Dieser Mann verwandelte eine Klohäuschen-Ruine am Westpark in einen Friseursalon

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Frank Griewel ist Dortmunds wohl verrücktester Friseur: Seit 15 Jahren schneidet er seinen Kunden in einem alten Klohäuschen am Westpark die Haare. Die Urinrille hat er kreativ neu genutzt.

von Rebecca Stüsser

Dortmund

, 17.08.2018, 15:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Haareschneiden ist keine Herz-OP“, sagt Frank Griewel. Trotzdem muss bei dem 51-Jährigen ganz viel Herzblut im Spiel sein, wenn man ihn über seine Arbeit im Friseursalon „Kinky“ sprechen hört.

„Kinky“, das bedeutet aus dem Englischen übersetzt so viel wie „verrückt“ oder „verdreht“. Der Laden liegt im Westpark. Und verrückt sind hier alle ein bisschen – positiv verrückt wohl gemerkt. Und das macht seine Friseure aus. Dass jeder seiner acht Mitarbeiter seinen eigenen Stil und auch seine Spleens ausleben darf, ist dem Friseurmeister sehr wichtig.

Für ihn soll der Laden ein Ort für Experimente sein. Die Mitarbeiter sollen auch gerne mal über ihre Grenzen gehen und neue Ideen ausprobieren. Natürlich immer in Absprache mit dem Kunden. In der Hinsicht ist man hier ganz gradlinig: Der Kunde muss sich verstanden fühlen.

Dieser Mann verwandelte eine Klohäuschen-Ruine am Westpark in einen Friseursalon

„Wie wolln Sie’s haben?“ - im Kinkys geht es locker zu. © Oliver Schaper

Deshalb ist auch das Beratungsgespräch so wichtig, betont Griewel. Der Friseur habe die Aufgabe, die Wünsche des Kunden zu spiegeln. „Wenn ein Kundenwunsch zum Beispiel nicht mit der Haarstruktur vereinbar ist, sagen wir das auch ganz ehrlich.“

„Im Team dürfen keine verkrusteten Hierarchien herrschen“

Auf die Frage nach dem Geheimnis einer guten Arbeitsatmosphäre antwortet der Chef: „Irgendwas muss ich richtig machen“, und zwinkert seiner Mitarbeiterin zu, die gerade einem Kunden die Haare wäscht.

Authentizität sei das Allerwichtigste, erklärt er dann – „dass man im Team miteinander offen reden kann, dass keine verkrusteten Hierarchien herrschen, sondern dass hier neun starke Charaktere ihren Raum bekommen und ihren eigenen Stil ausleben dürfen“ – das ist für Griewel das Rezept für eine gute Zusammenarbeit.

Dieser Mann verwandelte eine Klohäuschen-Ruine am Westpark in einen Friseursalon

Der Chef auf dem Sessel. © Oliver Schaper

Im Idealfall resultiert daraus „ein perfekte Tag“ für den Friseurmeister, der sich selbst als Morgenmuffel bezeichnet: Mit einem gemütlichen Frühstück im Frisierstuhl den Arbeitstag entspannt beginnen. Wenn sich dann der Laden im Laufe des Tages füllt, sich die Kunden miteinander unterhalten und eine gute Stimmung spürbar wird, ist er glücklich. Natürlich bleibt Griewel bei allem Sinn für Harmonie auch Unternehmer: „Wenn dann am Ende noch die Kasse stimmt, war es ein toller Tag“.

Dass der Inhaber gerne in seinen eigenen Laden kommt, merkt man, wenn man ihn erzählen hört: „Wenn ich morgens in den Laden komme, suche ich erst mal mein Leben zusammen: Wo sind meine Kämme, meine Scheren und so weiter“. Sein „Leben“, so nennt er das, was für andere vielleicht bloße Arbeitsutensilien sind.

Schon mit 13 verpasste Griewel Nachbarskindern einen Irokesenschnitt

Frank Griewel ist Vollblut-Friseur, sein Talent hat er schon früh entdeckt: Mit 13 Jahren wurden die ersten Nachbarskinder frisiert – zum Leidwesen der Eltern; die kamen nicht selten schimpfend zu Griewels Mutter, wenn der neue Irokesenschnitt des Kindes kurz vor den Familienfotos dann doch zu extravagant war.

Während der Ausbildung wurde ihm dann schnell klar: „Ich will unbedingt mein eigener Herr sein“. Folglich dauerte es nicht lange, bis er sich nach dem Meister selbstständig machte und einen Salon im heimischen Wohnzimmer eröffnete. Irgendwann wurde es dann aber zu trubelig in der – wie er es nennt – „Gewerbemischwohnung“ und eine neue Idee musste her: Steht da nicht seit Jahren ein verlassenes Klohäuschen im Westpark?

Dieser Mann verwandelte eine Klohäuschen-Ruine am Westpark in einen Friseursalon

Ehemals Ruine, ist das Kinkys heute ein modischer Friseursalon. © Oliver Schaper

Genau, 13 Jahre lang schläft das ehemalige Toilettenhaus mit zugemauerten Türen und Fenstern seinen Dornröschenschlaf, bis es 2003 von Frank Griewel mit dem Presslufthammer wachgeküsst wird. Dass er von der Stadt „eine Ruine mit Dach“ gekauft hat, ist heute nicht mehr zu erkennen. Innen entdeckt man den einstigen Verwendungszweck nur, wenn man ganz genau hinschaut: In der ehemaligen Urinrinne steht Wasser, aber heute ist es gefiltert und dient Goldfischen als Habitat.

Immer weiter

„Bloß kein Stillstand!“ Das scheint Griewels Motto zu sein, denn er sprudelt vor neue Ideen. Sein umgebauter LKW zum Beispiel, der üblicherweise als mobiler Friseursalon dient, wird am Tag der Trinkhallen (25. 8.) als mobile Disko von Stadt zu Stadt fahren. Entspannt kann er aber auch – zum Beispiel im Café Kinkys auf der Terrasse vor dem Laden. Wer sich mal nicht frisieren lassen will, kann hier einfach bei Kaffee und Kuchen verschnaufen.

Stehenbleiben will Frank Griewel auch in Zukunft nicht. Zwar ist Kinkys für den Friseur immer noch „die beste Idee des Lebens“, aber wenn er irgendwann merkt, dass er nicht mehr mit dem Zahn der Zeit gehen kann, will er dem Nachwuchs das Feld überlassen und als Berater für andere Friseursalons arbeiten. Das soll aber am besten noch etwas dauern, momentan gibt es für ihn nämlich nichts Schöneres, als „Haare schneiden, Kaffee trinken und quatschen“.

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