Dortmunder Polizist rettet Frau und Hund aus Höllentalklamm

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Seit seiner Jugend ist der Dortmunder Polizist Lorenz Schnadt ein begeisterter Bergsteiger. Er bestieg sogar 7000er und in diesem Jahr bei minus 45 Grad auch auf den Denali in Alaska. Bei einer Tour auf die Zugspitze rettete der Leiter der Autobahnpolizei eine Frau und einen Hund aus der Höllentalklamm. Jetzt ist eine Suchaktion angelaufen.

DORTMUND / GRAINAU

, 17.10.2015, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei Einsätzen nehmen Polizisten stets die Personalien der Betroffenen. Nach einer anstrengenden Klettertour bis kurz vor den Gipfel der Zugspitze und der abenteuerlichen Rettung während des Abstiegs hatte der erfahrene Bergsteiger und Polizeioberrat nicht nach dem Namen der etwa 60-jährigen Frau aus Düsseldorf gefragt. So viel ist sicher: Die gerettete Labrador-Hündin heißt Cora. Mit diesen Informationen sucht Lorenz Schnadt jetzt die Düsseldorferin. Er will wisssen, wie es den Beiden geht.

Die Faszinationen der hohen Tausender

Der 56-Jährige aus Balve im Sauerland leitet neuerdings die Autobahnpolizei im Regierungsbezirk Arnsberg. Als 16-Jähriger ereilte ihn während einer Skitour im Zillertal der Ruf der Berge. Nach ersten eher unspektakulären Wandertouren zog es den Polizeibeamten nicht nur in die Ferne, sondern auch in die Höhe: 4000er, 5000er, 6000er und 7000er faszinierten ihn immer wieder.

 

Lorenz Schnadt im Eis auf dem 6190 Meter hohen Denali in Nordamerika. Foto: Privat

 

Eine seiner größten Herausforderungen war der Aufstieg auf den früheren McKinsely in Alaska. Den von US-Präsident Barack Obama im August 2015 in seinen urprünglichen Namen "Denali" umbenannten höchsten Berg Nordamerikas bestieg Lorenz Schnadt bei minus 45 Grad. 1500 Bergsteiger versuchen den Aufstieg pro Jahr. 150 kommen an. Alle anderen brechen ab. Oder sterben. Laut bergleben.de gilt der Denali als einer der gefährlichsten Berge der Welt.

Ohne Berge kein Urlaub. So auch im Oktober 2015. Basis für Klettertouren in den Alpen war eine Pension in Garmisch. Am 13. Oktober fuhr der 56-Jährige mit dem Bus nach Hammersbach bei Grainau, um die fast 3000 Meter hohe Zugspitze zu besteigen. Die Tour führt durch die Höllentalklamm. Für den weit gereisten und erfahrenen Bergsteiger ist die "wildromantische Klamm der schönste Weg in den Alpen". Schnadt durchquerte die Klamm am frühen Morgen und erreichte bei 2700 Metern den Gletscher unter der Zugspitze. Dafür brauchte er mehr als vier Stunden. Also hohes Tempo.

Als Einzelgänger auf dem Weg zum Gipfel 

250 Meter unter dem Gipfel des höchsten Bergs Deutschlands musste der Polizeioberrat seine Einzelgänger-Tour abbrechen. "Die letzte Steilwand war zugeschneit. Da konnte ich nicht rauf." Frustriert war er nicht: "Man will zwar nach oben. Aber man muss das Risiko einschätzen und auch über einen Abbruch entscheiden können." So kurz vorm Ziel also der Abstieg. "Eine fiese Geschichte. Denn nach unten hat man keine Augen. Aber das weiß man, wenn man da oben abbricht", sagt Schnadt.

