippenstift und Rouge aus dem Haus gegangen sind, sollen auch auf ihrer letzten Reise so aussehen.

„Wir können viel bewirken. Ganz oft erhalten wir beim Abschied Rückmeldungen von den Angehörigen“, sagt Susanne Lategahn. Sie leitet zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn das Unternehmen, das in diesem Jahr 125-jähriges Bestehen gefeiert hat.

Diese Frauen kümmern sich um das Aussehen von Leichen

Die wichtigsten Gefäße des menschlichen Körpers auf einen Blick. © Michael Nickel

Die meisten Menschen sterben zu Hause oder im Krankenhaus. Sie sterben aber auch nach Unfällen und schweren Krankheiten: Krebs zehrt ihre Gesichter aus, Autounfälle machen die Menschen nicht mehr erkennbar.

Vor allem bei plötzlichen Todesfällen sei die Rekonstruktion umso wichtiger, sagt Lategahn. Oft genügt ein Foto, damit Fialek und Kernspecht-Schletter Gutes bewirken können.

Thanatopraxie ist keine plastische Chirurgie

Die beiden Thanatopraktikerinnen sind keine plastischen Chirurginnen, sondern dafür da, dass Menschen am offenen Sarg Abschied nehmen können von ihrer Schwester, ihrem Vater, der Oma oder dem eigenen Kind.

In dem Raum mit den weißen Fliesen an der Hochofenstraße in Hörde sorgen die zwei Bestatterinnen auch mit Massage und Eincremen für die Erhaltung des Körpers.

Die Betreuung der Angehörigen und die Thanatopraxie werden voneinander getrennt, nicht immer kennen sie die Todesumstände. „Manchmal ist das gut“, sagt Fialek. „Wenn jemand stirbt, ist das schlimm. Aber was passiert ist, ist passiert. Wir können nur helfen, es begreifbarer zu machen.“

11 Frauen dabei

Deutschlandweit weniger als 100 Thanatopraktiker

  • Wie der Bundesverband Deutscher Bestatter auf Anfrage mitteilt, haben seit 2003 74 geprüfte Thanatopraktiker die Vorbereitungslehrgänge beim Deutschen Institut für Thanatopraxie erfolgreich abgeschlossen. Darunter 11 Frauen.
  • Das Bestattungsunternehmen Lategahn ist zu finden in der Hochofenstraße 12 in Hörde. Kontakt ist möglich unter Tel. 411122 und per Mail an info@lategahn.de.
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