Dortmunder Unternehmen will Cannabis anbauen

Für medizinische Nutzung

Oscar Kuhls Bruder Sascha litt an Magen-Darm-Krebs, selbst Morphium linderte seine Schmerzen nicht mehr. Was ihm half und neue Lebensqualität brachte, war Cannabis. 2012 starb Sascha Kuhl, sein Bruder weiß aber noch gut, wie sehr Hanf ihm geholfen hat: Daher will er nun mit zwei Dortmunder Geschäftspartnern medizinischen Hanf importieren und später selbst anbauen.

DORTMUND

, 30.01.2017, 02:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Dortmunder Unternehmen will Cannabis anbauen

So wie auf dem Tablet könnte die Produktionsstätte für Medizinalhanf einmal aussehen, die (v.l.) Oscar Kuhl, Kevin Lange (Social-Media-Mitarbeiter), Ricardo Pendon und Walter Crispin aufbauen wollen. In den Tütchen, die Crispin in den Händen hält, befindet sich Hanfblüten-Tee.

Der Deutsch-Niederländer Kuhl lernte Walter Crispin kennen, der in Dortmund eine Firma für Lichtdesign hat. Sie gründeten das Unternehmen „Hanfpassion“, als Dritter ist der Dortmunder Ricardo Pendon dabei. Bislang haben sie 50.000 Euro investiert. Ab Februar wollen sie in Österreich Hanf als Zierpflanze anbauen – das ist dort legal. Via Onlineshop sollen Hanfprodukte wie Tee und Öl europaweit angeboten werden – auch das ist legal.

Zudem wollen sie Lizenzen für den Import und für den Anbau von Medizinalhanf erhalten, der Schwerkranken helfen kann. „Wir wollen die Welt ein kleines bisschen besser machen“, sagt Oscar Kuhl. Und jenseits des schlechten Images der Droge Cannabis auf die Heilpflanze Hanf hinweisen. Aber, klar, räumt er ein: „Wir machen das auch, um Geld zu verdienen.“

Gesetz macht es möglich

Ein am 19. Januar im Bundestag einstimmig beschlossenes Gesetz ist die Voraussetzung dafür, dass der Anbau von Medizinalhanf in Deutschland eine Perspektive haben kann. Durch das im März in Kraft tretende Gesetz können Ärzte schwerkranken Patienten, die etwa an Multipler Sklerose oder Krebs leiden, Cannabis verschreiben. Das erhalten bisher bundesweit per Sondergenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nur 1020 Patienten. Sie zahlen meist selbst.

Künftig können Ärzte Patienten ohne Sondergenehmigung Cannabis verschreiben, „wenn ihnen nicht anders wirksam geholfen werden kann“ (O-Ton Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe). Wenn es also keine Behandlungsalternativen gibt. Die Kosten sollen die Krankenkassen übernehmen. Das BfArM richtet eine „Cannabisagentur“ ein, die sich um den Import von Cannabis-Arzneimitteln kümmert und sie an Arzneimittelhersteller, Großhändler und Apotheken verkauft. Und: Die Agentur wird je nach Bedarf Aufträge/Lizenzen für den staatlich kontrollierten Anbau von Medizinalhanf vergeben.

Produktion im Großraum Dortmund

Die Inhaber von „Hanfpassion“ wollen eine Lizenz haben; sie gehen davon aus, dass sich bundesweit fünf bis zehn Firmen bewerben. Das BfArM äußerte sich auf Anfrage zu der Zahl nicht. Auch nicht dazu, wann das Ausschreibungsverfahren beginnt. Kuhl & Co. rechnen mit einer Ausschreibung ab Ende 2017, und damit, in zwei bis zweieinhalb Jahren produzieren zu können. Das Trio will seine Anlage zur Produktion im Großraum Dortmund einrichten. Dort würden rund 25 Jobs entstehen, etwa für Chemiker, Botaniker, Mediziner.

Pendon rechnet mit 600.000 bis 1,2 Millionen Euro Kosten. Im April soll online ein „Crowdinvesting“ starten: eine Finanzierungsform, bei der sich viele Personen beteiligen können. Wenn er von der Geschäftsidee erzählt, das räumt Pendon ein, lachen viele erstmal: „Die Leute haben Regenbogenfarben und jemanden mit Rasta-Frisur vor Augen.“ Erklärt er das Geschäft, wecke er aber schnell Interesse. Die Unternehmer rechnen sich bei der Finanzierung daher gute Chancen aus.

Fraglich ist indes, wie viele Patienten künftig Cannabis erhalten. Hanfpassion rechnet mit mehreren Millionen. Eine offizielle Schätzung dazu gibt es nicht. Der Hörder Allgemein- und Suchtmediziner Dr. Jürgen Huesmann ist gegen die generelle Freigabe von Cannabis.

Auf den Wortlaut des Gesetzes komme es an 

Zum Einsatz bei Schwerkranken sagt er: „Wenn alles andere ausprobiert ist, warum sollte das nicht ausprobiert werden?“ Er weist aber darauf hin, dass laut Gesetzentwurf Cannabis eben nur verschrieben werden kann, wenn andere therapeutische Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Es komme letztlich auf den Wortlaut des Gesetzes an. Er sagt: „Es ist ein langer Weg für Patienten zu Cannabis.“ Auch die Krankenkassen würden sich genau ansehen, ob alle anderen Alternativen ausprobiert wurden.

Huesmann hat aktuell zwei Patienten mit einer Sondergenehmigung für Cannabis-Medikamente. Wie vielen Patienten er künftig Cannabis verschreiben könne und werde, das bleibe abzuwarten. 

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