Dortmunder Musiker im Kultur-Lockdown: „Manche sterben leise“

rnCorona und Kultur

Keine Kultur im November: Das belastet die durch die vergangenen Monate ohnehin schon gebeutelten selbstständigen Künstler. Zwei Dortmunder Musiker erzählen, wie es gerade bei ihnen aussieht.

Dortmund

, 05.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es sind stille Tage für Dortmunder Musiker in diesem November. Das ohnehin nur spärliche Konzertprogramm, das einige im Sommer gerade erst wieder aufgebaut hatten, ist gestoppt. Für die Dortmunder Berufsmusiker Fred Ape (67) und Mercedes „Mephi“ Lalakakis (31) ist das ein weiterer heftiger Einschnitt in einer schwierigen Zeit.

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Lalakakis, die in der Fuzz-Rock-Band Daily Thompson spielt, sagt: „Nach dem ersten Einbruch im März war alles wieder irgendwie OK. Es gab mal hier mal da eine Show. Alles lief sehr vorbildlich ab. Da hatte ich in jedem Supermarkt weniger Abstand.“

Für eine Band wie Daily Thompson sind Nähe und persönlicher Kontakt wichtig

Daily Thompson funktioniert als Band vor allem deshalb, weil das Live-Geschäft so war wie es bis März eben war. Nähe, Energie und persönlicher Kontakt sind ein wichtiger Bestandteil der Bandseele. Und die Gründe dafür, dass aus Dortmunder Proberaumrockern von der Güntherstraße eine Gruppe mit gutem Ruf geworden ist, deren neues Album „Oumuamua“ im renommierten Rolling Stone-Magazin besprochen wird.

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Das Album würden sie ohne die Pandemie nun wahrscheinlich gerade in Clubs irgendwo in Europa promoten. „Jetzt stehen wir wieder vor einem Loch wie am Anfang der Pandemie“, sagt Mephi Lalakakis.

Es fehlen Freunde und Kontakte, die auf die ganze Welt verteilt sind. Es fehlen Einnahmen, die für die drei Musiker von Daily Thompson als GbR überlebenswichtig sind. „Wir kommen durch, wir haben nichts abzubezahlen oder andere Belastungen“, sagt Mephi Lalakakis.

Die schwierige Frage: Jobcenter oder Überbrückungshilfe?

Dennoch sie und ihre Bandkollegen Danny Zaremba und Matthias Glass vor der Frage: Sollen sie sich beim Jobcenter melden oder als Solo-Selbstständiger die Überbrückungshilfe des Staates in Anspruch nehmen?

Ein Problem: Wer Aufstockung vom Jobcenter erhält, hat keinen Anspruch auf Überbrückungshilfe. Vielen hilft nur ein Kredit, der sie dann über Jahre belastet.

Die Veranstaltungsbranche hat zuletzt mit öffentlichen Aktionen die „Alarmstufe Rot“ ausgerufen. Die Dortmunder Musikerin hält das nicht für übertrieben. „Es geht um Techniker, Clubbesitzer, Booker oder Tourbus-Fahrer. Es betrifft jeden in der Branche.“

Dem Dortmunder Fred Ape fehlen in diesem Jahr 60 Konzerte

Fred Ape steht an einem anderen Punkt der Karriere als die Bassistin und Sängerin von Daily Thompson. Er ist nach fast 40 Jahren als Berufsmusiker nicht mehr zwingend finanziell auf die Musik angewiesen. Aber auch der Liedermacher aus Hörde spürt die Belastungen der aktuellen Situation.

Der Liedermacher Fred Ape bei einem Auftritt im Juni bei der Eröffnung des Ruhrhochdeutsch-Festivals in Dortmund.

Der Liedermacher Fred Ape bei einem Auftritt im Juni bei der Eröffnung des Ruhrhochdeutsch-Festivals in Dortmund. © Stephan Schütze (Archiv)

Rund 60 Konzerte sind ihm weggebrochen. Er muss sein gerade erschienenes Album „Bedingungslos“ ohne Live-Auftritte bekannt machen.

„So komisch das klingt: Ich bin froh, dass ich schon so alt bin und nicht in der Position eines talentierten jüngeren Menschen, der denkt, es würde immer so weiterlaufen und jetzt vor dem Nichts steht.“

Sorge um viele talentierte Künstler

Er denkt dabei an die vielen Kabarett-Künstler, die er über Jahre als Programmchef im Cabaret Queue in Dortmund begleitet hat. Ape spricht von einer „Katastrophe“ für Nachwuchskräfte, Schauspieler, freie Theater, Fotografen, oder bildende Künstler.

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„Dieses Sterben ist gar nicht so öffentlich. Manche taumeln richtig, manche sterben leise.“ Noch habe er aber niemanden getroffen, der die Kunst aufgegeben hat. „Jeder sagt, dass er irgendwie klarkommt.“

Der Frust über die Einschränkungen wächst bei vielen Künstlern

Mephi Lalakakis nimmt zugleich bei sich und anderen in ihrem Umfeld ein zunehmendes Unverständnis über die Einschränkungen für Künstler wahr.

„Es kommt einem manchmal vor wie Aktionismus, wenn dann gleichzeitig Gottesdienste erlaubt bleiben. In der Quarantäne drehen dann alle wieder das Radio auf, aber niemand denkt darüber nach, welche Arbeit dahinter steht.“

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