Wann finden die Abitur-Prüfungen statt? Bin ich überhaupt zugelassen? Gibt es Abschlussfeierlichkeiten? Ein Schüler aus Dortmund berichtet über die Ungewissheiten des „Corona-Abiturs“.

von Nick Kaspers

Dortmund

, 27.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Abitur ohne Abiturprüfungen? Klingt absurd, schließlich machen die Prüfungen ein Drittel der Gesamtpunktzahl des Schulabschlusses aus. Nicht selten entscheiden sie sogar über das Bestehen oder Nicht-Bestehen. Doch in Zeiten, in denen durch das Coronavirus der Unterricht nicht regulär möglich ist, muss darüber diskutiert werden.

Am Freitagmorgen (27.3.) verkündete NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer nun, dass die Abiprüfungen auf den Zeitraum vom 12. bis zum 25. Mai verschoben werden. Vom Chaos betroffen ist Ilja, Schüler des Abiturjahrgangs des Reinoldus- und Schiller-Gymnasiums Dortmund.

Seit dem 16. März befindet sich Ilja im Schüler-Home-Office. „Die Vor-Abi-Prüfungen haben wir - bis auf die Nachschreiber - schon geschrieben“, erklärt Ilja. Nun würden seine Lehrer den ausfallenden Unterricht mit Aufgaben für zu Hause ersetzen - zumindest die meisten. Für Nachfragen könne man die Lehrer per E-Mail kontaktieren.

„Für Schüler mit einem PC, Scanner und Internetzugang ist die Heimarbeit gut geregelt. Für die anderen wird es schwer“, unterstreicht Ilja. Denn die Aufgaben würden per E-Mail oder Internetplattform verteilt und müssten meist auf selbem Weg wieder zurück zum Lehrer gelangen. „Für mich ist das kein Problem, aber das geht nicht jedem so“, beschreibt der 17-Jährige.

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Wie schnell eine Antwort auf Rückfragen zu Aufgabenstellungen oder Prüfungsmaterial komme, sei von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Durch den fehlenden Unterricht und die zusätzliche Kontaktsperre sei das Lernen in Gruppen nahezu unmöglich. „Man muss viel mehr alleine lernen“, sagt Ilja.

Lieber Schulbesuch statt Schüler-Home-Office

Und das kommt ihm nicht entgegen: „Ich würde viel lieber in der Schule lernen. Zu Hause sind viel mehr Ablenkungen um einen herum.“ Sein Tagesablauf habe sich seit dem Unterrichtsausfall gänzlich geändert. „Ich schlafe etwas länger als vorher. Insgesamt sitze ich dafür länger an den Aufgaben als in der Schule“, betont er.

Der angehende Abiturient lernt nicht nur lieber in der Schule; er hält den Präsenz-Unterricht auch für wirkungsvoller: „Home Office ist in unserem Alter noch nicht sinnvoll.“ Gerade das direkte Feedback der Lehrer, die Möglichkeit der Nachfrage und der pädagogische Rahmen würden zu Hause fehlen.

Trotz der Tatsache, dass Ilja die Abiturinhalte schon seit Januar wiederholt, würde er die Prüfungen am liebsten nicht schreiben. „Die Prüfungen zu schreiben, finde ich verantwortungslos“, ist seine Meinung. Begründung: Die Gefahr einer Ansteckung sei zu groß, wenn man knapp fünfstündige Prüfungen gemeinsam in einem Raum schreibt. Da würden auch 1,5 Meter Abstand und ein offenes Fenster nicht helfen.

Ilja hätte in dieser Situation ein sogenanntes „Durchschnittsabitur“ bevorzugt, wie es Schüler zuvor in Hamburg per Petition gefordert hatten. Damit hätte sich die Abiturnote aus den Leistungen der letzten vier Halbjahre zusammengesetzt - ohne Abiturprüfungen.

