Dorstfelderin erlebt die Corona-Krise in Indonesien

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Der Toiletten-Papier-Kuchen aus Dortmund ist weltberühmt: In Indonesien las die Dorstfelderin Harriet Ellwein davon in der Tageszeitung - und schildert ihre Eindrücke von der Corona-Krise.

Dorstfeld

, 02.04.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bis vor einem Jahr war Harriet Ellwein bei der Stadt Dortmund beschäftigt, erst in der Wirtschaftsförderung, dann beim Zehnjahresprojekt „nordwärts“. Seit 1. April 2019 ist sie Rentnerin und verbringt – unter „normalen“ Umständen – jeweils drei Monate in Dortmund und drei Monate in Semarang, der Hauptstadt der Provinz Zentraljava im Inselstaat Indonesien.

Dort lebt sie bei ihrem indonesischen Mann Warsito, der für den Gouverneur der Provinz (vergleichbar dem Ministerpräsidenten) arbeitet. Sie schildert unserer Redaktion ihre Corona-Erlebnisse:

Harriet Ellwein mit ihrem aus Indonesien stammenden Mann Warsito.

Harriet Ellwein mit ihrem aus Indonesien stammenden Mann Warsito. © Ellwein

„Eine kleine Nachricht ganz unten auf der ersten Seite meiner Tageszeitung Suara Merdeka („Stimme der Freiheit“) machte mich stutzig: ein Toilettenpapier-Kuchen? Ach und auch noch aus Dortmund-Schüren? Dafür wollte ich mich revanchieren und Dortmund näherbringen, mit welchen kreativen Ideen die Javaner*innen der Corona-Pandemie begegnen.

Es fehlt an Zucker

Das Horten von Toilettenpapier mag Deutsche und Australier einen; in meinen Supermärkten fehlte als erstes der Zucker. Davon tut man gerne fünf Löffel in den Tee. Und offensichtlich verhindern die zahlreichen lokalen Zuckerrohrfelder nicht die Angst vor dem Mangel.

Desinfektionsmittel gibt es schon lange nicht mehr zu kaufen und inzwischen auch keine Flüssigseife zum Händewaschen. Auf den traditionellen Märkten herrscht Angst vor Ansteckung, immer weniger Händler bieten immer teurere Waren, wie zum Beispiel Zwiebeln und Kräuter, an. Der Gouverneur plant bereits eine Lebensmittel-Inventur.

Dabei schien bis vor einigen Wochen alles ganz entspannt hier. Wir glaubten noch daran, dass das heiße Klima der schnellen Ausbreitung des Virus einen Strich durch die Rechnung macht. Und so fingen auch die Indonesier, die sonst ausschließlich den Schatten suchen, an, sich morgens zwischen sechs und neun Uhr zu sonnen!

Immer mehr Corona-Fälle

Als ich am 10. Februar in Indonesien eingereist bin, hatte es also noch keinen offiziellen Corona-Fall gegeben. Dennoch wurde sofort Fieber gemessen, und ich musste auf einem gelben Zettel alle meine Daten und die Aufenthaltsorte der letzten 14 Tage eintragen.

Am 3. März wurden erstmals zwei Frauen in der Nähe der Hauptstadt Jakarta offiziell positiv auf das Corona-Virus getestet. Am 11. März gab es den ersten Todesfall: Eine 53-jährige britische Touristin mit Vorerkrankungen starb auf der Touristeninsel Bali.

Inzwischen (Stand 29.3.) ist die Zahl der offiziell bestätigten Corona-Fälle in Indonesien mit etwa 270 Millionen Einwohnern auf 1285 gestiegen - bei 64 Genesenen und 114 Toten. In Zentraljava sind bei 35 Millionen Einwohnern 63 Erkrankte offiziell bestätigt, 2 Genesene, und 7 Tote.

Dunkelziffern sind hier wie überall natürlich auch ein Problem. Und die Zahlen schnellen gerade in die Höhe – nicht zuletzt, weil auch die Test-Kapazitäten erheblich ausgeweitet wurden.

Schulen und Unis geschlossen

Die Behörden haben schnell reagiert: Schulen und Unis sind seit zwei Wochen geschlossen, ebenso wie Tempel und Kirchen. Und letzten Freitag gab es im größten islamischen Land der Welt den entscheidenden religiösen Einschnitt: Das für den gläubigen Muslim verpflichtende Freitagsgebet wurde verboten.

Mir persönlich ist auch fast alles weggebrochen, was meinen Rentnerinnen-Alltag strukturiert: das morgendliche Laufen am Meer, Fitnessstudio und Schwimmen in einem Hotel, der Lehrauftrag an einer Privatuni…

So wird in einem Restaurant in einer Shopping Mall in Semarang zu sozialer Distanz aufgefordert.

So wird in einem Restaurant in einer Shopping Mall in Semarang zu sozialer Distanz aufgefordert. © Ellwein

Nun drehe ich zweimal täglich meine Runden an der großen staatlichen Uni zwischen Ozeanographie, Politikwissenschaft und Chemietechnik. Dort ist es grün, schattig und bis auf einige gleichgesinnte Läufer und Radler wie ausgestorben.

Soziale Distanz steht auch wie in Deutschland auf der Liste der behördlich empfohlenen Verhaltensregeln.

Vor einigen Tagen schickte mir die Deutsche Botschaft in Jakarta Angebote über Condor-Flüge von Bali nach Frankfurt. Ich hatte ich mich auf der Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes eingetragen und wurde umgehend in das Touristen-Rückholprogramm aufgenommen.

Ca. 2000 deutsche Touristen werden noch auf Bali, das eine gute Flugstunde von mir entfernt ist, vermutet.

Gezielte Informationspolitik

Noch bin ich in Semarang. Ob mein für Ende April geplanter Rückflug nach Düsseldorf jemals starten wird, gehört zu den vielen Unbekannten. Ich bin hier bei meinem Mann Warsito, der im Auftrag des Gouverneurs und in enger Kooperation mit der Provinzregierung von Zentraljava mit Nichtregierungsorganisationen und Freiwilligengruppen eine eigene Art der Virusbekämpfung betreibt.

Das beginnt in einem Land, in dessen Gerüchteküche es ohnehin immer heftig brodelt, mit einer gezielten und abgestimmten Informationspolitik. Die Bevölkerung lernt, zwischen glaubwürdigen und unseriösen Quellen zu unterscheiden und sich gegen Falschmeldungen zu wehren.

Hände-Desinfektion an einem Markt in Surakarta.

Hände-Desinfektion an einem Markt in Surakarta. © Ellwein

Zweites Ziel: Panikvermeidung. Wer nicht mehr arbeiten, studieren oder seinen Wohnort verlassen darf, gerät schnell in Panik. Und Panik lähmt. Um in Bewegung zu bleiben, muss man etwas Positives machen: Im Landkreis Purworejo tanzen Kinder jetzt den Händewasch-Tanz, in Rembang stellt man in Eigenregie Desinfektionsmittel her, in der Stadt Surakarta wurde am Rande eines großen Marktes eine große Desinfektionswand gestaltet und in Salatiga muss jeder Neuankömmling im Dorf durch eine selbstgefertigte Desinfektionskabine gehen.

Eine Desinfektionszelle in Eigenbau

Eine Desinfektionszelle in Eigenbau © Ellwein

Ob das deutschen Hygienevorstellungen entspricht, ist völlig zweitrangig: Die Menschen sind beschäftigt, haben Erfolgserlebnisse. Und holen altes Wissen wieder hervor. So werden die Dorfgemeinschaften dazu angehalten, Gemüsegärten anzulegen oder vorhandene gemeinsam zu bewirtschaften.

Gemeinschaft wird beschworen

Kreativität in der Krise. So wie es der Schürener Bäcker vorgemacht hat. Das dritte Ziel der zentraljavanischen Aktivisten ist Solidarität. „Gemeinschaft in schwierigen Zeiten und keine Stigmatisierung von Corona-Kranken“ lautet die Devise. Und wie überall auf der Welt wäre es wünschenswert, wenn diese Solidarität die Pandemie auch überdauern würde.

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