Dieser Dortmunder verkauft 1500 Bücher, weil er an Krebs erkrankt ist

rnLungenkrebs

Wie reagiert man auf eine Krebsdiagnose? Der 60-jährige Uwe Lenser aus Kley tut es vor allem mit Pragmatismus. Daraus ist eine besondere Idee entstanden.

Kley

, 02.11.2018, 04:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Uwe Lenser hat alles dokumentiert. Den Tag des Unfalls. Den Tag der Diagnose. Den Tag der ersten Chemotherapie. Alles handschriftlich, in seinem Kalenderbuch. Gleich daneben auf dem Esstisch liegt eine Mappe. Uwe Lenser schlägt sie auf. „Alles was schwarz ist, ist schlecht“, sagt er und zeigt auf ein Blatt. Viel schwarz ist darauf zu sehen. Es sind Aufnahmen aus der Radiologie.

Bronchialkarzinom lautet die niederschmetternde Diagnose, die der 60-Jährige Ende Juni 2018 erhielt. Lungenkrebs. Uwe Lenser sagt es gefasst. Aber leise. Im Flüsterton, denn das Sprechen fällt ihm schwer. Weil seine Stimmbänder lädiert sind, eine Folge des Badeunfalls im Mai 2018. Beim Sprung ins Wasser hat er sich links den Kopf verdreht. „Es fühlte sich an, als wäre ich auf Beton gelandet. Ich habe Sterne gesehen“, erinnert er sich. Seitdem stabilisiert eine implantierte Titanplatte seine Halsmuskulatur.

Er habe die Symptome wohl ignoriert, vermutet Uwe Lenser. Das berufliche Burn-Out, unter dem er seit Anfang des Jahres leidet, könnte ein solches Symptom gewesen sein. „Ich bin körperlich kaputt und ein Frührentner.“

„1958 wurden Legenden geboren“

Uwe Lenser war im Steuerrecht tätig, früher stand er auch als Hobby-Schauspieler auf der Bühne und spielte mit den Nachbarn Fußball. Die schwere Krankheit hat Spuren hinterlassen. Die bisherigen Behandlungen auch. Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Schwäche. Die Haare sind ausgefallen. Das volle Programm. Nur seinen Humor, den hat er nicht dem Krebs überlassen. In manchen Momenten wirkt der Schwerkranke fast heiter. „Ich habe früher gerne den jugendlichen Liebhaber gegeben“, sagt er. Oder: „1958 wurden Legenden geboren.“ 1958 ist sein Jahrgang.

Dann wird Uwe Lenser ernst. Aber seine Augen glänzen. „Ich bin gefasst, weil ich die beste Frau gefunden habe. Sie ist eine tolle Pflegerin, eine resolute Krankenschwester. Sie gibt mir Kraft.“ Eine Liebeserklärung der besonderen Art nach 15 Jahren Ehe. Anfang Oktober seien sie 5555 Tage verheiratet gewesen, hat der Eishockey-Fan der Iserlohn Roosters ausgerechnet. Und dann sind da noch die guten Freunde. Die jetzt zum Beispiel den Garten hergerichtet haben. „Der sah aus wie ein Urwald, aber meine Frau möchte doch viel lieber Blumenbeete haben.“ Uwe Lenser konnte den Helfern nur zuschauen. „Körperlich arbeiten, das geht nicht mehr.“

„Ich persönlich gebe mir noch fünf Jahre“

Der 60-Jährige reagiert sehr rational auf die Diagnose: „Ich fühle pragmatisch. Für mich ist die Krankheit einfach eine neue Realität.“ Natürlich habe er die Nachricht auch erst mal sacken lassen müssen – und zwei Tage für sich behalten. Dann sprach er mit seiner Frau darüber, in Gegenwart des behandelnden Arztes. „Wir haben auch zusammen geweint. Wie das normal ist.“

Aber der Pragmatismus dominiert. Deshalb möchte Uwe Lenser nun aufräumen. Um seiner Frau so wenig Chaos wie möglich zu hinterlassen. „Ich persönlich gebe mir noch fünf Jahre“, sagt er. Eine Prognose gibt es nicht, aber eine klare Ansage: „Die Ärzte sagen, dass sie meine Krankheit bremsen, aber nicht stoppen können.“ Daran würde auch die neue Immuntherapie nichts ändern. Es ist die erweiterte Therapie der Nobelpreisträger Tasuku Honjo und James Allison.

„Ich möchte die Bücher von ihrem tristen Dasein befreien“

Uwe Lenser denkt nun – ganz pragmatisch – an seine Bücher. Rund 1500 Stück sind es. Verstaut in Holzkisten. In Schränken. Verteilt auf vier Ebenen in der Doppelhaushälfte. Die Bücher müssen, kurz gesagt, weg. Sie sollen seiner Frau später, wenn er nicht mehr da ist, keine Arbeit machen. Begeistert sei sie ohnehin nie von der riesigen Sammlung gewesen. Sie habe sie maximal geduldet, aber nie gemocht.

„Ich wollte ja eigentlich immer ein Junggeselle sein. Und in dieser Zeit habe ich dauernd und überall Bücher gekauft. Ich wollte so eine Bibliothek wie in englischen Filmen haben“, erinnert er sich. Er habe „querbeet“ gekauft – Romane, Fachliteratur, Bildbände. Hauptsache Masse. Mittlerweile hat der Vereinsschachspieler, seit 1973 spielt er bei der Schachvereinigung Marten- Bövinghausen, eine konkrete Idee, was mit seinem Lesestoff passieren soll. „Ich möchte die Bücher von ihrem tristen Dasein befreien und einen Garagentrödel veranstalten, um sie zu verkaufen.“ Das Geld sei ihm aber gar nicht wichtig.

Während des Pressegesprächs legt Uwe Lenser den Termin für den „Garagentrödel“ fest: den 9. Dezember. Die Freunde, die helfen müssen, hat er vorher schon gefragt. Die haben zugesagt. Den Termin trägt er sofort in seinen Kalender ein. Viele andere stehen dort bereits. Die nächste Blutkontrolle, Die nächsten CT- und MRT-Untersuchungen, die zeigen werden, ob die Behandlung schon angeschlagen hat. Die nächste Chemotherapie.

Uwe Lenser klappt seinen Kalender zu. Das Gespräch hat ihn angestrengt, er muss sich ausruhen. Sein Wunsch: „Ich hoffe, dass mein Leben wieder lebbar wird, dass die Ärzte mich so einstellen, dass ich nicht dauerhaft im Bett liegen muss.“

Der öffentliche Garagen-Büchertrödelmarkt von Uwe Lenser findet am 9. Dezember (Sonntag) von 11 bis 15 Uhr am Stufenweg 8 in Kley statt. Er wird dafür auch ein Zelt und Heizstrahler aufbauen lassen. Der private Trödelmarkt soll mit heißem Chai-Tee, Gebäck und Lichterketten auch ein wenig adventlich sein. Uwe Lenser plant darüber hinaus, an diesem Tag einige Dekoartikel an die Besucher zu verschenken.
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