 

Unter dieser Brücke warteten die Frau und die Hündin auf Hilfe. Foto: dpa

 

Auf dem Weg zurück nach Hammersbach im Tal durchquerte Lorenz Schnadt erneut die Höllentalklamm. Eine bei Touristen beliebtes und auch gefährliches Ziel. gegen 17.30 Uhr erreichte der Absteiger eine Brücke, auf der 10 bis 15 Personen diskutierten. "Ich war nach dem Abstieg einfach nur platt und wollte da durch. Dann fragte mich eine Amerikanerin, ob ich ein Seil habe." Denn in der steilen Klamm unter der Brücke waren eine etwa 60 Jahre alte Frau aus Düsseldorf und ein Hund in Gefahr. Die Labrador-Hündin "Cora" war auf einem glitschigen Holzsteg ausgerutscht und abgestürzt. Die Frau kletterte hinterher. Schließlich saßen beide, umgeben vom hinabstürzenden Fluss, in einem Felsen-Trichter fest.

"Erst der Hund. Dann ich. Dann die Frau."

"Runter geht einfacher als rauf", erkannte der Bergsteiger und kalkulierte das Risiko: "Wenn ich da runter gehe, um Frau und Hund zu retten – komme ich dann auch wieder rauf"“ – Schnadt entschied sich für den Abstieg unter dem eine senkrechte Wand überbrückenden Steg. "Erst der Hund. Dann ich. Dann die Frau", lautete sein Plan. "Bei der Polizei lernt man Entscheidungen zu treffen. Das muss auch ein Bergsteiger können." Also stieg Schnadt ab.

Halsband auf Würgen gestellt

Der 56-Jährige mit 40-jähriger Klettererfahrung stellte Coras Halsband "auf Würgen", um sie an der Leine aus dem Trichter zu ziehen, ohne dass das Halsband abrutscht. "Die Frau hat von hinten geschoben." Die Hündin stellte er auf einem kleinen Plateau ab und fixierte die Leine an einem Felsen. Dann zog er die Düsseldorferin heraus. Mit seinen kantigen Bergsteigerschuhen suchte der Retter den richtigen Halt in der Wand, hob den Hund in die Höhe, warf die Leine hinauf und ließ die Hündin von der Amerikanerin hochziehen. "Instinktiv machte Cora richtig mit."

Von einem anderen Stern

Teil 1 des Plans war erfüllt. Teil 2 absolvierte der Kletterer mit Klimmzügen. Er legte sich auf eine Holzbohle und dachte sich über Teil 3: "Jetzt geht nur noch eins: hochziehen, hochziehen, hochziehen." Mit einem Arm zog der durchtrainierte Polizist (demnächst Polizeidirektor) die Frau auf sicheres Terrain. Für wenige Sekunden "baumelte sie frei über der wilden Klamm. Überlegen durfte die nicht, was sie da gerade macht. Wenn sie auch nur einen Augenblick überlegt hätte, hätte sie Angst bekommen. Die durfte nur nicken", sagt Schnadt über seinen Kommando-Ton. Dann: "Nebeneinander lagen wir auf der Bohle. Sie hat mich angeguckt, als wäre ich von einem anderen Stern. Erst da hat sie begriffen, dass alles gut ist."

Ein Polizist muss entscheiden

Längst ist Lorenz Schnadt an seinen Arbeitsplatz im Dortmunder Polizeipräsidium zurückgekehrt. Tiefenentspannt sagt er: "Ein Polizist lernt das Entscheiden. Wer lange Polizist ist, kann das besonders gut. Entscheiden muss man auch am Berg." Normalerweise fragen Polizisten in Einsätzen nach Personalien. Doch in dem Moment war Schnadt nur Bergsteiger. Nach der Rettungsaktion packte er seinen Rucksack und stiefelte ohne einen Namen zurück ins Tal, vorbei an der ihm entgegen kommenden Bergwacht.

Jetzt sucht Schnadt die Düsseldorferin und Hündin Cora. "Ich will einfach nur wissen, wie es den Beiden geht."

Sollte die Düsseldorferin diesen Text lesen oder jemand sie kennen: Lorenz Schnadt bittet um Anruf bei der Dortmunder Polizei unter Tel. 0231 / 1 32 0.

 

 

Hier wurden die Frau und der Hund gerettet:

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