Dieser Kiosk ist Dortmunds älteste Bude - und darum kommen Menschen mit einem Lächeln heraus

rnKaiserstraßenviertel

Auf der Kaiserstraße steht der wohl älteste Kiosk der Stadt: Er heißt wie das Gründungsdatum: 19.51. Menschen aus dem Viertel kommen hierher zum Einkaufen – aber auch aus einem anderen Grund.

Kaiserstraßenviertel

, 09.06.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Hintergrund dudelt aus kleinen Boxen das Radio. In den Weinkisten über der L-förmigen Theke stehen Barilla-Nudeln, Kaffee, Gewürze, Schnapsflaschen. Alles, was man eben so braucht, wenn alle anderen Geschäfte schon geschlossen sind. Etwas versteckt in der Ecke steht ein Mann, kurz rasierte Haare und langer Bart. Muharrem Yildirim sortiert gerade das Geld in der Kasse. Ab und zu schaut er auf, ob neue Kunden reingekommen sind. Er ist der Inhaber vom Kiosk „19.51“. Hier im Kaiserstraßenviertel nennen ihn einfach alle Mui.

„Heute ist es etwas stressig“, sagt er und schließt die Kassenschublade. Vor fünf Jahren hat er den Kiosk spontan übernommen: Der Vorbesitzer wollte den Laden verkaufen und brauchte dafür einen Übersetzer, der sowohl Türkisch als auch Deutsch spricht - Mui. Innerhalb eines Wochenendes hat der sich dann entschieden, den Laden vom Vorbesitzer abzukaufen.

„Der Zustand hier war scheiße“, sagt Mui. Dunkel sei es gewesen, heruntergekommen, es habe komisch gerochen. Er riss die Wände ab und machte aus dem Lukenverkauf einen begehbaren Verkaufsraum. „Peu a peu“, wie er selbst sagt, habe er den Laden fast komplett alleine bei laufendem Betrieb renoviert. „Die Nachbarn haben live gesehen, wie das Baby geboren wurde“, sagt Mui.

Wie in einem Hipstercafé

Der eigentliche Laden wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. 1949, spätestens 1951. Zusammen mit dem Hausbesitzer und einer alten Bewohnerin habe er dies recherchiert. „Der Laden hat schon eine Menge durchgemacht“, sagt Mui. Im vorderen Bereich sei im Zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen. Seitdem hat sich hier viel getan.

„Ich will nicht, dass die Hardcore-Hansa-Trinker hierher kommen. Sondern, dass sich auch die 80-jährige Oma von nebenan wohl fühlt“

Wenn man sich innen im Laden umguckt, sieht man die Mühe, die Mui sich gemacht hat. Die Weinkisten über der Theke: aus seinem Weingeschäft, das er vor fünf Jahren verkauft hat. Das Rohr über der Brottheke: im Baumarkt gekauft und als Lampe umfunktioniert. Wie in einem Hipstercafé - und nicht wie in einem Kiosk.

Dieser Kiosk ist Dortmunds älteste Bude - und darum kommen Menschen mit einem Lächeln heraus

Den Kiosk "19.51" an der Kaiserstraße gibt es schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Vor fünf Jahren hat Muharrem Yildirim den Kiosk gekauft und komplett renoviert. © Paulina Würminghausen

„Ich will nicht, dass die Hardcore-Hansa-Trinker hierher kommen. Sondern, dass sich auch die 80-jährige Oma von nebenan wohlfühlt“, sagt Mui. Er wolle eine bestimmte Klientel, eine bestimmte Aura in seinem Laden haben. Abgesehen von betrunkenen Gästen seien aber alle Menschen willkommen. Das spiegelt sich auch in seinem Lebensmotto wieder: „Herkunft: Erde. Rasse: Mensch. Religion: Liebe.“ In drei verschiedenen Farben steht das als Logo vorn am Kiosk.

Nur eine Sache nerve ihn: die viele Zeit, die er im Kiosk verbringt. Er wolle gar nicht zusammen zählen, auf wie viele Stunden er in der Woche komme. Deswegen habe er mittlerweile drei Aushilfskräfte angestellt. „So kommen wir zwar nur gerade noch über die Runden, aber immerhin bleibt Zeit für meine Frau und Kinder“, sagt Mui. Er sei sehr glücklich als Kioskbesitzer, erzählt er. Der Menschenkontakt gebe ihm die Energie, jeden Tag hinterm Tresen zu stehen.

Die meisten kennt er persönlich

Eine Frau kommt lächelnd in den Laden, Mui steht neben der Kaffeemaschine und fragt: „Espresso?“ Die meisten Kunden kennt der Inhaber persönlich, hilft ihnen auch bei Handwerkerproblemen. Zwischen vier und 84 Jahren seien die Menschen alt, die regelmäßig zu ihm in den Laden kommen. Leute aus der Nachbarschaft, die etwas kaufen wollen - aber nicht nur: „Mit mir reden die Menschen über Liebe, Tod, Krankheit, Sex - alles, was sie loswerden wollen“, sagt Mui.

Mit den Problemen anderer Leute umzugehen, fällt ihm nicht schwer: Sich selbst nennt er „Quasselkopp“. Einer, der andere Leute zum Lächeln bringt. So wie die Frau mit dem Espresso. Draußen vor dem Kiosk wartet sie unter einem Schirm, bis Mui Zeit hat, sich mit ihr zu unterhalten.

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