Als Blogger kritisiert Resul Özcelik die Politik in der Türkei und ihres Präsidenten Erdogan. Er geriet auf eine Terrorliste des türkisches Geheimdienstes MIT und musste Bedrohungen von früheren Dortmunder Jugendfreunden aushalten.

Dortmund

, 21.07.2018, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Laut Pass ist Resul Özcelik ein Türke, doch im Leben ein Dortmunder durch und durch. Vor 41 Jahren wurde er als Gastarbeiter-Kind geboren. Aufgewachsen ist er in Eving, in der Nordstadt und in Scharnhorst. Heute wohnt er im Dortmunder Süden. Wo genau, soll nicht öffentlich werden. Denn Resul Özcelik muss sich und seine Familie schützen, weil er mit kritischen Fragen und offener Kritik an der Politik des türkischen Herrschers Erdogan ins Visier nicht nur des türkischen Geheimdienstes geraten ist. Auch frühere Schulfreunde aus der Gesamtschule Scharnhorst haben ihn bedroht. Sie besitzen Kontakte zu der inzwischen vom Bundesinnenministerium verbotenen Rockergruppe „Osmanen Germania“.

Früher in der Türkei „der Deutschländer“

Zunächst ein Rückblick in Jugend und Kindheit: Resul Özcelik wächst als Kind seiner aus Mittel-Anatolien stammenden Eltern auf. Sein Vater ist ein Gastarbeiter. Ein Hoeschianer, der bis zur Rente schuftet. In der Schule muss Resul „Türkisch für Ausländer“ lernen. Bei Urlauben in Ankara und auf dem Dorf seiner Eltern in der Türkei nennen die Kinder ihn auf der Straße den „Deutschländer“.

Selbstbewusst und stolz sagt der heute 41-Jährige: „Ich bin Dortmunder“. Seine besten Jugendfreunde in Alt-Scharnhorst waren Deutsche. „Obwohl ich im Stadtteil in einer türkischen Straße gewohnt habe.“ Er ging bei den Familien ein und aus. „Da habe ich die deutsche Kultur kennengelernt und viele Fragen über meine Familie beantwortet. Meinen Eltern waren ethische Werte stets sehr wichtig. Das prägt mich bis heute.“

Als 17-Jähriger durchlebte Resul Özcelik eine fast zehn Jahre dauernde Orientierungs- und Identitätsphase. Mit 22 heiratete er, wurde selbst Vater. „Das war eine Mischung aus Identitätskonflikten und Angst vor der Zukunft“, blickt er zurück. 2008, als er in Anatolien die Gräber seiner Großeltern besuchte, konnte Resul Özcelik diese Phase abschließen. Orte, Momente und Gedanken hielt der Familienvater in Videos fest.

Am Anfang überzeugt von Erdogan

Dass er später als Blogger über den angeblichen Putschversuch im Juli 2016 und die Menschenrechtsverstöße in der Türkei berichten und deshalb unter Druck geraten würde, war damals nicht absehbar. Denn anfangs, schon 2002, erkannte er in dem aufstrebenden türkischen Politiker Recep Erdogan – wie viele Türken – einen Reformer, der das mächtige Militär zurückdrängen, die Türkei für Europa öffnen und die Demokratie und damit die Freiheitsrechte in dem Land stärken werde.

Das Jahr 2013: Im Land wächst der Widerstand gegen Erdogans Politik. Vorwürfe gegen ihn und andere hochrangige Politiker zielen auf Macht-Missbrauch und Korruption ab. Die Proteste im Gezi-Park in Istanbul ordnet Resul Özcelik zunächst als „Pakt gegen Erdogan“ ein. Verwandte und Freunde auch in Dortmund diskutieren kontrovers. Özceliks Skepsis über die Proteste im ganzen Land weicht nach und nach. „Ich habe erst mir selbst, dann in meinem Blog im Internet und in den Kommentaren in den sozialen Netzwerken kritische Fragen gestellt. Damit fing dann alles an.“

„Ein inszenierter Putsch“

Inspiriert von der Debatte in deutschen Medien über die Thesen des früheren SPD-Politikers, Bundesbank-Vorstands und Buchautors Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“), wollte er sich als Internetblogger ausschließlich zu Integrationsthemen äußern. Doch der angebliche Putsch im Sommer 2016 – Resul Özcelik spricht von einer „Inszenierung“ – und die Verstöße gegen Menschenrechte forderten ihn dazu heraus, den in der Türkei gleichgeschalteten Medien von Dortmund aus etwas entgegenzusetzen. „Um mich herum jubelten alle. Ich wollte andere Impulse geben und auch eine junge Türken-Generation zum Nachdenken bewegen. Ich wollte eine Gegenöffentlichkeit schaffen.“

Die Medien aufgehetzt

Der Schuss ging nach hinten los. Resul Öczalik: „Ich geriet in einen Shitstorm, der von meinen Freunden aus der Jugendzeit ausgelöst worden ist. Da wurde ein Foto von mir veröffentlicht mit dem Hinweis, dass ich ein Putsch-Unterstützer und ein Terrorist sei, der die deutschen Medien gegen die Türkei und gegen Erdogan aufhetze.“ – „Findet seine Adresse heraus – dann fahren wir hin“, musste der Blogger lesen. „Ich habe das sehr ernst genommen, weil ich diese Kommentatoren und deren kriminelle Karriere aus meiner Jugend kannte.“ Manche von ihnen hatten Kontakte zu den „Osmanen Germania“. Eine im Kampfsport erfahrene und jüngst verbotene Rockergruppe, die unter dem Verdacht steht, Aufträge aus Ankara erfüllt zu haben. Ein Mitglied erkannte er in einem türkischen Supermarkt. Der Kassierer trug eine Osmanen-Germania-Weste.

