„Fühle mich fremd und vermüllt“: Gerda Horitzky (77) kämpft gegen Verwahrlosung der Nordstadt

rnDortmunder Nordstadt

Gerda Horitzky wurde vor 77 Jahren in der Nordstadt geboren und wohnt noch immer im Haus nebenan. Sie kämpft im Angesicht von Ratten gegen Müll, Lärm und schlechtes Benehmen.

Dortmund

, 06.10.2019, 16:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn sich Gerda Horitzky die Fotos auf ihrem Küchentisch anschaut, packt sie die Wut. Müllhaufen an den Straßenecken, Graffiti an den Wänden und Autos, die mitten in der Kurve parken: „Verboten und unfallträchtig“, schimpft sie. Die 77-Jährige kämpft seit Jahren einen Kampf gegen Windmühlen, sieht ihre geliebte Nordstadt von früher den Bach runtergehen. „Die Verwahrlosung ist so im Gange, das kriegt keiner mehr hin“, sagt sie resigniert.

Gerda Horitzky ist ein Nordstadtkind. Zeitlebens wohnt sie in der Fritz-Reuter-Straße, ist im Nebenhaus geboren. Sie kennt das Quartier aus anderer Zeit, hat seine Veränderung und die wechselnde Nachbarschaft buchstäblich miterlebt. Sie ist in ihrem Mehrfamilienhaus geblieben und hat sich bis heute immer für die Nordstadt engagiert, auch wenn sie sich zunehmend fremd in ihrer Heimat fühlt – „und vermüllt“.

Größtes Problem: schlechtes Benehmen

Das größte Problem der Nordstadt sei nicht die Kriminalität, sagt sie, „sondern neben dem Müll das schlechte Benehmen“. Die Respektlosigkeit, die Achtlosigkeit und die Gleichgültigkeit, der sie an fast jeder Hausecke begegne. Früher habe sie die Leute immer angesprochen, doch das lasse sie heute meist sein. „Die werden frech“.

Auch nachts habe sie keine Ruhe, sagt sie, im Gegenteil, der allabendliche Lärm vom Kiosk an der Hadynstraße gehe nach 22 Uhr erst richtig los, wenn sich dort vor der Tür mehr als zehn Leute träfen.

„Fühle mich fremd und vermüllt“: Gerda Horitzky (77) kämpft gegen Verwahrlosung der Nordstadt

Gerda Horitzky blickt aus dem Fenster nach unten auf die Straße, von woher nächtlicher Lärm bis in ihr Schlafzimmer tönt. © Gaby Kolle

Gerda Horitzky ist eine resolute Frau, findet sich bestens zurecht im Dschungel von Politik und Verwaltung. Sie war Ratsfrau, Bezirksvertreterin und Vize-Bezirksbürgermeisterin, und sie ist Ehrenvorsitzende der CDU des Stadtbezirks Innenstadt-Nord. Sie kennt die zuständigen Personen und hat sich für ihr Quartier beim Ordnungsamt, der Nordwache der Polizei und der EDG eingesetzt.

Ratten fressen Löcher in die Mülltonnen

Das Ordnungsamt hat daraufhin alle Hauseigentümer schriftlich aufgefordert, zur Bekämpfung des Rattenproblems ihre Höfe aufzuräumen. Doch Gerda Horitzky hat das Gefühl, dass nur sie allein gegen die Nagetiere einschreitet, die – angelockt vom Müll – von nebenan kommen und über ihren liebevoll gestalteten Hofgarten huschen. „Mülltrennung kennen die hier alle nicht.“

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Mit „die“ meint sie vor allem die Bulgaren und Rumänen aus den beiden seit 2013 amtlich bekannten Problemhäusern in der Haydnstraße 18-20. Der Müll dort lande nur in den gelben Tonnen und stapele sich rundherum, während die grauen Tonnen leer blieben. Große Löcher in den Mülltonnen zeugten davon, dass sich die Ratten, einmal in die Tonnen gefallen, so wieder herausfressen, sagt sie.

Nordstadt gehört besonders gepflegt

Sie zeigt aus dem Fenster auf einen alten Mann, der in Schlappen und mit einem Müllbeutel aus dem Haus gegenüber kommt und den Abfall in einen öffentlichen Mülleimer an der Ecke wirft. Gerda Horitzky weiß warum: „Die gehen nicht mehr in den Keller, weil der voller Ratten ist.“

Auch Gerda Horitzky ist der Meinung, dass es für Migranten einen Stadtteil zum Ankommen geben muss. Und das ist in Dortmund die Nordstadt. „Dann muss dieser Stadtbezirk aber auch besonders gepflegt werden“, fordert sie. Ja, die Polizei fahre regelmäßig Streife, und die EDG komme täglich vorbei und hole alles weg, räumt sie ein. 5 Tonnen illegaler Müll werden von der EDG pro Tag eingesammelt.

Mal alles liegenlassen

Doch das reiche eben nicht. „Die Nachhaltigkeit fehlt. So etwas kann das ganze Viertel kaputtmachen. Ich habe Angst, dass mir wegen dieser Verhältnisse meine Mieter flöten gehen“, sagt sie. Sie habe der EDG mal vorgeschlagen, alles liegenzulassen. „Aber das dürfen die nicht.“

Ihr Vorschlag: Hausverwaltungen mit einer gewissen Anzahl von Wohnungen sollten verpflichtet werden, einen Hausmeister zu beauftragen, der sich um die Häuser kümmert. „Ich will versuchen, das auf die politische Schiene zu bringen.“ Außerdem will sie mit den Wohnungsgesellschaften Dogewo und Spar- und Bauverein vorschlagen, die Wohnungen zur Hälfte an Deutsche zu vermieten. „Das kann doch nicht so weiter gehen.“

Mit Rassismus habe das nichts zu tun, sagt sie: „Ich mag entweder jemanden leiden oder nicht, da kann er eine Hautfarbe haben, wie er will.“ Wegen eines Kopftuchstreits wurde sie 2014 als Vize-Bezirksbürgermeisterin abgewählt. Ausgangspunkt war ein Streit des Johannes-Hospitals mit einer Kopftuch tragenden Mitarbeiterin. Dazu schrieb sie in einem Leserbrief: „Ich als Nordstädterin würde im Krankheitsfall ins St.-Johannes-Krankenhaus gehen, um mal eine Zeit ohne Kopftücher zu erleben. Das muss im christlichen Abendland möglich sein.“ Für die einen war ihre Islam-Kritik Klartext, für andere ein Eklat.

Gräber verwüstet

Doch Gerda Horitzy blieb und bleibt streitbar. Beschwichtigung ist ihre Sache nicht. Nicht jedem gefällt, was sie tut und sagt. Davon zeugen Nägel in ihren Autoreifen. Auch die Gräber von ihrem Mann und ihrer Mutter auf dem Nordfriedhof wurden verwüstet. Davon hat sie auch Fotos – und beim Betrachten Tränen in den Augen.

Mit dem Masterplan „Kommunale Sicherheit“ will die Stadt solchen Zuständen, wie sie Gerda Horitzky beklagt, gegensteuern. Unter anderem, in dem die Stadt hilft, die Nachbarschaft zu vernetzen und zu stärken. Gerda Horitzky glaubt nicht daran: „Welche Nachbarschaft soll man hier stärken? Das geht gar nicht.“ Ihre Kinder bedrängten sie, der Nordstadt den Rücken zu kehren. Sie seufzt: „Ich glaube, ich verkaufe das Haus doch noch und ziehe weg.“

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