Ist die Hälfte der Dortmunder Krankenhäuser überflüssig?

rnBertelsmann-Studie

Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland habe keine Existenzberechtigung, sagt eine neue Studie. Trifft die Einschätzung auf Dortmund zu? Das sagen örtliche Experten.

Dortmund

, 18.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Krankenhaus-Patienten könnten mit weniger als der Hälfte der Einrichtungen in Deutschland besser versorgt werden. Indem bestimmte Häuser geschlossen werden, könnte die Qualität in den verbleibenden Einrichtungen gesteigert werden. So lautet die Kernbotschaft einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die seit Montag (15.7.) die Gemüter erregt.

Die Idee: Nur Krankenhäuser, die hinreichend große Fallzahlen haben, können wirtschaftlich tragbar die nötige Ausstattung bieten, zum Beispiel im Falle eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Zudem könne das entsprechende Personal auch nur dann genügend Erfahrung sammeln. Jedes Krankenhaus sollte, so die Annahme der Studie, derartige Notfälle auf hohem Niveau behandeln können.

Modellrechnung für Köln/Leverkusen

Mit diesem Anspruch im Blick haben führende Krankenhausexperten in der Studie für den Raum Köln/Leverkusen simuliert, wie viele Krankenhäuser dort gebraucht würden. Das Ergebnis: Statt 38 Krankenhäusern bräuchte es nur 14 bzw. 12 – die dafür mehr Fälle bearbeiten.

Kritik: Realitätsfremd

Aus Dortmund kommt Kritik an der Studie. So betont Clemens Galuschka, Geschäftsführer der St.-Lukas-Gesellschaft, die unter anderem das St.-Josefs-Hospital betreibt: „Die notwendigen Umstrukturierungsmaßnahmen würden mehrfache Milliardenbeträge kosten, und es gibt bereits jetzt einen Investitionsrückstand.“ Zudem brächten größere Krankenhäuser – für die Modellregion teilweise mit über 1000 Betten – eigene Probleme mit sich. Sie seien zudem unpersönlicher und bei der medizinischen Grundversorgung nicht zwingend besser.

Zwei weitere der großen Krankenhaus-Betreiber in Dortmund, die St.-Johannes-Gesellschaft und Klinikum Westfalen, verweisen auf Nachfrage auf die Stellungnahmen der Krankenhausgesellschaften. So betont die Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG, die Einschätzung, dass nur Großkrankenhäuser die medizinische Versorgungsqualität verbessern könnten, sei nicht belegt.

Die Krankenhausgesellschaft NRW verweist zudem auf stadtplanerische und kartellrechtliche Hindernisse bei der Umsetzung des Modells. „Realitätsfremd“, so lässt sich die Einschätzung der Studie durch die Krankenhausgesellschaften am ehesten zusammenfassen.

Unter den Mindestfallzahlen

Dr. Jan Böcken hat die Studie bei der Bertelsmann-Stiftung verantwortet. Er entgegnet, es gehe nicht darum, kleine Häuser zu schließen – sondern Qualitätskriterien zu setzen, die zu einer Verbesserung der Versorgung beitragen. Dazu seien natürlich Investitionen und ein politischer Wille nötig.

„Die Behauptung, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Fallzahl und Qualität, lässt mich sprachlos zurück“, sagt Böcken. „Da gibt es weltweit eine andere Studienlage. Und viele Krankenhäuser behandeln Erkrankungen, für die sie unter den Mindestfallzahlen liegen.“

Keine einfache Antwort

Hat Dortmund nun zu viele Krankenhäuser? Klinikum und St.-Johannes-Hospital liegen immerhin nur wenige Gehminuten auseinander.

Eins zu eins auf Dortmund übertragen kann man die Modellrechnung für den Raum Köln/Leverkusen nicht. Wie viele von den zehn Dortmunder Krankenhäusern (ohne die LWL-Kliniken) nach Auffassung der Bertelsmann-Studie nötig wären, lässt sich so nicht sagen. Hinter der Modellrechnung stehen komplexe Computersimulationen anhand der Infrastruktur der Region, erklärt Dr. Jan Böcken. Diese sei jedoch in Dortmund mit der direkten Anbindung ans Ruhrgebiet anders. „Um das zu beantworten, müsste die Studie für das Ruhrgebiet wiederholt werden.“

Die Frage nach der Versorgung mit Krankenhäusern steht im Raum und wird auch die Landespolitik beschäftigen. Das betont auch die für Dortmund zuständige Bezirksregierung Arnsberg. Man müsse die politischen Entscheidungen abwarten und dann gegebenenfalls konkrete Pläne entwickeln.

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