„Alle Veranstaltungen werden abgesagt, aber Prüfungen mit vielen Schülern finden statt - das ist unlogisch“, bemängelt er. Seiner Meinung nach hätte man die Abiturnote besser aus den bisherigen Leistungen zusammenstellen sollen. „Denn jetzt sind die Schüler von verschiedenen Schulen und teilweise sogar von den Kursen einer Schule auf einem unterschiedlichen Wissensstand“, sagt er.

Wichtige Wiederholungs-Phase fehlt

„Die Kernwochen für Wiederholungen und Nachfragen fehlen uns jetzt. Das macht es für uns deutlich schwieriger als für die Jahrgänge davor“, unterstreicht Ilja. Außerdem würde ihm und seinen Mitschülern die Sicherheit fehlen, sich gut auf die Prüfungen vorbereitet zu haben.

Bei manchen Mitschülern sei der Umstand um die stattfindenden Prüfungen noch schlimmer. „Die Nachschreibe-Termine der Vor-Abi-Klausuren stehen noch aus. Auch die Zulassungskonferenz wurde verschoben. Manche Schüler wissen deswegen nicht einmal, ob sie für die Abiturprüfungen überhaupt zugelassen sind“, veranschaulicht Ilja.

Durch Lernhefte und Klausurbeispiele sei er zwar gut vorbereitet, die Unsicherheit könne er jedoch nicht verdrängen. „Ich versuche, mir weniger Gedanken zu machen“, erklärt er, „aber für uns ist die Situation einfach unfair.“ Die komplette Situation sorge dafür, dass „die Angst und Nervosität vor den Prüfungen nur noch mehr wächst“.

Ilja hofft auf Schul-Öffnung vor den Prüfungen

Ilja wünscht sich, dass die Schulen vor den Prüfungen noch öffnen. „Die Vorbereitungs-Probleme meiner Mitschüler, die keinen PC haben, bleiben ja weiterhin“, erklärt er. Außerdem könne man sich in der Schule eine persönliche Rückmeldung von den Lehrern einholen, ob man sich gut auf die Klausuren vorbereitet habe.

Als wahrscheinlich sieht er das aber nicht an. „Die Experten berichten, dass der Höhepunkt des Coronavirus noch nicht erreicht ist. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass die Schulen vor unseren Prüfungen noch einmal öffnen“, so seine Einschätzung.

Diesjährige Abiturienten fühlen die Unsicherheit nicht nur in Bezug auf die Abiturklausuren. Ob die Feiern danach dann stattfinden, steht ebenfalls noch in den Sternen. „Man freut sich seit mindestens acht Jahren auf die Abiturzeugnis-Übergabe, die Mottowoche und den Abistreich, und nun fällt vielleicht alles flach“, sagt Ilja.

Die Zeugnisausgabe des Reinoldus- und Schiller-Gymnasiums war bisher auf den 20. Juni (Samstag) festgelegt. Damit würden die Zeugnisse ohnehin kurz vor knapp ausgeteilt werden, denn die Deadline des Bildungsministeriums ist auf den 27. Juni angesetzt. Über einen alternativen Ausgabetermin konnte Schulleiterin Karola Hügging unserer Redaktion am Freitagmittag (27.3.) noch nichts sagen.

Zeugnisse müssen rechtzeitig ausgeteilt werden

Die verkürzte Korrekturzeit durch die späteren Prüfungstermine ändert nichts an der Zeugnisübergabe. Sie müssen trotzdem am 27. Juni ausgegeben werden, berichtet das Bildungsministerium NRW. In einer Pressemitteilung des Ministeriums heißt es: „Um die Lehrerinnen und Lehrer, die hiervon stark betroffen sind, bestmöglich zu unterstützen, werden wir versuchen, die besonders korrekturintensiven Fächer möglichst am Beginn der Klausurphase zu terminieren.“

Ilja möchte sich nach dem Abitur auf ein Studium bewerben. Er hat Vertrauen in seine Schule und das Bildungsministerium, dass ihm und seinen Mitschülern rechtzeitig das Abschlusszeugnis überreicht wird. Angst über seine weitere Laufbahn hat er daher nicht mehr - vor der Verkündung der neuen Prüfungstermine war das noch anders.

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