Dieser Hausbesitzer will die Riesen-Altbauwohnungen zurück nach Dortmund bringen

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In Dortmund gibt es fast nur kleine Wohnungen, sagt ein Experte. Jan De Bondt ist glücklicher Besitzer einiger großer Altbauwohnungen. Das ist jedoch ein großes Stück Arbeit.

Dortmund

, 14.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Hereinspaziert ins Provisorium“, mit diesen Worten begrüßt Rechtsanwalt Jan De Bondt aktuell Gäste und Klienten, die ihn in seinem Büro am Nordmarkt besuchen. Provisorium ist ein diplomatisches Wort für die halbfertige Wohnung, die er vor wenigen Wochen bezogen hat.

Kabel ragen aus der Decke, Türen gibt es noch keine und wer durch den Flur möchte, der muss sich an Möbeln, Kisten und ein paar aufgerollten Perser-Teppichen vorbeiquetschen.

Bewohnbar ist diese Wohnung momentan nicht und auch als Arbeitsplatz scheint sie nur mit Mühe und Not zu taugen. Aber das, worin andere eine Mischung aus Baustelle und Rumpelkammer sehen würden, ist für De Bondt ein ungeschliffener Diamant.

Dieser Hausbesitzer will die Riesen-Altbauwohnungen zurück nach Dortmund bringen

Eine seiner großen Altbauwohnungen baut Jan De Bondt aktuell zum Büro um. Es gibt aber auch hier noch viele kleine und große Baustellen. © Marie Ahlers

Denn unter dem Chaos und dem Unfertigen befindet sich eine riesige Altbauwohnung mit großen Zimmern, hohen Decken und abgeschliffenen Dielen. Unter der Baustelle befindet sich die Wohnung, in der in der naiven Vorstellung von Kleinstädtern jeder Großstädter wohnt, in der sich Studenten beim Gedanken an die erste eigene Wohnung sehen und die in der Realität so schwer zu kriegen ist wie eine Reservierung zum Sonntags-Brunch im Kreuzviertel.

Experte: Es gibt kaum große Wohnungen in Dortmund

Es ist eine Wohnung, von deren Sorte es laut Dr. Wolfgang Sonne von der TU nur ganz wenige in Dortmund gibt. Eine Altbauwohnung, die über 100 Quadratmeter groß ist, die um 1900 herum für die bürgerliche, wohlhabende Schicht in Dortmund gebaut wurde. Wer eine große Wohnung sucht, der greift in Dortmund lieber auf Neubauten zurück.

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Doch De Bondts Immobilien beweisen, dass es diese Wohnungen durchaus gegeben hat. Er besitzt mehrere Häuser, die ursprünglich mit nur einer Wohnung pro Etage gebaut wurden. Doch in der Nachkriegszeit, als Wohnraum knapp war, wurden aus einer Wohnung plötzlich zwei oder drei.

Die Eigentümer zogen Wände, bauten zusätzliche Badezimmer und Küchen ein und konnten nun die doppelte oder dreifache Menge an Wohnungen vermieten. De Bondt hat es sich zum Ziel gemacht, diese Entwicklung rückgängig zu machen. „Wann immer eine Etage frei wird, krempeln wir die Wohnungen auf links“, sagt er.

Jan De Bondt schleift seit Jahren an diesen Rohdiamanten

Das Haus, in dem er sein Büro hat, ist genau 120 Jahre alt. 1899 wurden hier große, helle Wohnungen für die betuchte Schicht gebaut. Daran erinnert momentan, in seinem Provisorium, auf den ersten Blick nicht viel. Immerhin: Die Erdgeschoss-Wohnung ist wieder ein Ganzes. Und wenn De Bondt anfängt, zu erzählen, wird klar, wie lange er schon an diesem Diamanten schleift.

Um Heizkosten zu sparen, wurde irgendwann mal eine Zwischendecke eingebaut. Die hat er entfernen lassen. Mehr Heizkosten, dafür eine bessere Luftzirkulation, sagt er. Die Decken sind mit Kalkzement verputzt, der komme dem atmungsaktiven Sandputz, mit dem die Wände im 19. Jahrhundert verputzt wurden, am nächsten.

