Die Krankenhäuser im Kreis Recklinghausen haben derzeit kaum noch Corona-Fälle in ihren Betten. © dpa
Hospitalisierungsinzidenz

Dortmund bei Corona-Grenzwert ratlos – OB: Wie der „Nippel durch die Lasche“

Die 7-Tage-Inzidenz hat als alleiniger Maßstab für Corona-Schutzmaßnahmen ausgedient. Es gibt jetzt drei Leitindikatoren. Doch die Stadt weiß nicht, wie sie mit dem neuen Warnsystem umgehen soll.

Dortmunds Vize-Feuerwehrchef Oliver Nestler schaute in viele fragende Gesichter, als er am Dienstag (28.9.) in einer Pressekonferenz versuchte, das neue Warnsystem als Maßstab für künftige Corona-Schutzmaßnahmen zu erklären. Dass das nicht richtig gelingen wollte, lag auch daran, dass die Stadt selbst nicht weiß, was im Fall wieder steigender Infektionszahlen zu geschehen hat.

Ein Erklärungsversuch: In Nordrhein-Westfalen gibt es jetzt drei Leitindikatoren für das neue Warnsystem. Zur bisherigen 7-Tage-Inzidenz tritt als wesentlicher Faktor die Hospitalisierungsinzidenz hinzu, die sich daran ausrichtet, wie viele Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen. Dritter Leitindikator ist die Intensivbettenauslastung.

Allerdings gibt es noch keine Schwellenwerte, ab denen die Stadt Maßnahmen ergreifen müsste, sondern für die Hospitalisierungsinzidenz nur Annäherungswerte, unterteilt in drei Stufen: eine Basisstufe (weniger als 1,5 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen), Stufe 1 (1,5 bis 5) und Stufe 2 (mehr als

5).

Auch Maßnahmenkatalog fehlt

Außerdem fehlt neben den Grenzwerten noch die Landesvorgabe von daraus folgenden Maßnahmen in der aktuellen Corona-Schutzverordnung.

Oliver Nestler beschreibt das Dilemma so: „Das Problem, das wir mit den ganzen Zahlen haben, ist, dass da keine Maßnahmen hinterlegt sind.“ Derzeit gebe es keine Regelungen, die die Stadt in die Lage versetzten, „Maßnahmen in Abhängigkeit des Erreichens eines Grenzwertes durchzuführen“.

Wie im Lied von Mike Krüger

„Wenn Sie zwischendurch an Mike Krüger und den Nippel an der Lasche gedacht haben, kann ich Sie verstehen. Das geht uns so ähnlich“, gestand Oberbürgermeister Thomas Westphal: „Das ist kein Grenzwert, der für uns operativ Handlungsfähigkeit herstellt, sondern Ratlosigkeit hinterlässt.“

Hinzukommt: Bei der Hospitalisierungsinzidenz handele es sich um eine Landeszahl, so Zoerner. Das sei auch sinnvoll vor dem Hintergrund, dass sich bei einer Überlastung von Intensivstationen Krankenhäuser auf Landesebene gegenseitig helfen. Für Dortmund aber bestehe das Problem einer Überlastung mit Krankenhäusern der Maximalversorgung nicht, betonte die Dezernentin.

KoCI löst Impfzentrum ab

Stattdessen gibt es Probleme mit Daten zur Einschätzung des Impfgeschehens in Dortmund. Dafür ist jetzt die „Koordinierende Covid-Impfeinheit“ (KoCI) zuständig, die nach Schließung des Impfzentrums auf Phoenix-West am Donnerstag (30.9.) neben den niedergelassenen Ärzten und Betriebsärzten für das Impfen in Dortmund zuständig ist.

Diese Einheit, in der auch Mitarbeiter des Impfzentrums sitzen, ist für die Impfkoordination an Schulen zuständig und hat darüber hinaus den Auftrag, sich in wöchentlicher Abstimmung mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe um die Impfungen von schwer erreichbaren Personengruppen und in den Stadtteilen mit hohen 7-Tage-Inzidenzen zu kümmern.

Stadt vermisst Postleitzahlen

Allerdings bekomme die Stadt keine Impfzahlen nach Postleitzahlen, um festzustellen, wie sich das Impfgeschehen in der Stadt tatsächlich abbildet, monierte Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner.

Der entsprechende Landeserlass sehe vor, dass die Stadt das Impfgeschehen beobachtet. Doch das sei ohne Postleitzahlen schwierig, auch wenn eine höhere 7-Tage-Inzidenz an einer Stelle im Stadtgebiet ein Hinweis auf eine niedrigere Impfquote sein könne. Zoerner: „Wir werden uns sozusagen logisch an diese Frage heranarbeiten.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle