Endlich wieder Urlaub – trotz Corona! Vom Flughafen Dortmund aus geht’s in die Ferien. Fliegt das Virus immer mit? Forscher wollen mit einem Pandemie-Konzept jetzt für Sicherheit sorgen.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 29.06.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wochenanfang, zwischen 14 und 15 Uhr: In der Abflughalle des Airport Dortmund ist die Lage entspannt. Mehr als 50 bis 100 Passagiere gleichzeitig sind nicht zu sehen. Obwohl in den nächsten zwei Stunden fünf Flüge von Wizz Air starten, alle Richtung Osteuropa. Kein Wunder: Das Passagieraufkommen sank vom 1. bis 20. Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 88 Prozent! Das wird sich spätestens ab August deutlich ändern.

Jetzt gibt es noch keinen Grund zu drängeln. Alle stehen korrekt entsprechend den Abstandsaufklebern in den abgetrennten Wegeführungen. Jeder trägt Mund- und Nasenschutz. Im gesamten Terminal ist Maskenpflicht. Desinfektionsmittel-Spender an den Eingängen und in der Halle, Plexiglas-Abtrennungen an den Schaltern, Warnhinweise auf Schrifttafeln, Durchsagen – natürlich hat der Airport Dortmund alle Vorschriften umgesetzt.

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Aber was passiert ab 1. August, wenn allein der Dortmunder Platzhirsch Wizz Air (Marktanteil 69 Prozent) 48 Ziele in 24 Ländern ansteuert? Darunter beliebte Urlaubsziele in Italien, Griechenland, Fuerteventura, Portugal und viele mehr. Ein Plus von 250 000 Fluggästen wird angepeilt. Dann ist es vorbei mit der entspannten Stimmung.

100 Quellen für Gefahr

„Reisende auf Flughäfen sind meistens im Stress. Dann halten sie sich nicht immer an Regeln. In der Schlange kämpft jeder um seinen Platz. Und bis zum Boarding gibt es mehrere Prozesse auf engen Flächen, wo die Abstandsregeln unterschritten werden. Wir haben 100 Quellen gesichtet. Hier setzen wir an und erarbeiten Lösungen zur größtmöglichen Sicherheit“, erklärt Lars Mehrtens, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Luftverkehrs-Logistik-Team des Fraunhofer IML (Institut für Materialfluss und Logistik) Dortmund. Das Fraunhofer-Team entwickelt ein neues Pandemie-Konzept, das helfen soll, eine zweite Pandemiewelle zu verhindern. Denn das Virus fliegt mit um die Welt.

Die Wissenschaftler bauen dabei auf bereits vorhandene Studien zur Katastrophenlogistik und zur Ausbreitung sowie zu Maßnahmen bei Pandemien wie SARS. Sie untersuchen das Infektionsrisiko der verschiedenen Prozesse, beachten dabei die Art und Häufigkeit der zwischenmenschlichen Interaktionen und die Berührungspunkte mit Gegenständen.

Abstand ist das A und O

Daraus ergibt sich ein Hauptziel: Abstand halten ist das A und O. Und die damit im Zusammenhang stehenden Hauptproblempunkte sind auch klar: Check-in, Gepäckaufgabe und Gepäckausgabe, Sicherheitsüberprüfung, die Wege zu den Gates und schließlich das Boarding. Hier drubbelt es sich, wenn die Flieger voll werden. Zu allen Problempunkten erarbeitet das Fraunhofer-Team eine Art Handbuch mit Empfehlungen, die von jedem Flughafen umgesetzt werden können. Im Spätsommer soll die Studie herauskommen. Mehrtens: „Wir gehen davon aus, dass dies die neue Normalität wird – bis es einen Impfstoff gibt.“

Der Flughafen Dortmund war während der Corona-Krise zeitweise nahezu menschenleer.

Der Flughafen Dortmund war während der Corona-Krise zeitweise nahezu menschenleer. © Michael Schuh (A)

Mehrtens ist mit dem Fraunhofer-Team zwar am Flughafen Frankfurt als Außenstelle stationiert, kennt aber den Flughafen Dortmund gut. Wir haben einige wichtige Punkte der Studie mit der Situation am Dortmunder Flughafen abgeglichen. Flughafen-Sprecherin Davina Ungruhe gab die jeweiligen Informationen. Dies sind die Ergebnisse:

Online einchecken

Check-in, Gepäckaufgabe/Gepäckausgabe:

Das Fraunhofer-Institut empfiehlt: Online einchecken und wenn möglich auch den Gepäckaufkleber vorab ausdrucken. Schnelle Abfertigung vermindert Schlangen und somit das Risiko. Bei der Gepäckausgabe Passagiere nur in Gruppen zum Band vorlassen.

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Am Flughafen Dortmund checken bereits 90 Prozent aller Passagiere online ein. Ein großer Pluspunkt. Ausdrucken von Gepäckaufklebern ist nicht möglich. Pluspunkt bei der Gepäckausgabe: Es gibt drei Bänder, das mittlere kann freigelassen werden. Auch wird ein Gepäckband nur für eine Maschine genutzt und nicht geteilt.

