Dortmund ist die achtgrößte Stadt Deutschlands. Doch wer nach 22 Uhr unterwegs ist, läuft durch gähnend leere Häuserschluchten. Unser Redakteur meint: Lasst uns die wenigen lebhaften Orte.

Dortmund

, 04.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehr als 600.000 Menschen leben in Dortmund – unter ihnen sind im Oktober jedes Jahr Tausende junge Leute, die hier in ihr Studium starten. Doch auf den Straßen sind sie nicht zu sehen, abends ist die Stadt wie ausgestorben. Das gleiche Bild am Wochenende.

Nach 22 Uhr ist Dortmund die größte Kleinstadt Deutschlands. Und mit der Möllerbrücke und dem Westpark sollen die wenigen lebhaften Orte der Stadt auch noch bekämpft werden. Einigen Anwohnern ist es dort zu laut.

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An der Möllerbrücke reden wir von Anwohnern, die direkt an S-Bahn-Gleisen und der viel befahrenen Lindemann- beziehungsweise Möllerstraße leben. Am Westpark liegen die nächsten Wohnungen mindestens 30 Meter von den belebten Wiesen entfernt, durch Bäume getrennt. Bestimmt gibt’s da blöde Windschneisen, aber geht es den Anwohnern wirklich um Lärm oder eher um ein „Das macht man nicht, so mit Bierflaschen irgendwo rumzulungern“?

Natürlich mögen jetzt manche denken: Der wohnt bestimmt in einer ruhigen Gegend und belächelt die lärmgeplagten Anwohner. Aber ich habe lange genug selbst an einer großen Kreuzung der Rheinischen Straße gewohnt – mit Kneipe gegenüber und ständigen Feuerwehr-Sirenen in der Nacht. Ich meine, wer in die Innenstadt zieht, nimmt das in Kauf oder muss es in Kauf nehmen.

Aber Beschwerden von Anwohner sind nur ein Teil des Problems.

Anderswo spielt sich so viel mehr Leben auf der Straße ab

Dortmund ist zwar die achtgrößte Stadt Deutschlands, doch sitzen die meisten Menschen abends offenbar zu Hause im stillen Kämmerlein. Tatsächlich fällt mir erst im Urlaub so richtig auf, wie viel Leben sich anderswo auf der Straße abspielt.

Lissabon, Malaga, Göteborg oder Edinburgh haben alle weniger Einwohner als Dortmund – da ist aber viel mehr los. Klar, auch wegen vieler Touristen oder teilweise wegen des angenehmeren Wetters, aber auch in Bremen sieht die Stadt abends ganz anders aus. Kommt man wieder zurück nach Dortmund, ist es hier wirklich gähnend leer.

Der größte Fehler, den man abends in Dortmund machen kann

Einer der größten Fehler, den man in Dortmund machen kann, ist es, hungrig in eine Kneipe zu gehen. Je nachdem, wie groß der Laden ist, gibt‘s dort mit Glück vielleicht noch eine Suppe oder eine Frikadelle.

Aber versuchen Sie mal, auf dem Heimweg einen Döner oder eine Pommes zu holen. Dafür muss man nach 22 Uhr schon bis in die Brückstraße laufen. Und wer kein Bargeld dabei hat, ist mit der EC-Karte zusätzlich noch aufgeschmissen. Aber das ist ein anderes Thema.

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Anwohner der äußeren Stadtteile werden wahrscheinlich über den Wunsch laut lachen, spät abends noch spontan etwas zu essen zu holen. Wer in einen ruhigen Vorort zieht, rechnet aber auch damit, dass abends die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Doch im Zentrum einer Stadt mit mehr als 600.000 Einwohnern kann man durchaus mehr Leben erwarten. Schon um 22 Uhr kann es einem ja passieren, dass man auf dem Wall keine fünf Fußgänger trifft.

20 Minuten warten auf die U-Bahn

Niemand fordert, dass alle Leute bis 4 Uhr durch die Nacht tanzen sollen. Aber auch wenn man nur einen gemütlichen Kneipenabend verbringen möchte, gibt es selbst im Kreuzviertel nach 1 Uhr das letzte Bier höchstens noch an der Tankstelle.

Und versuchen Sie doch auch nur mal, schon aus einem Randbereich von Dorstfeld abends in die Innenstadt zu kommen. Da muss man ja gar nicht über Lanstrop reden. In anderen Großstädten fahren Bahnlinien auch spät abends alle 5 Minuten, während man in Dortmund 20 Minuten warten muss. Von der Bustaktung ganz zu schweigen. Was wiederum sicher auch daran liegt, dass zu diesen Zeiten kaum jemand unterwegs ist.

Dabei sind Busse und Bahnen hier ja durchaus wichtig. Vielleicht liegt meine Wahrnehmung der leeren Stadt auch daran, dass die Wege zwischen den Ausgeh-Orten der Stadt ziemlich weit sind.

Das Wort „Nachtleben“ braucht das Leben

Sicher: Die Wege zwischen den Ausgeh-Vierteln der Stadt sind weit. Einige Leute sind im Kreuzviertel unterwegs, andere innerhalb des Walls und ein paar in der Nordstadt, an der Kaiserstraße oder auch am Phoenix-See. In Städten mit zusammenhängendem Kneipenviertel, wie zum Beispiel in Bochum, sind einfach mehr Leute auf den Straßen zu sehen. Natürlich gibt‘s im Bermuda-Dreieck auch Probleme, aber das Wort „Nachtleben“ passt dort jedenfalls viel besser.

Doch was war zuerst: die Henne oder das Ei? Blieben in Dortmund zuerst die Gäste weg oder gab es zuerst so wenig Angebot? Wer ein paar Tage älter ist, spricht häufig davon, wie viele kleine Ausgeh-Läden es früher gab. Haben die Dortmunder einfach irgendwann aufgehört, vor die Tür zu gehen? Oder verläuft sich tatsächlich immer alles wegen der großen Fläche der Stadt?

Wo ist das geheime neue Ausgehviertel?

Als gebürtiger Dortmunder frage ich mich, was ich verpasst habe. Wo ist dieses geheime Ausgehviertel, das ja offenbar irgendwo versteckt liegen muss? Hat im Keller eines Studentenwohnheims ein angesagter Geheimclub eröffnet? Bitte verraten Sie es mir.

Oder gehen Sie doch bitte alle etwas mehr vor die Tür. Wenn die Kundschaft da ist, dann gibt’s auch mehr Angebot. Es kann doch nicht sein, dass unsere Stadt wirklich so langweilig ist.

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