Mit Video: Dortmunder stellt Visiere gegen Corona mit 3D-Druckern her

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Überall fehlt Schutzausrüstung. In privater Initiative treten Tüftler wie Arne Schuch gegen den Mangel an und produzieren am laufenden Band Visiere für Kliniken oder Praxen – mit 3D-Druckern.

Dortmund

, 11.04.2020, 17:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit Arne Schuch vor etwa zwei Wochen auf die Internetseite „Maker vs Virus“ (Macher gegen das Virus) stieß, hat er neben seinem eigentlichen Beruf als SAP-Logistikberater noch einen zweiten Job. Er füttert im Keller seines Wohnhauses in Brechten nicht nur seine drei 3D-Drucker unermüdlich mit PETG-Kunststoff, er koordiniert auch die Arbeit der anderen Tüftler und Technikbegeisterten in Dortmund.

Gut 30 sogenannter Face Shields, die in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Pflegeheimen die Ansteckungsgefahr mindern sollen, stellt Arne Schuch pro Tag her. Seine 3D-Drucker sind im Dauereinsatz. „Alleine könnte ich dennoch nicht viel bewegen. Es werden Tausende solcher Visiere gebraucht“, sagt der 52-Jährige.

Wie gut, dass Arne Schuch auch längst nicht alleine ist. Er steuert bei „Makers vs Virus“ die Ortsgruppe für Dortmund – mit inzwischen 80 Produzenten. „Alle zusammen kommen wir – ganz grob geschätzt – auf bis zu 1000 Visiere pro Woche“, sagt Arne Schuch.

Video
Arne Schuch zeigt, wie die Face Shields hergestellt werden

Ärzte, Zahnärzte, Pfleger oder Physiotherapeuten - alle benötigen dringend Schutzausrüstung, um sich nicht mit dem Coronavirus zu infizieren. Ein Visier ist ein einfaches Utensil. Es besteht aus einem Stirnreif, einem Gummiband und einer gebogenen, transparenten Kunststoff-Folie.

Arne Schuch bezeichnet seine Visiere bewusst nicht als „Schutzvisiere“. Er spricht von Spuckmasken. Denn: dass die Produkte der Marke Eigenbau tatsächlich vor dem Coronavirus schützen, kann nicht garantiert werden.

„Es gibt ja keine Qualitätsprüfung, die Visiere sind nicht sterilisiert und es gibt ganz unterschiedliche Qualitäten. Unsere Visiere beispielsweise sind nicht für den medizinischen Einsatz bestimmt. Sie können aber gut von Reinigungskräften oder Haustechnikern in Krankenhäusern oder auch von Krankenhausbesuchern genutzt werden“, so Arne Schuch.

Knapp zwei Stunden benötigt dieser 3D-Drucker, um ein Stirnteil für ein Visier zu fertigen. Gefüttert wird er mit einem Kunststoff-Faden, der von einer Rolle kommt.

Knapp zwei Stunden benötigt dieser 3D-Drucker, um ein Stirnteil für ein Visier zu fertigen. Gefüttert wird er mit einem Kunststoff-Faden, der von einer Rolle kommt. © Peter Wulle

Knapp zwei Stunden lang fährt die heiße Nadel eines seiner 3D-Drucker mit dem Kunststofffaden von der Rolle auf einer gleichmäßig erhitzten Platte einen immer gleichen, vorprogrammierten Kurs. Seit Jahren schon sind die Geräte handelsüblich und keine Science Fiction mehr. Es sind quasi moderne Werkbänke. Schon ab 200 Euro, sagt Arne Schuch, sind die Drucker erhältlich.

Materialbeschaffung für Visiere wird schwieriger

Wenn seine drei „Kellerkinder“ jeweils ein Stirnteil fertiggestellt haben, prüft er diese kurz, glättet eventuelle Kanten und im Handumdrehen sind die Gummibänder angebracht und die leicht gebogenen Folien angesteckt. „Die Folien beziehen wir fertig geschnitten. Sie zu bekommen wird inzwischen ein bisschen schwieriger, aber wir haben da unsere Quellen. Genauso auch beim 3D-Printer-Filament. Davon kaufen wir inzwischen einige hundert Kilo ein und gucken nach dem günstigsten Preis“, sagt Arne Schuch – und man merkt, dass er als Logistikberater in seinem Element ist.

Er kümmert sich nicht nur um den Materialeinkauf, sondern auch um die Warenverteilung. Selbst beliefert er vor allem das Klinikum Dortmund, zu dem er über eine Bekannte, die dort arbeitet, Kontakt aufgenommen hat.

