„Kiffen“ könnte bald legal werden. Ein Dortmunder Suchtmediziner ist davon nicht angetan. Aber weiter Cannabis verbieten will er trotzdem nicht. © picture alliance/dpa (Symbolbild)
Legalisierung von Cannabis

Dortmunder Mediziner lehnt legales Cannabis ab – und ist trotzdem dafür

Es scheint immer wahrscheinlicher, dass SPD, Grüne und FDP eine Regierung bilden. Dann könnte auch Cannabis legal werden. Einen Dortmunder Suchtmediziner beunruhigt das – er hat aber einen konkreten Vorschlag.

Die Parteien SPD, Die Grünen und FDP wollen gemeinsam eine neue Bundesregierung bilden. Ein Thema dieser „Ampel-Koalition“ ist die Legalisierung von Cannabis. Die SPD will mit Modellprojekten eine Freigabe der Droge erproben, Grüne und FDP setzen auf den Verkauf in Fachgeschäften.

Dr. Gerhard Reymann ist von der Legalisierungsdebatte eher wenig angetan. Er ist Chefarzt der Suchtmedizin in der LWL-Klinik im Dortmunder Stadtteil Aplerbeck. In der suchtmedizinischen Ambulanz gibt es unter anderem eine Gesprächsgruppe speziell für Cannabis-Abhängige.

Coffeeshops sind „zu schick“

„Ich befürchte, dass wenn die Verfügbarkeit von Cannabis zunimmt, auch der Konsum zunimmt“, so Dr. Reymann. Er geht fest davon aus, dass sein Fachbereich mehr zu tun haben wird. „Es wird missverstanden, dass Cannabis ungefährlich sei“.

Der Suchtmediziner hat prinzipiell kein Problem damit, wenn gesunde Menschen einmal pro Monat einen Joint rauchen. Die komplette Freigabe von Cannabis sei für diejenigen, denen es nicht gut geht, die zum Beispiel psychische Probleme haben, kein guter Weg. Dr. Reymann: „Die müssen dann zu uns“.

Deshalb ist Reymann auch gegen eine Legalisierung. Für den Chefarzt aus Dortmund wäre die eine Art „Freifahrtschein“. „Bei Cannabis handelt es sich immer noch um einen hochwirksamen Stoff, um eine Droge, die auch Psychosen hervorrufen kann“, so Dr. Reymann. Ideen wie Coffeeshops wie in den Niederlanden oder Clubs wie in Spanien findet er „zu schick“.

Der „War on Drugs“ ist verloren

Das bedeutet aber nicht, dass Reymann will, dass es mit der deutschen Drogenpolitik so weitergeht wie bislang. Er ist für eine Entkriminalisierung, damit der „Anreiz der verruchten Drogenszene“ abgeschafft wird.

Die Politik habe den „War on Drugs“ verloren, bilanziert Reymann. Dealer und Drogenbanden könnten weiterhin schalten und walten, wie sie wollen, egal was gegen den illegalen Drogenhandel getan wird.

Dr. Gerhard Reymann ist Chefarzt der Suchtmedizin in der LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck.
Dr. Gerhard Reymann ist Chefarzt der Suchtmedizin in der LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck. © LWL-Klinik Dortmund © LWL-Klinik Dortmund

„Ich möchte, dass Cannabis legal an Konsumenten verkauft wird“, so Reymann. Die Droge gehöre aber in die Apotheke. Gemeinsam mit anderen Suchtmedizinern hat Dr. Reymann bereits 2015 ein Modell im Landtag NRW vorgestellt.

So soll der Konsum freier werden, trotzdem soll die Fachkompetenz bei Ärzten, idealerweise Suchtmedizinern bleiben. Das würde bedeuten, dass es qualitativ hochwertiges Cannabis zwar für jeden an der Apotheke zu kaufen gibt, aber vorher ein Arzt aufgesucht werden muss, der über die Wirkungen und Risiken aufklärt. Auch, wenn man mal zum Spaß „nur einen durchziehen will“.

Dann gibt es eine Bescheinigung für Cannabis aus der Apotheke, die beispielsweise zwölf Monate gültig ist. Dadurch, dass bei der Ausstellung oder Verlängerung dieser Bescheinigung ein Arzt konsultiert werden muss, ist eine gewisse Absicherung der Menschen möglich – bei Anzeichen einer Sucht oder bei psychischen Problemen wie zum Beispiel Psychosen.

So kommt das Cannabis „vom Park in die Apotheke und die riskant Konsumierenden kommen zu den Ärzten“, fasst Reymann den Vorschlag zusammen. Aber: „Letztendlich müssen die Politiker entscheiden, wie niederschwellig die Freigabe wird“.

„Dass Menschen Drogen konsumieren, kann kein Gesetz effektiv verbieten“

Der Suchtmediziner ist generell für die Entkriminalisierung aller Drogen, auch Heroin und Kokain zum Beispiel. „Dass Menschen Drogen konsumieren, kann kein Gesetz effektiv verbieten“, findet Reymann. Um den Schwarzmarkt trocken zu legen, müsse man Wege finden, wie man den Konsum ermöglichen kann, ohne ihn zu verharmlosen.

Für Dr. Reymann und die LWL-Klinik würde jedenfalls die Arbeit deutlich erleichtert werden, wenn die Patientinnen und Patienten nicht noch durch Strafverfolgung gebeutelt werden und nicht mehr zum Dealer auf der Straße müssen. So könnte man sich noch mehr auf das konzentrieren, was sie eigentlich brauchen – Hilfe bei dem Umgang mit ihrer Sucht.

Über den Autor
Reporter
1990 im Emsland geboren und dort aufgewachsen. Zum Studium nach Dortmund gezogen. Seit 2019 bei den Ruhr Nachrichten. Findet gerade in Zeiten von Fake News intensiv recherchierten Journalismus wichtig. Schreibt am liebsten über Soziales, Politik, Musik, Menschen und ihre Geschichten.
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Robin Albers