Dortmunder hat Weltstars als Kunden und muss trotzdem zum Jobcenter

rnUnternehmer in der Corona-Krise

Für gewöhnlich nehmen im Auto von Mitat Dag Stars wie Chuck Norris und Steven Seagal platz. Seit dem Corona-Shutdown hat der Dortmunder aber mehr mit dem Jobcenter als mit Promis zu tun.

Dortmund

, 29.06.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Corona-Krise hat eine Vielzahl seltsamer Blüten getrieben. Der Fall des Dortmunders Mitat Dag ist eine besonders kuriose Angelegenheit: Der Betreiber des edlen Dortmunder Limousinen-Service reicht für gewöhnlich seinen Fahrgästen Champagner und begleitet Stars, Sternchen und Staatsmänner quer durch Europa.

In den vergangen drei Monaten hatte er aber mit anderen Menschen viel mehr zu tun. Die sind weniger prominent. Und laut Dag kann er es denen bis jetzt auch nicht so wirklich recht machen.

Es handelt sich um die Mitarbeiter des Dortmunder Jobcenters. Zu denen hatte Dag nämlich Kontakt aufgenommen, als im Zuge des Corona-Shutdowns seinem Kleinunternehmen die Aufträge wegbrachen. Und so kam es dazu.

Diskretion ist Berufskodex

„Wäre ich Autogrammjäger und würde mit meinen Fahrgästen gemeinsame Fotos machen, hätte ich da längst eine Schachtel mit über 200 davon“, sagt Mitat Dag.

Der Dortmunder redet nicht darüber, was sonst so in seinen Fahrzeugen passiert. Diskretion gehört zu seinem Berufskodex.

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Den sprichwörtlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär hat Mitat Dag nicht beschritten. Und auch, wenn der Familienvater seit fast vier Jahren einen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen erhaschen darf, so war sein beruflicher Werdegang ein wenig anders gewesen, wie er sagt.

Seit 2010 in Dortmund

Betriebswirtschaftslehre hat der Mann ursprünglich studiert, der die türkische Staatsbürgerschaft trägt, aber seit zehn Jahren mit seiner Familie in Dortmund lebt.

„Bei uns lief alles gut, doch dann verschärfte sich die politische Lage in der Türkei so sehr, dass wir 2010 gemeinsam nach Deutschland gegangen sind“, sagt Fatma Yildiz-Dag, die Ehefrau des Unternehmers.

Frau und Kinder zogen nach Dortmund, Mitat Dag blieb noch ein wenig in der Türkei, um beruflich einen Abschluss zu finden. Aber wie sollte ein Mann, der nicht über die notwendigen Sprachkenntnisse verfügte, in Deutschland wieder beruflich richtig Fuß fassen?

Taxifahren und Deutschkurse

„Es musste einen Job geben, der meinem Mann die nötige Zeit bieten sollte, nebenher noch Deutschkurse zu besuchen“, erzählt Dags Ehefrau. So einen Job gab es: Über Kontakte von Freunden und Bekannte kam Mitat Dag dazu, Taxi zu fahren. Und das lief so gut, dass der Wahl-Dortmunder einen Kredit aufnahm, um 2016 den Sprung in die Selbstständigkeit mit einem Limousinen-Service zu wagen.

Mit drei exklusiven Mercedes-Boliden wurde ein Fuhrpark aufgebaut, Sub-Unternehmer-Verträge mit Sixt und internationalen Vermittlern von Leihwagen und Beförderungsdiensten geschlossen.

Der Limousinen-Service von Mitat Dag

Der Limousinen-Service von Mitat Dag © Oliver Schaper

Wenn Manager schnell von Leipzig nach Wien mussten, Schauspieler wie Chuck Norris vom Flughafen zu den Westfalenhallen gebracht werden sollten oder die Tochter eines Scheichs eine Woche lang eine Begleitperson für den Urlaub benötigte, dann war Mitat Dag gefragt, wie er erzählt.

Das Geschäft sei toll gelaufen. So toll, dass bald fünf Mitarbeiter eingestellt und eine Erweiterung des Fuhrparks anvisiert wurden. Aber dann kam Corona. Und der Lockdown.

Plötzlich keine Kunden mehr

Seit Februar seien immer mehr Aufträge weggebrochen, berichtet Dags Frau. „Mit der Einstellung des Flugverkehrs im März war es endgültig aus“, erzählt Fatma Yildiz-Dag.

Großveranstaltungen wurden abgesagt, Fußballspiele fanden nicht mehr statt und die Manager und Banker weilten lieber im Home Office als auf Geschäftsreise.

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„Von anderen Unternehmern erfuhr ich von dem Soforthilfe-Programm des Bundes. Das beantragte ich, aber bekam keine Rückmeldung. Erst beim zweiten Antrag kam dann eine Bestätigung, kurz darauf war das Geld da“, so Mitat Dag.

Keine Antwort

Da Dag zu Beginn der Krise einen Mitarbeiter entlassen hatte, konnte ihm nur eine Hilfe über 9000 Euro bewilligt werden. Geld, das laut seiner Frau für Kredite, Mieten für Geschäftsräume und die Versicherungsabgaben für Mitarbeiter aufgewendet wurde.

Zwar hatte man Geld für den Notfall beiseite gelegt gehabt, aber der Unternehmerlohn blieb aus. Damit die Ausgaben des Lebensunterhalts beglichen werden konnten, wandte sich Dag an das Jobcenter und stellte einen Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts.

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Doch finanzielle Unterstützung bekam der Unternehmer bis heute nicht. Erst habe es geheißen, dass der Antrag nicht eingegangen wäre, dann hätten wiederholt Formulare und Anlagen gefehlt, die das Ehepaar Dag nach eigenen Angaben längst eingerecht habe.

Hoffnung aufgegeben

„In der Zwischenzeit haben wir fast jeden Tag beim zuständigen Callcenter angerufen um den letzten Stand zu erfahren. Jedesmal durften wir uns unterschiedliche Aussagen anhören", erzählt Fatma Yildiz-Dag.

Die Aussicht auf Hilfe durchs Jobcenter habe man mittlerweile aufgegeben. Und auch wenn die Auftragslage wieder angezogen hat, ist sich Mitat Dag sicher: „Einen zweiten Lockdown überlebt das Unternehmen nicht mehr.“

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