Viel unterwegs, trotzdem Abi: Diese drei jungen Frauen haben ihr Abitur im Internet gebaut

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In Dortmund gibt es deutschlandweit das einzige Online-Abitur-Angebot für „beruflich Reisende“. Eine Abiturientin erzählt, warum der Schulabschluss für sie nur online möglich war.

von Tara Bunk

Dortmund

, 10.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Wer als Schausteller oder Artist Abitur machen will, ist auf ein flexibles Angebot angewiesen, das nicht zwangsläufig im Klassenraum stattfindet. Beruflich Reisende werden diese Menschen auf Beamtendeutsch genannt. Und für die bietet die Bezirksregierung Arnsberg in Zusammenarbeit mit dem Westfalenkolleg in Dortmund seit 2009 den Kurs „Abitur-online (Beruflich Reisende)“ an.

Diesen Weg zur Allgemeinen Hochschulreife haben jetzt drei junge Frauen erfolgreich abgeschlossen.

Eine der Abiturienten ist die 20-jährige Marlena Möhlmann. Als Schaustellerin reist sie mit ihrer Familie durch Deutschland. Als eine von wenigen Schaustellern hat sich entschieden, ihr Abitur online nachzuholen - und war dabei richtig erfolgreich. Die 20-Jährige wurde mit einem Abiturschnitt von 1,9 von der Schule geehrt.

Was ist ein Online-Abi-Kurs?

„Das System ist angepasst an unsere Lebensumstände“, erklärt Möhlmann. Etwa die Hälfte der Unterrichtszeit verbringen die Schüler zu Hause im Selbstunterricht. Dabei bestimmen sie selbst, wann sie lernen, werden aber auch von der Schule unterstützt. Der Austausch mit der Schule erfolgt über eine Online-Plattform, auf der die Schule Aufgaben und Materialien für die Schüler hochlädt.

Alle zwei Wochen mussten die Schüler zu einem Präsenztag nach Dortmund anreisen. „Der ging dann oftmals so von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends“, bericht Möhlmann. Dann wurden Klausuren geschrieben, Unterrichtsstunden gegeben und Fragen geklärt, die beim Selbstunterricht entstanden sind.

Speziell für beruflich Reisende

  • In NRW bieten 19 Weiterbildungskollegs das Online-Abitur an.
  • Das Programm für beruflich Reisende ist eine besondere Spezialisierung des Westfalenkollegs Dortmund.
  • Allgemeine Abitur-online-Kurse richten sich an Berufstätige, Arbeitssuchende oder Eltern, die neben ihren Tätigkeiten die Fachhochschulreife oder das Abitur erwerben möchten.

„Abitur online hört sich relaxter an als normales Abi“, sagt Möhlmann. „Aber wenn man mal dahinter schaut, ist es doch sehr anstrengend.“ Das System verlangt von den Teilnehmern hohe Belastbarkeit, aber auch eigenständiges Zeitmanagement und Teamfähigkeit. „Man muss ambitioniert sein“, so Möhlmann. Im Laufe der Zeit schrumpfte der Kurs von sechs Teilnehmern auf drei zusammen. Vor allem wegen des Berufs seien manche abgesprungen, erzählt die 20-Jährige.

In der Regelschule vor der Klasse bloßgestellt

Abitur sei in ihren Kreisen eine Ausnahme, berichtet Möhlmann. Generell habe sie und Kinder in derselben Situation keine guten Erfahrungen mit Schule gemacht. „Die Lehrer hatten oftmals Vorurteile“, sagt sie, sie wussten nicht mit den Schaustellerkindern umzugehen.

Möhlmann erzählt, wie sie einmal als schüchterne Sechstklässlerin vor der gesamten, ihr fremden Klasse bloßgestellt worden sei, weil sie die falschen Vokabeln gelernt hatte.

„Was sollen wir mit dem Schaustellerkind?!“ sei den Lehrern ins Gesicht geschrieben gewesen. „Sie hatten einfach keinen Bock auf uns“, glaubt Möhlmann.

Online-Abitur seit 2019

  • Im Auftrag des NRW-Schulministeriums hat das Westfalen-Kolleg 2009 damit begonnen, einen spezifischen Lehrgang für beruflich Reisende zu entwickeln, der in drei Jahren zur Allgemeinen Hochschulreife führt.
  • Vorrausgesetzt werden in der Regel ein Mindestalter von 18 Jahren zum ersten Semester und die Mittlere Reife.

Verständlich, dass die meisten Jugendlichen aus Schausteller oder Zirkus-Familien den Weg bis zum Abitur nicht noch zusätzlich gehen wollen. Häufig heiße es: „Als Schausteller braucht man kein Abi. Aber das ist Mist!“, sagt Möhlmann. Für sie sei das Online-Abi mehr als nur Schule gewesen. „Ich bin daran gewachsen.“ Die langen Anreisen, Übernachtungen bei Mitschülern und die kleine Unterrichtsgruppe hätten zudem zu festen Freundschaften geführt.

Und nun? Die frischgebackene Abiturientin überlegt, Grundschullehramt zu studieren und Bereichslehrkraft zu werden - also eine begleitende Lehrerin, die mit der Förderung und Beratung der Kinder beruflich Reisender beauftragt ist. „Vielleicht ein Fernstudium“, überlegt Möhlmann.

Empfehlen kann sie ihren Weg zum Abitur auf jeden Fall. „Ich rühre hier bei meiner Familie schon die Werbetrommel“, so Möhlmann. Auch ihre kleine Schwester überlegt nun, ihr Abitur online nachzuholen. Möhlmanns Tipp: „Auf jeden Fall probieren! Nicht direkt sagen ‚Schule? - ne das mag ich nicht.‘“

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