Zwillings-Baby gerettet – da weinten die Ärzte vor Erleichterung

rn42 Jahre als Ärztin in Dortmund

Zigtausende Patienten hat Dr. Antje Ahrens schmerzfrei durch schwierige OPs gebracht. Vom Frühchen bis zum 102-Jährigen. Zum Abschied erzählt sie aus 42 Jahren spannender Klinik-Entwicklung.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 25.10.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Es geht nur eins: Beruf oder Familie!“ Die Ansage der Anästhesie-Oberärztin in den Städtischen Kliniken duldete keinen Widerspruch. Es war 1979, und die junge Assistenzärztin mit den Zöpfen nickte höflich, dachte aber: „Nee, muss beides gehen.“

Es ging. Die Nachwuchs-Ärztin von 1979 wurde Mutter (drei Kinder), Großmutter (vier Enkel) und gleichzeitig eine Pionierin unter weiblichen Klinikärzten: 2006 als Dortmunds erste Chefärztin im damaligen Bethanien-Krankenhaus. Und 2014, in der heutigen Ortho-Klinik, als erste und bisher einzige Klinikdirektorin der Stadt. Jetzt, mit 67 Jahren, hat Anästhesistin Dr. Antje Ahrens dem OP und der Klinik adé gesagt.

Für den Ruhestand hat sie sich wohl vor allem ihrem Mann Helmut zuliebe entschieden.

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Denn am liebsten läuft sie hochtourig, und Ruhe war nie wirklich ihr Ding. „Ich war von Anfang an unheimlich motiviert und hab mich praktisch nach jedem Dienst gedrängt. Allerdings musste man sich nicht sehr darum bemühen, denn in den 70er-Jahren herrschte akuter Ärztemangel. In der Anästhesie kursierte der scherzhafte Spruch: Wenn drei Patienten die Narkose überlebt haben, wirst du Facharzt.“

Kommt auch noch ein Arzt?

Sie machte so viele Narkosen, dass es für drei Fachärzte gereicht hätte. Mit 24 war sie Funktions-Oberärztin – wurde allerdings bei den Narkose-Aufklärungsgesprächen am Abend vor der OP von den Patienten oft gefragt: „Kommt auch noch ein Arzt?“ An jugendlich aussehende Ärztinnen war man nicht gewöhnt. Frau und jung – das waren Schwestern.

„Damals klärte man die Patienten noch mündlich auf. Der Anästhesist, der zur Aufklärung kam, war dann auch im OP“, erinnert sich die Ärztin. „Das ist heute häufig nicht mehr so, ich bin aber dabei geblieben. Die Patienten haben oft viel mehr Angst vor der Narkose als vor der OP. Darum spielt das Vertrauen zwischen dem Anästhesisten und dem Patienten eine riesengroße Rolle. Wie der Patient einschläft, ob er beruhigt und vertrauensvoll ist, wirkt sich auf den gesamten Verlauf der Narkose aus.“

Propofol war Meilenstein

Vieles in der Anästhesie hat sich mit dem medizinischen Fortschritt zum großen Vorteil der Patienten entwickelt. „Die Narkosemittel, die Überwachung, die Intubation – alles ist berechenbarer, sicherer und schonender. Die Patienten sind sofort wieder da und dämmern nicht stundenlang vor sich hin, die Liegezeiten sind kürzer. Ein Meilenstein war das Betäubungsmittel Propofol, weil es punktgenau und verlässlich zu dosieren ist“, erinnert sich Antje Ahrens.

Wer sagt denn, dass Familie und Karriere nicht unter einen Hut passen: Die ehemalige Klinikdirektorin mit den Enkelkindern Leonard (7 Monate), Tilda (2), Pauline (3) und Moritz (5).

Wer sagt denn, dass Familie und Karriere nicht unter einen Hut passen: Die ehemalige Klinikdirektorin mit den Enkelkindern Leonard (7 Monate), Tilda (2), Pauline (3) und Moritz (5). © Feldmann

Sie hat es 1983 in Dortmund als Erste in der Klinik-Anästhesie eingeführt. Heute verwenden Kliniken auf der ganzen Welt Propofol. „Damals benutzte das in Deutschland kaum einer. Ich hatte es da, aber noch nicht eingesetzt. Eines Tages kam eine junge Frau mit einer Nasenbein-Fraktur in die Klinik. Sie brachte ihr Kind mit und hatte wahnsinnige Angst, dass ihr Mann das Kind heimlich abholen würde, wenn sie jetzt mehrere Stunden bei Vollnarkose außer Gefecht wäre. Ich hab ihr dann gesagt: Wir nehmen das Kind mit in den OP-Vorraum, und Sie bekommen eine neuartige Narkose, nach der Sie ruckzuck wieder wach sind.“

Die Patientin war tatsächlich sofort wach und blieb mit ihrem Kind sicher im Aufwachraum. Die Dortmunder Anästhesistin hielt dann deutschlandweit Vorträge über die Erfahrungen mit dem neuen Mittel und alle Krankenhäuser führten es ein.

