Diskussion über Armut wegen AfD-Gegnern abgebrochen

Zwischenrufe und Pfiffe

Mit Zwischenrufen und Trillerpfeifen haben Besucher einer Diskussion der evangelischen Lydia-Kirche über Armut den Abbruch der Debatte erzwungen. Eine lautstarke Minderheit konnte sich gegen die Mehrheit der Gäste im Warenlager der Dortmunder Tafel durchsetzen. Pfarrer Friedrich Laker setzt einen neuen Diskussions-Termin ohne die AfD an und kritisiert die Polizei.

DORTMUND

, 07.09.2017, 22:03 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aktualisierung Freitag, 10.38 Uhr: Die Reaktion der Kirche

In einem Brief an das Presbyterium der evangelischen Lydia-Gemeinde kündigt Pfarrer Friedrich Laker einen neuen Diskussions-Termin an: Am 22. September um 19 Uhr will die Kirche die Debatte über Armut wiederholen - in der Pauluskirche an der Münsterstraße, dann allerdings ohne einen AfD-Kandidaten und möglicherweise mit einem Piraten-Politiker. Pfarrer Laker bedauerte den Abbruch der Diskussion. Es habe "viele, zwar aufgeregte, aber wichtige Gespräche und Diskussionen untereinander" gegeben, jedoch keine Gewalt. Das eigentliche Thema Armut habe nicht mehr im Vordergrund gestanden, dafür aber "wichtige demokratische Fragen eines zivilen Ungehorsams oder gewaltfreien Widerstands oder die nach dem Umgang mit der AfD".

Dem evangelischen Pfarrer stellen sich nun weitere Fragen:

  • War die Störung legitim oder muss die Demokratie das aushalten?
  • Ist die AfD eins zu eins mit der Rechten vergleichbar oder gibt es Unterschiede?
  • Muss die Demokratie rassistische Äußerungen eines AfD-Parteimitglieds aushalten können?

Die evangelische Kirche in Dortmund empfiehlt Gemeinden, AfD-Kandidaten grundsätzlich nicht einzuladen. Dass die Lydia-Gemeinde anders entschieden habe, sei kontrovers diskutiert worden - und auch ein Zeichen demokratischer Organisation in der Kirche. Man müsse das aushalten können, schreibt Friedrich Laker an das Presbyterium. Die Mitglieder des Presbyteriums bittet er in einer E-Mail, bis Samstag zu reagieren, falls "Bedenken gegen die Wiederholung ohne den AfD-Vertreter" bestehen.

Friedrich Laker äußerte sich auch zum Einsatz der Polizei. Dass diese mit "größerem Besteck" angerückt war, sei ihre "selbstständige Entscheidung" gewesen. Ihr Hausrecht habe die Kirche als Veranstalterin nicht durchsetzen wollen, weil Störer mit Gewalt aus der Halle der Tafel hätten geführt werden müssen. Das hätten auch die Bundestags-Kandidaten nicht gewollt.

Die Polizei hatte die Personalien der Störer aufgenommen. Für den Fall, dass eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch gestellt werde. Das ist bis Freitagvormittag nicht geschehen. Dennoch wird Pfarrer Laker Kontakt mit der Polizei aufnehmen und seinen "Unmut" darüber äußern, dass die Polizei die Personalien der Störer aufgenommen und während der Diskussion gefilmt habe. Er sei der Polizei durchaus dankbar, aber ihre Reaktion sei "vollkommen überzogen" und nicht verhältnismäßig gewesen.

So haben wir bisher berichtet:

Dortmunder Politiker sollten in der Tafel-Zentrale an der Osterlandwehr über "Reformperspektiven unseres Sozialstaats" diskutieren. Pfarrer Friedrich Laker und Moderator Christian Nähle wollte auf dem Podium ergründen, ob Institutionen wie die Dortmunder Tafel dauerhaft bestehen müssen oder ober der Sozialstaat anderen Antworten auf die Armut finden muss. Diskutieren sollten Sabine Poschmann (SPD), Ingrid Reuter (Die Grünen), Regina Stephan (CDU), Ulla Jelpke (Die Linke) Max Zombek (FDP) - und Matthias Helferich von der AfD.

Das Angebot, ans Mikrofon zu treten, den eigenen Namen zu nennen, selbst Fragen zu stellen oder Meinungen zu äußern, lehnten die Störer ab. 

Bereitschaftspolizei an der Dortmunder Tafel

Sobald Helferich das Wort erhob, störten AfD-Gegner die Veranstaltung so laut, dass Helferich nicht mehr hörbar war. Die Szenen wiederholten sich. Die Diskussion stand auf der Kippe. Nach gut einer Stunde standen Bereitschaftspolizei, Einsatzkräfte der Nordstadt-Wache, der Staatsschutz und ein Sicherheitsdienst bereit, um bei einer weiteren Eskalation eingreifen zu können. Um 20.25 Uhr verkündete Moderator Christian Nähle den Diskussions-Abbruch. Auch dagegen gab es Protest. Hier begründet der Moderator den Abbruch des Diskussion:

Eine Niederlage für die Demokratie

Mehrere Besucher waren gekommen, um die Argumente der Parteien zu hören - auch die des AfD-Bundestagskandidaten Matthias Helferich. "Das Recht, mir eine eigene Meinung zu bilden, wurde mir heute genommen. Das ist sehr bedauerlich", sagte Besucher Hans Joswig. Auch andere Besucher bewerteten den Abbruch als Niederlage für die Demokratie.

Einer der Gäste meinte: "Es ist bemerkenswert, dass sich die Mehrheit hier nicht gegen diese schreiende Minderheit durchsetzen konnte und die Diskussion abgebrochen werden musste."

Lesen Sie jetzt