Welche Größe ist eigentlich normal? Fragen wie diese treiben auch Dortmunder Teenager nach wie vor um, wie zwei Experten wissen. © Charles Deluvio/Unsplash
Sexuelle Bildung

Diese Sex-Mythen halten sich unter Dortmunder Jugendlichen hartnäckig

Manche Mythen und Vorstellungen von Sex sind bei jungen Leuten nur schwer totzukriegen. In ihrer täglichen Arbeit erleben das zwei Dortmunder Experten. Sie sehen aber auch positive Entwicklungen.

Nie war es für Jugendliche einfacher, an Informationen über Sex zu kommen. Ob soziale Medien, Info-Websites oder Pornografie: Das Internet ist voll von mal mehr, mal weniger hilfreichem Wissen rund um Sex und Sexualität.

21. GEBURTSTAG

DAS IST DER ARBEITSKREIS SEXUELLE BILDUNG

Im Jahr 2000 als Arbeitskreis (AK) Sexualpädagogik Dortmund gegründet, ist der AK ein Zusammenschluss von Fachkräften, Akteuren und Trägern aus den Bereichen Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Einer seiner Grundsätze: Menschen bei der Entwicklung zur sexuellen Mündigkeit und auf dem Weg zur Selbstbestimmung helfen. Mitglied sind unter anderem die Dortmunder Aidshilfe, das Sunrise, Schlau Dortmund und das Jugendamt. Die „Jubiläumswoche“ läuft noch bis 21.11., alle Infos unter www.dortmund.de.

Das erleben auch Mareike Wellner und Michael Schank, die seit vielen Jahren in der sexuellen Bildungsarbeit mit Jugendlichen arbeiten, Wellner bei der Awo, Schank im Sozialen Zentrum an der Westhoffstraße.

Beide sind auch Teil des Arbeitskreises Sexuelle Bildung, der im vergangenen Jahr seinen 20. Geburtstag feierte. Corona-bedingt musste die Geburtstagsfeier damals ausfallen, weswegen die Beteiligten nun den 21. Geburtstag nachfeiern – und zwar eine Woche lang, mit unterschiedlichen Workshops und Veranstaltungen.

Vielfalt wird immer akzeptierter

Michael Schank ist seit Beginn des Arbeitskreises dabei und auch Mareike Wellner kann auf zehn Jahre Erfahrung in der sexuellen Bildungsarbeit zurückblicken. Auf die Frage, was sich in den 21 Jahren verändert hat, fällt ihnen beiden zunächst etwas Positives ein: Dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Gesellschaft immer akzeptierter wird, komme auch bei den Jugendlichen an.

Gerade mit dem Thema Transidentitäten würden sich die jungen Leute heute viel besser auskennen als noch vor 20 Jahren. „Das Thema hat durch soziale Medien viele Jugendliche erreicht und für mehr Offenheit gesorgt“, sagt Wellner.

Mareike Wellner von der Awo-Schwangerschaftsberatung und Michael Schank vom Sozialen Zentrum arbeiten seit vielen Jahren in der sexuellen Bildung für Jugendliche. Sie beobachten viele Veränderungen, aber auch Mythen, die nicht totzukriegen sind.
Mareike Wellner von der Awo-Schwangerschaftsberatung und Michael Schank vom Sozialen Zentrum arbeiten seit vielen Jahren in der sexuellen Bildung für Jugendliche. Sie beobachten viele Veränderungen, aber auch Mythen, die nicht totzukriegen sind. © Marie Ahlers © Marie Ahlers

Generell seien viele Themen der sexuellen Bildung inzwischen viel besser zugänglich, sagt sie. Umso überraschter sind Wellner und Schank, wenn sie in Schulen und bei Projekten von Jugendlichen mit Mythen und Vorstellungen konfrontiert werden, die sich seit Jahrzehnten hartnäckig halten – obwohl sie schon tausendfach widerlegt wurden. Auf diese Mythen treffen sie besonders häufig:

1. Jeder Mann ist so „leistungsfähig“ wie ein Pornodarsteller

Dass Pornos eine große Faszination auf Teenager-Jungs ausüben, sei nichts Neues, sagt Michael Schank. Oft sei es das Spektakuläre, mitunter auch das Verbotene, das die Neugier in ihnen wecke. Dabei sei den Jungs in der Regel schon klar, dass Pornofilme nicht die Realität zeigten, so Schank. Trotzdem würden sie durch Pornografie – häufig unterbewusst – beeinflusst.

