Digitalisierung an Schulen: Zahlen müssen Eltern oder Großeltern - Chancengleichheit adé

rnKlare Kante

Warum sind Elternabende für Eltern nicht verpflichtend? Und Fördervereinssitzungen. Denn dann könnten alle mitreden über die Digitalisierung an Schulen. Und ein Fünf-Milliarden-Placebo.

Dortmund

, 08.04.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer sich an den Schulen seiner Kinder engagiert, kann dort viel erfahren. Über den Lehrplan, den Schul-Zustand oder das Fünf-Milliarden-Placebo Digitalpakt. Interessieren tut es nur wenige. - (Für den Fall, dass Sie das doch interessiert, können Sie mir unter dem Text einen Kommentar hinterlassen. Fänd ich prima.)

Neulich sprach ich, mehr zu mir selbst als zu meiner Frau, dass es langsam Zeit wäre, mir ein Tweed-Sakko zuzulegen. Das Lachen meiner Frau ist sehr nett, ich mag es meistens, wenn sie lacht. Und bin jetzt in einem Alter, wo ich mich nicht mehr über alles aufregen muss. Und für einen verschrobenen Kauz werde ich in letzter Zeit eh häufiger gehalten, ich erkenne das meistens an einem mitleidigen Lächeln meiner Gesprächspartner.

Die Tage etwa, als ich auf einer Feier erwähnte, dass ich Pudel mag. Oder wenn es zur Sprache kommt, dass ich im Förderverein einer Grundschule aktiv bin. Ich weiß ja, was die meisten dann denken: Der arme Kerl kann sich vermutlich keinen Netflix-Zugang leisten. Oder: Der muss ja ganz schön Stress daheim haben, wenn er zu solchen Veranstaltungen geht.

Fördervereinsabende sind einfach deprimierend

Das ist ja im Prinzip nicht verkehrt. Denn so ein Fördervereinsabend ist unter uns gesagt eine deprimierende Veranstaltung. Ja, noch deprimierender als ein Elternabend. Da gehe ich auch hin und ärgere mich seit Jahren schwarz darüber, dass es für solche Elternabende keine Anwesenheitspflicht für Eltern gibt. Denn die, die da sind, denen könnte man in der Regel auch eine Mail schreiben.

Die, die aber nie da sind und damit deutlich signalisieren, dass ihnen die Bildung ihrer Kinder am Arsch vorbeigeht – kann man die nicht zwingen, sich alle zwei bis drei Monate mal hinzusetzen und zuzuhören, was ihr Kind gerade können sollte? Was an der Schule wichtig oder Thema ist? Na klar, es gibt Sonderfälle, Alleinerziehende etwa. Aber wenn alle, die da nie auftauchen, alleinerziehend sind, dann ist das Vater-Mutter-Kind-Modell noch gescheiterter als die SPD.

Ich gerate hier ins Schwatzen, ich wollte Ihnen ja eigentlich was über Schulen erzählen. Also zum Beispiel den Förderverein: Immer die gleichen fünf Gesichter, deren Körper auf Schulkindermöbeln sitzen und die bei Mineralwasser an trockener Raumluft über dies und das und jenes reden. Oft darüber, was denn mit den beschränkten Mitteln, die ein T-Shirt-Verkauf und Waffelbacken so einbringen, zu fördern sei.

Bewegung? Auf jeden Fall, die lieben Kleinen werden ja immer fetter.

Sprache? Genau, die ist ja der Schlüssel zu allem. Auch wichtig.

Begabtenförderung? Präventionsprogramme? Sozialkompetenz? Na klar. Und die Digitalisierung? Unbedingt!

5 Milliarden sind doch echt genug – oder etwa nicht?

Digitalisierung? Moment, da gab es doch erst einen Digital-Pakt. Satte 5 Milliarden vom Bund, damit die Schulen flächendeckend WLAN und digitale Unterrichtsmethoden haben. Ein „qualitativer Sprung“ für die Schulen als „Werkstätten für die Zukunft“ sei das, so sagte es die Bundesbildungsministerin.

Wenn das doch alles geregelt ist, warum soll unser kleiner Förderverein von unserer kleinen Schule jetzt das hart erbackene Waffelgeld für WLAN oder Tablets verbraten?

Weil, so ein Lehrkörper, das Geld nicht reicht. Bitte, fünf Milliarden, da kann man doch die ollen Dachschindeln komplett durch Ipads ersetzen?

Könnte man vermutlich, wenn es um eine Schule ginge, Oder auch um zehn. Nur leider geht es um rund 40.000 Schulen bundesweit. Alte Mathefüchse, die wir sind, überschlagen wir kurz: Das wären im Schnitt 125.000 Euro pro Schule. Nur: So eine kleine Grundschule wie unsere, die dürfte wahrscheinlich deutlich weniger Geld bekommen als das Gymnasium um die Ecke.

Kein WLAN, keine Kabel, keine Datenströme

Ich weiß nicht, wie es in den Schulen Ihrer Kinder so aussieht. Aber bei uns, da gibt es kein WLAN. Außer im „Computer-Raum“. Wenn jetzt die ganze Schule WLAN bekommen soll, dann ist das das eine. Aber was ist dann mit den Kabeln, durch die die ganzen Datenströme fließen sollen? Und wie ist das erst an einer weiterführenden Schule, an der, sagen wir mal 750 Schüler in der ersten großen Pause gleichzeitig bei Instagram gucken wollen, was ihr oder sein Schwarm heute Morgen gefrühstückt hat? Braucht diese Schule dann nicht auch ganz andere Kabel als heute?

Bei uns gehen sie davon aus, vielleicht 25.000 Euro zu bekommen. Wann, ist unklar. Und dann dürfte nach der WLAN-Ausstattung wieder Ebbe in der Kasse sein. Vielleicht gibt es noch ein Tablet oben drauf. Aber ohne Software, weil die kostet dann ja auch wieder.

Wahrscheinlich zahlen wir die Endgeräte selbst

Wissen Sie, was ich glaube, worauf dieser ganze Digitalpakt hinausläuft? Die Infrastruktur wird vermutlich eher später als früher stehen. Aber für die Endgeräte dürfen dann Sie oder ich oder die Großeltern aufkommen. So viel zur Chancengleichheit in der Schule als „Werkstatt der Zukunft“.

Warum ich Ihnen diesen Kram erzähle? Damit Sie eine Idee haben, was auf Sie zukommt. Als Komplettpreis oder Monatsrate, egal, zahlen müssen Sie, wenn Sie Kinder haben, so oder so.

Gehen Sie doch bitte einfach mal hin!

Und ich erzähle Ihnen das auch aus einem anderen Grund: Gehen Sie bitte in die Schulen Ihrer Kinder. Zu den Elternabenden gehen Sie ja gewiss sowieso. Aber gehen Sie bitte auch mal in den Förderverein oder in die Schulpflegschaft. Da können Sie auf der einen Seite etwas lernen. Nicht für die Schule, sondern für das Leben. Zum Beispiel, dass fünf Milliarden alleine wegen der Größe dieser Zahl einen sehr beruhigenden Effekt hat. Effekte, und auch das kann man hier wieder lernen, sind oft heischend und verpuffen schnell.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, der ist viel wichtiger: Sie können dort Dinge gestalten. Natürlich nur in kleinen Dosen, ein Schubs hier und ein Anstupsen da. Aber wenn viele schubsen und stupsen, dann können Dinge eine Richtung bekommen. Na klar ist Netflix spannender. Aber wenn wir das nicht machen, wer soll es denn dann tun?

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