Mehr Angst vor Narkose als vor OP

Wenn die meisten Patienten mehr Angst vor der Narkose haben als vor der Operation, wie berechtigt sind denn diese Sorgen tatsächlich? „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Patient sozusagen auf dem OP-Tisch geblieben ist“ sagt Antje Ahrens. „Auch früher nicht. Und heute ist die Überwachung umfassend. Die Geräte machen im Notfall einen Riesen-Alarm. Aber natürlich haben wir im gesamten Team bei schwierigen OPs oft auch um unsere Patienten gebangt. Denn es geht ja um das gesamte OP-Ergebnis.“

Besonders in Erinnerung ist ihr das neun Monate alte Zwillingsmädchen mit einem großen Brust-Tumor, der die Lunge einengte. „Während das Schwesterchen gesund war, hatte dieses kleine Mädchen von Geburt an sehr gelitten und es war klar, dass es keine Therapie durchstehen würde, wenn der Tumor bösartig ist.“ Der damalige Kinderchirurgie-Chef Dr. Würtenberger und Dr. Antje Ahrens waren gleichermaßen in höchster Anspannung. Die eingeschränkte Lunge musste sehr sensibel belüftet werden, während Dr. Würtenberger die kleine Brust öffnete. Alle Augen waren auf den Tumor gerichtet. „Dr. Würtenberger erkannte dann aber sehr schnell: Er ist gutartig! Wir haben beide vor Erleichterung geweint.“ Die OP verlief gut, das Kind war gerettet.

102-Jähriger mit blutjunger Frau

Die Erinnerung an ihren ältesten Patienten, ist dagegen eher zum Schmunzeln: Es war ein 102-Jähriger, der in der Augenklinik eine neue Linse bekam. „Ich unterhielt mich mit ihm vor der Narkose und fragte: Leben Sie in einem Heim? Er sagte geradezu beleidigt: ‚Nein! Ich lebe mit meiner Frau zusammen. Ich habe eine blutjunge Frau.‘ Ah, sagte ich, wie alt ist sie denn? Er stolz: ‚Erst 84.‘“

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Ein ganz neues Kapitel begann für die Ärztin noch einmal mit dem Wechsel zum Bethanien-Krankenhaus, das sich dann als Ortho-Klinik ausschließlich auf orthopädische Operationen spezialisierte. „Ich war total begeistert, als wir 2016 mit der Wirbelsäulen-Chirurgie unter dem Neurochirurgen Dr. Hedayat begonnen haben und in ganz kurzer Zeit als Wirbelsäulenzentrum zertifiziert wurden. Rückenschmerzen sind ja das Hauptübel der deutschen Patienten und man kann sich nicht vorstellen, welche Verbesserungen der Lebensqualität durch diese OPs möglich sind.“

Zehn Stunden nicht wackeln

Allerdings sind sie auch eine große Herausforderung für die Ärzte: „Acht- bis zehnstündige Operationen und die Patienten dürfen nicht wackeln. Da darf kein halber Millimeter an der falschen Stelle operiert werden. Aber wenn die Patienten dann sofort nach der OP merken, dass sie sich plötzlich wieder bewegen können und vor Glück weinen, das ist für uns Ärzte schon ein wunderbares Gefühl. Dann spürt man die physische Erschöpfung gar nicht mehr.“

Ihr letztes Team in der Ortho-Klinik: Dr. Antje Ahrens mit Neurochirurg Dr. Hedayat, Orthopäde Dr. Al Dakhlallah und Stationsschwester Claudia Krause.

Ihr letztes Team in der Ortho-Klinik: Dr. Antje Ahrens mit Neurochirurg Dr. Hedayat, Orthopäde Dr. Al Dakhlallah und Stationsschwester Claudia Krause. © privat

Spürt man denn nach 42 Jahren im OP so etwas wie eine Berufs-Erschöpfung? „Ich hatte ja das Glück, durch die Ortho-Klinik noch einmal eine völlig neue medizinische Entwicklung mitmachen und als Klinikdirektorin auch mitgestalten zu können. Das war sehr motivierend und gibt neuen Schwung. Und ich war auch immer eine neugierige Anästhesistin mit einem Herzen für die Chirurgie, die ja gerade im Neurochirurgie-Bereich hochspannend ist.“

Im Aufwachraum schon laufen

Sehr stolz ist sie rückblickend auf die erfolgreiche Einführung des Konzeptes „Rapid Recovery“ - schnelle Erholung. „Die Patienten können damit nach dem Einsetzen einer Knie- oder Hüftprothese schon im Aufwachraum aus dem Bett geholt werden und laufen. Das glauben die erst gar nicht, stehen dann aber auf und gehen.“

Möglich ist das durch eine Patientenschulung und Begleitung schon Wochen vor dem Eingriff. Physiotherapeut, Krankenschwester und ein „Coach“ aus der Familie des Patienten (Ehepartner oder Sohn/Tochter) nehmen an dem Aufklärungsprogramm teil. Es werden alle Bewegungen und Übungen zur Wiederherstellung der Beweglichkeit schon vor der Operation erlernt und geübt. „Die Patienten gehen viel entspannter in die OP. Sie wissen, dass sie alles können und trauen sich das Laufen mit der Prothese dann auch zu. Da spielt natürlich der Kopf eine große Rolle.“

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Gibt es nach diesem spannenden Berufsleben auch etwas, worauf sie sich im Ruhestand freut? „Ich freu mich, dass Helmut sich jetzt freut - weil er nicht mehr mit dem Essen auf mich warten muss!“

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