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Über Hunderte Visiere aus Brechten hat man sich im Klinikum bereits gefreut. Dr. Frank Hünger, der dortige Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene und klinische Mikrobiologie, betont den Nutzen und die Notwendigkeit der Gesichtsschilde: „Den rein mechanischen Spritzschutz vor Tröpfchen, die bei der Ausatmung, beim Sprechen, beim Husten oder Niesen oder auch bei therapeutischen oder diagnostischen Maßnahmen vom Patienten abgegeben werden, kann man durch solche Visiere erreichen.“

Für das Personal in den Häusern des Klinikums Dortmund sei das private Engagement von Arne Schuch und seinen Mitstreitern von großer Bedeutung. „Da Visiere derzeit auch auf dem Markt vergriffen sind, diese aber desinfiziert werden können, kann der Schutz von Mitarbeitern durch den Einsatz dieser vor Ort produzierten Visiere nachhaltig verbessert werden“, sagt Dr. Hünger.

Die Visiere werden zum Selbstkostenpreis abgegeben

Es werden noch viele weitere Gesichtsschilde gebraucht. Und Arne Schuch verdient sich auf keinen Fall eine goldene Nase. Nein, er legt Wert darauf, dass er rein gar nichts mit den Visieren verdient und sie zum Selbstkostenpreis liefert. 5 Euro pro Stück kostet die stabilere Variante, 3,50 Euro pro Stück die leichte. „Und ich gehe davon aus, dass unsere Abnehmer bald gar nichts mehr bezahlen müssen und wir die Produktion über Spenden finanzieren können“, sagt Arne Schuch.

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Der gebürtige Recklinghäuser war nicht immer Logistikberater, sondern arbeitete zunächst als Schlosser im Bergbau und studierte dann Maschinenbau. „Daher rührt meine Technikbegeisterung. Ich hab für meine Freizeit immer nach was Handfestem gesucht und mir vor zwei Jahren schließlich den ersten 3D-Drucker geholt“, erzählt er.

In der Corona-Krise hat es dann nicht lange gedauert, bis er überlegt hat, wie er seine Technik hilfreich einsetzen kann. „Ich habe mir vier Tage Urlaub und ein Wochenende genommen, um die Produktion und die Organisation aufzubauen“, sagt Arne Schuch.

Spuckmasken aus dem Hochleistungs-3D-Drucker werden auch an der Fachhochschule produziert: Der wissenschaftliche Mitarbeiter Matthias Krause demonstriert hier, wie die komplette Haube nach dem Zusammenbau in den Kliniken aussehen wird.

Spuckmasken aus dem Hochleistungs-3D-Drucker werden auch an der Fachhochschule produziert: Der wissenschaftliche Mitarbeiter Matthias Krause demonstriert hier, wie die komplette Haube nach dem Zusammenbau in den Kliniken aussehen wird. © Fachhochschule Dortmund

Wahrscheinlich wird es gar nicht mehr lange dauern, bis er sich wieder ganz auf seinen Hauptberuf konzentrieren kann. Firmen und Institute schicken sich an, mit einer Massenproduktion die Privatinitiativen zu überholen. „Das Fraunhofer Institut fertigt auch 500 bis 1000 Visiere pro Woche. Und wenn Firmen diese bald mit Spritzgusstechnik produzieren, geht das auch viel schneller, als wir es können“, sagt Arne Schuch.

Auch die Fachhochschule produziert Visiere

Auch an der Fachhochschule Dortmund läuft die Produktion von Visieren auf Hochtouren. Rund 300 Sets werden dort pro Woche hergestellt, teilt der Fachbereich Maschinenbau mit. Ein Druckauftrag mit 80 Face Shields dauere elf Stunden – in einem Hochleistungs-3D-Drucker.

„Im Unterschied zu einfachen Masken können Visiere länger eingesetzt, desinfiziert und wiederverwendet werden“, benennt der wissenschaftliche Mitarbeiter Paul-Andreas Mauer seine Motivation und die seiner Mitstreiter.

Egal, wie schnell das Netzwerk der privaten Tüftler nicht mehr gebraucht wird, für Arne Schuch muss es eine Zukunft haben: „Wir haben in dieser Krise eine echt tolle Organisation aufgebaut. Die wollen wir nicht einstampfen. Wir müssen gucken, wie wir die auch in Zukunft nutzen.“

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