Sicherheitsüberprüfung:

Fraunhofer-Institut: Langfristige digitale Lösungen sollen Prozesse auch in Zukunft effizienter gestalten. Zum Beispiel die Kontrolle der Gepäckstücke durch Computer-Tomographie statt der bisherigen Geräte, weil man Laptop, Flüssigkeiten etc. nicht mehr entfernen muss und dies den Ablauf erheblich beschleunigt. Ein zweite Empfehlung ist die Reduzierung auf ein Handgepäck-Stück.

Der Flughafen Dortmund erklärt dazu, dass für den Sicherheitsbereich keine eigenen Entscheidungen getroffen werden, sondern nur nach Anforderungen oder im Dialog mit der Luftaufsichtsbehörde bei der Bezirksregierung Münster. Hier gibt es noch keine entsprechenden Absichten. Hinsichtlich des Handgepäcks könne der Flughafen auch nicht eigenmächtig entscheiden, da die Airlines ein Gesamtprodukt verkaufen.

Wege zu den Gates:

Das Fraunhofer-Institut empfiehlt eine Active Crowd Control, bei der es sich um Sensoren mit Stereo-Kameras handelt, die zu dichten Wegefluss registrieren und auch Push-Nachrichten an Passagiere senden können mit dem Hinweis, statt Weg A Weg B zu nehmen.

Flughafen Dortmund: Eine Active Crowd Control gibt es nicht, auch keine Flughafen-App. Aber einen Tag vor Abflug wird auf der Basis aller geplanten Flüge eine Wegeplanung und Zuordnung zu den Gates vorgenommen, die die kürzesten Strecken und schnellstmöglichen Wege vorsieht und vermeidet, dass Passagier-Gruppen sich kreuzen.

Boarding:

Hier empfiehlt das Fraunhofer-Team gestaffelte Boarding-Zeiten über Push-Nachrichten an Passagiere, wie es zum Beispiel die US-Fluglinie Delta Airlines macht. Mehrtens: „Die Passagiere stellen sich ja gerne eine halbe Stunde vor Abflug in die Schlange, obwohl das Flugzeug nicht ohne sie abfliegt. Am besten bleibt man sitzen, bis man dran ist.“ Die Flughafen-Sprecherin verweist darauf, dass gestaffelte Boarding-Zeiten Maßnahmen der Airlines sind. Dass aber ohnehin nach Prioritäten aufgerufen würde.

Ein eigenes Pandemiekonzept könnte zusätzlich für Sicherheit sorgen.

Ein eigenes Pandemiekonzept könnte zusätzlich für Sicherheit sorgen. © Oliver Schaper

Grundsätzlich bewertet Lars Mehrtens die Sicherheit am Dortmunder Flughafen eher positiv: „Entscheidend ist nicht die Größe des Flughafens, sondern wie Flächen und Infrastruktur genutzt werden. Und Dortmund konnte schon vor Corona mit den vorhandenen Kapazitäten gut umgehen.“ Der ein oder andere längere Gang sei zwar so etwas wie ein Flaschenhals, könne aber auch mit Abstand bewältigt werden. „Außerdem hat Dortmund zwei Sicherheitskontrollen. Das kann auch nicht jeder kleinere Flughafen vorweisen.“

Virus an Bord?

Hat der Passagier schließlich alle Risiko-Stationen im Flughafenbetrieb heil überstanden, stellt sich die eigentlich entscheidende Frage: Wie sieht’s aus mit der Corona-Sicherheit an Bord? Stundenlang im geschlossenen Raum unter vielen Menschen, Ellbogen an Ellbogen, mit Luft aus der Klimaanlage? Wenn Abstand das A und O ist, hört sich das nicht wirklich sicher an. Die Situation an Bord gehört allerdings nicht in den Bereich der Logistiker, und es gibt bisher auch keine gesicherten wissenschaftlichen Studien dazu. Nur Warnungen auf der einen und Beruhigungsbotschaften auf der anderen Seite.

Airlines und Touristik-Sprecher versichern: Die Luft im Flieger ist sauberer als in jedem anderen öffentlichen Verkehrsmittel. Die Gründe dafür klingen plausibel: Der Luftstrom verläuft vertikal, oben rein und wird von unten abgesaugt, keine Verteilung seitwärts. Durch Hochleistungsfilter gereinigt würde die Luft innerhalb weniger Minuten immer wieder komplett ausgetauscht und auch viren- und bakterienfrei.

Pech hat man, wenn ein infizierter Passagier in der Nähe niest oder hustet. Simulationen von US-Forschern haben laut Report Mainz (Quelle: Tagesschau) gezeigt, „dass ausgehustete Tröpfchen bis zu vier Minuten lang an Bord zirkulieren können, bevor sie in der Klima-Anlage gefiltert werden“. Am meisten gefährdet ist dann der Sitznachbar.

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