Viele Jungs seien verunsichert, durch die vermeintliche Leistung, die männliche Pornodarsteller erbringen würden, die dann im Film über 30 Minuten eine Erektion aufrechterhalten, um ihre Partnerin oder ihren Partner zu befriedigen. Dass es beim Sex vor allem um Leistung gehe und das Ziel, die Partnerin oder den Partner mit körperlicher Höchstleistung zum Orgasmus zu bringen, sei immer noch eine verbreitete Vorstellung – auch unter Erwachsenen.

2. Die „richtige“ Größe

Ist mein Penis zu klein, sind meine Schamlippen zu groß? Diese Fragen treiben junge Menschen seit Jahrzehnten um – und daran hat sich bis heute nichts geändert, wie Schank und Wellner immer wieder erleben. „Bin ich normal?“, das ist eine der drängendsten Fragen der Jugendlichen an sie. Immer wieder müssen sie in ihren Projekten an Schulen dann darauf hinweisen, dass jede Vulva und jeder Penis anders aussieht und es so etwas wie eine normale oder richtige Größe der Genitalien nicht gibt.

3. Selbstbefriedigung ist schädlich

Eigentlich wissen die allermeisten Jungs inzwischen, dass Selbstbefriedigung nichts Schlimmes und schon gar nicht ungesund ist. Auf Restzweifel stößt Schank trotzdem immer wieder. „Viele Jungs sind unsicher und wollen dann doch wissen, ob Selbstbefriedigung nicht vielleicht doch impotent macht“, erzählt er. Die Angst, dass Masturbieren etwas Negatives sein könnte, sei auch im Jahr 2021 noch vorhanden.

4. Das Jungfernhäutchen gibt es wirklich

Ein fast nicht tot zu kriegender Mythos ist auch jener vom Hymen, bekannter als Jungfernhäutchen, der besagt, dass Vulven vor dem ersten Sex mit einem Häutchen verschlossen sind, das beim ersten Mal reißt und mitunter dafür sorgt, dass man blutet und Schmerzen hat. „Da muss ich regelmäßig drüber aufklären, dass das nicht stimmt“, erzählt Mareike Wellner.

Denn bei dem, was viele als Jungfernhäutchen bezeichnen, handelt es sich viel mehr um einen Hautkranz am Scheideneingang, der nicht in jeder Vagina zu finden ist. Ob es diesen Kranz gibt, hat allerdings nichts damit zu tun, ob die Person schon Sex hatte oder nicht.

„Für viele Mädchen ist das schwer zu glauben“, berichtet Wellner. „Weil sie das ihr Leben lang gelernt haben“ – denn auch unter Erwachsenen halte sich dieser Mythos hartnäckig.

5. Sex ist immer gleich Penetration

„Interessant ist auch, dass junge Leute in der Regel wissen, wie Schwule Sex haben – aber nicht, wie der Sex bei Lesben aussieht“, berichtet Schank. Woran das liegt? Dass Jugendliche Sex häufig immer noch mit Penetration gleichsetzen würden – und wo kein Penis, da kein Sex, so ihre Vorstellung. Dass Sex aber nicht mit Penetration beginnt und dem gleichzeitigen Orgasmus beider Partner endet, sei immer noch nicht allen Jugendlichen bewusst.

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In Lippstadt aufgewachsen, zum Studieren nach Hessen ausgeflogen, seit 2018 zurück in der (erweiterten) Heimat bei den Ruhr Nachrichten.
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