„Dortmund hat es den Nazis leicht gemacht“

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Ausländer-Jagden in der Nordstadt, ein Dreifach-Polizistenmord - Dortmund hatte im Gründungsjahr des Bündnisses „Dortmund gegen Rechts“ ein großes Nazi-Problem. Wie sieht es 20 Jahre später aus?

Dortmund

, 07.07.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Früher war Dortmund für drei Sachen berühmt: Kohle, Stahl und Bier, den Dortmunder Dreiklang. In der jüngeren Vergangenheit verbinden die meisten Deutschen zwei ganz andere Dinge mit der Stadt: den BVB, wenn es gut läuft - oder, weniger vorteilhaft, Nazis.

Ula Richter hat eine eindeutige Meinung dazu, warum Dortmund heute als Nazi-Hochburg gilt: „Die Stadt hat es den Nazis leicht gemacht“, sagt die heute 80-Jährige. „Das Problem wurde lange klein geredet, die Zustände beschönigt.“

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Vor 20 Jahren gründete sich das „Bündnis Dortmund gegen Rechts“, Richter war eines der Gründungsmitglieder. Konkreter Auslöser waren Hetzjagden in der Nordstadt, die Neonazis auf Kinder mit ausländischen Wurzeln machten. „Wir wollten den betroffenen Familien unsere Solidarität zeigen“, sagt Richter.

2000 „war das Jahr, in dem die Neonazis Dortmund den Kampf ansagten“

Das Dortmund des Jahres 2000 hatte bürgerliches Engagement gegen Rechtsextreme bitter nötig. Es „war das Jahr, in dem die Neonazis Dortmund den Kampf ansagten“, heißt es etwas pathetisch in der Broschüre, die sich das Bündnis zu seinem 20-jährigen Bestehen gegönnt hat.

Als Beleg für diese These führt das Bündnis neben den Hetzjagden den Anfang einer Serie von Nazi-Aufmärschen in der Stadt und den Dreifach-Polizistenmord durch den Dortmunder Rechtsextremisten Michael Berger an.

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Das „Bündnis Dortmund gegen Rechts“ wollte verhindern, dass sich Neonazis in Dortmund breit machen. Dazu schlossen sich Privatpersonen und über 30 gesellschaftliche Organisationen zusammen. Sie organisierten Demos, Anti-Rechts-Konzerte und Diskussionsabende.

„Die Bandbreite war sehr groß“, erinnert sich Ula Richter, „von sehr links bis moderat“. Auf Dauer war sie zu groß: Einige große Mitglieder der bürgerlichen Mitte (unter anderem die Kirchen und der DGB) - verließen das Bündnis und gründeten später den „Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“.

Spaltung schwächte die gemeinsame Sache

„Alles links von den Grünen war ihnen zu radikal“, kommentiert Richter in der Rückschau die Aufspaltung. Sie ist immer noch traurig über die Trennung, glaubt, dass es die gemeinsame Sache geschwächt habe.

Ebenfalls nicht förderlich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war in Richters Augen die Haltung der Stadtpolitik: Als Neonazis in Dorstfeld Fuß fassten, in gemeinsame WGen zogen und Andersdenkende bedrohten, „sah und hörte sie weg“. Erst mit der Einrichtung einer Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus ab 2008 habe sich das gebessert.

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Auch wenn die Zahl der rechtsextremen Straftaten in Dortmund zurückgeht, auch wegen des erhöhten Drucks von Polizei und Stadt - von der lokalen Neonazi-Szene gehe nach wie vor Gefahr aus, sagt Richter: „Die sind hier so stark verankert, dass sie nicht einfach verschwinden werden“. Der NRW-Verfassungsschutz schätzt die Szene auf 80 bis 100 Mitglieder.

Sollten diese demnächst wieder größere Demos in Dortmund organisieren, wird auch das „Bündnis Dortmund gegen Rechts“ zur Stelle sein. Dann klappe es auch mit der Zusammenarbeit mit den anderen Anti-Nazi-Gruppen: „Wenn die Nazis marschieren, gehen wir zusammen.“

Heute, im 20. Jahr seines Bestehens, setzt sich das Bündnis Dortmund gegen Rechts laut Richter aus einem „harten Kern“ von einem guten Dutzend Aktiven und einem erweiterten Kreis von über 100 Unterstützern zusammen. Das Bündnis sei im Laufe der Jahre gemeinsam gealtert. Zwar seien von unten ein paar junge Nazi-Gegner nachgewachsen, aber es fehle die mittlere Generation bei den Aktiven.

Für die Zukunft wünscht sich Richter, dass wieder mehr Dortmunder gegen Nazis auf die Straße gehen. Die 2000 Nazi-Gegner, die in der Spitze gegen die Kundgebungsserie der Neonazis im Herbst 2019 demonstrierten, seien zwar in Ordnung, aber: „Für eine Stadt wie Dortmund ist das immer noch zu wenig.“

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