Der Dielenboden ist ebenfalls 120 Jahre alt. De Bondt könnte stundenlang über diesen Boden reden. Warum er so lange hält, was er alles aushält und warum es De Bondt nicht schlimm findet, wenn Brandlöcher und Wasserschäden zu sehen sind.

Dieser Hausbesitzer will die Riesen-Altbauwohnungen zurück nach Dortmund bringen

Blick in eine der Altbauwohnungen, die Jan De Bondt auf eigene Kosten saniert hat. © Jan De Bondt

„Tolles Haus, falsches Viertel.“

Diese Mühen steckt er in alle seine Wohnungen, insgesamt besitzt er vier Häuser. Und das hat seinen Preis, um die 1000 Euro beträgt die monatliche Warmmiete. Günstig im Vergleich zu anderen Städten, absolut gesehen immer noch eine Menge Geld. Und: Wer bereit und in der Lage ist, so viel Geld in Miete zu investieren, der zieht nicht in die Nordstadt. „Wer das Geld übrig hat, der zieht nach Kirchhörde“, weiß auch De Bondt.

„Tolles Haus, falsches Viertel“, denkt er sich manchmal. Und dann wünscht er sich, dass er das Haus einfach einpacken und in Dorstfeld, wo er mit seiner Familie wohnt, wieder aufbauen könnte.

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Doch weil das nicht geht, lässt De Bondt sich was einfallen. Manche Wohnungen vermietet er für weniger Geld an Leistungsempfänger, andere an Wohngemeinschaften. Und hin und wieder findet sich dann doch eine Familie, die den Altbau-Traum in der Großstadt leben möchte - und bezahlen kann.

Moderne Wohnungen als Chance

Für De Bondt sind Wohnungen wie seine eine Chance für die Nordstadt. Moderner, aber bezahlbarer Wohnraum, der neue Leute ins Viertel lockt. „Ich bin sicher, dass eine durchmischte Bevölkerung deeskalierend wirken kann“, sagt er mit Blick auf die Probleme, die ihm jeden Tag am Nordmarkt begegnen.

Das sieht die Stadt ähnlich. Bei einem seiner Rundgänge durch die Nordstadt im September 2018 wies Oberbürgermeister Ullrich Sierau explizit auf eines von De Bondts Häusern hin. „Ich hoffe, dass das Ergebnis der Sanierung andere Eigentümer dazu bewegt, ihre Immobilien aufzuwerten“, sagte er damals. Die Stadt selbst hat ein Programm ins Leben gerufen, das Eigentümer bei der Hof- und Fassadengestaltung unterstützt. Die Maßnahmen können mit bis zu 25.000 Euro bezuschusst werden.

Dieser Hausbesitzer will die Riesen-Altbauwohnungen zurück nach Dortmund bringen

Oberbürgermeister Ullrich Sierau vor den Häusern von De Bondt am Nordmarkt. Er hoffte damals, dass die sanierten Fassaden auch andere Eigentümer motivieren, ihre Häuser auf Vordermann zu bringen. © Rüdiger Barz (Archiv)

De Bondt wünscht sich jedoch, dass die Stadt Eigentümer in der Nordstadt noch stärker unterstützt. „Viele Menschen, die nur ein Haus in der Nordstadt besitzen, sind nicht kreditwürdig. Ihnen sollten Berater zur Seite gestellt werden, die ihnen helfen, ihre Häuser dennoch zu sanieren.“ Auch der Zugang zu Fördergeldern könnte seiner Meinung nach erleichtert werden.

Stolz ist er dennoch, dass Sierau seine zwei Häuser am Nordmarkt damals als Musterbeispiel nannte. „Wir kämpfen um jedes Haus“, sagte der OB beim Rundgang letztes Jahr. Ein Kampf, dem De Bondt sich nur zu gern anschließt.

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