Ein Anruf von der Polizei

Knapp ein Jahr nach dem angeblichen Putschversuch, im April 2017, erhielt Resul Özcelik an seinem Arbeitsplatz einen Anruf vom Staatsschutz der Dortmunder Polizei. Ein Polizeibeamter berichtete von der Namensliste des türkischen Geheimdienstes MIT. „Ihr Name steht da drauf“, habe der Staatsschutz-Beamte gesagt. Von da an war klar: Eine Reise in die Türkei könnte unangenehme Folgen haben. Denn regierungskritische Blogger und Journalisten sowie etliche Oppositionspolitiker sitzen in Haft.

Laut der Organisation Reporter ohne Grenzen mit Sitz in Berlin ist die Türkei das Land mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. In der der jährlich aktualisierten „Rangliste der Pressefreiheit“ steht die Türkei auf Platz 157 von 180. In der „Putsch“-Nacht im Juli 2016 wollten Dortmunder Türken die „Zaman“-Zeitung am Schwanenwall stürmen. Ein Angriff wurde in letzter Minute nur dadurch verhindert, weil die Beteiligten nachts zu einer Fahrt zum Generalkonsulat der Türkei in Essen aufgerufen wurden. Dennoch stellte die Zaman-Redaktion kurz darauf ihre Arbeit ein.

Dortmunder Blogger auf Terrorliste des türkischen Geheimdienstes

Kurz nach dem angeblichen Putsch in der Türkei hatte die Redaktion der Zaman-Zeitung um juli 2016 ihre Arbeit in Dortmund eingestellt. © Peter Bandermann

Beeinträchtigen die Pöbeleien und die Drohungen im Internet den Blogger? Resul Özcelik zögert mit der Antwort, wirkt nachdenklich und sagt: „Das hat mich nicht zurückgedrängt. Aber am Ende steht man ganz alleine da. Die Mittel, um seine Stimme zu erheben, reichen für eine wirksame Gegenöffentlichkeit nicht aus. Ich will auch nicht sagen, dass meine Arbeit Zeitverschwendung ist, aber ich habe das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen. Aber ja, doch, es stimmt: Ich bin ruhiger geworden und schreibe nicht mehr so viel.“ Nach einer kurzen Denkpause sagt er, dass es doch absurd sei, dass er, der kleine Blogger, auf einer Terrorliste des türkischen Geheimdienstes stehe. „Das sagt doch alles über die große Paranoia der Mächtigen in der Türkei.“

Eine laute und radikale Minderheit

Erdogan habe zwar Unterstützer in Deutschland, vor allem im Ruhrgebiet und auch in Dortmund, doch das sei eine radikale Minderheit, die umso lauter auftrete, um wahrgenommen zu werden. Die große Mehrheit der Türken in Deutschland sehe Erdogan kritisch, nehme nicht an Wahlen teil und habe sich für das Schweigen entschieden. Aus Angst vor Repressionen gegen die eigene Person und gegen Familie und Verwandte in der Türkei. Der 41-Jährige sagt: „Da sind Unternehmer bei, die um die Existenz ihrer Firma besorgt sind.“

Gegen das Schweigen entschieden

Resul Özcelik hat sich gegen das Schweigen entschieden. Obwohl er weiß, dass die Namensliste des türkischen Geheimdienstes auch Erdogans Freunden in der Nordstadt bekannt ist. Ein Türke, den er wegen Beleidigung angezeigt hat, sagte Özcelik in einem Schlichtungsgespräch: „Wenn du in der UETD bist, dann hast du Zugang zu vielen Informationen über die Türken, die hier leben.“ Die UETD ist die „Union der Europäischen Demokraten“ und ist ein Ableger der Regierungspartei AKP. Sie hat einen Ableger in der Nordstadt. Im Internet wird der Westenhellweg als Sitz der UETD angegeben. Tatsächlich gibt es dort aber kein Büro.

Mit dem türkischen Journalisten Süleyman Bag Resul will Resul Özcelik jetzt mit Liveberichten im Internet über Gerichtsverfahren gegen politische Gefangene und Journalisten informieren und Dialoge und Debatten auf demokratischer Grundlage ermöglichen. „Denn in den türkischen Medien findet man so etwas nicht.“

Für den Putschversuch macht Präsident Erdogan seinen ehemaligen politischen Weggefährten Fethullah Gülen verantwortlich. Gülen lebt in Amerika. Belastbaare Beweise konnte die Türkei nie vorlegen. Mitglieder der Gülen-Bewegung, die mit Bildungsarbeit und Integrationskursen auch in Dortmund aktiv ist, sind als Terroristen denunziert und verhaftet worden. Resul Özcelik engagiert sich in Dortmund für die Bildungsarbeit der Gülen-Bewegung („Hizmet“).
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