Zweieinhalb Wochen lag Jeanette O. auf der Covid-Intensivstation eines Dortmunder Krankenhauses. Ihr Vater wurde zeitgleich im Zimmer nebenan behandelt. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Corona-Pandemie

Dortmunderin liegt auf der Covid-Intensivstation – nebenan stirbt ihr Vater

Zweifach trifft Corona eine Dortmunder Familie: Vater und Tochter erkranken schwer, der Vater verliert den Kampf gegen die Infektion. Seine Tochter berichtet von der tragischen Zeit in der Klinik.

„Wir haben uns gar nicht so Gedanken gemacht“, sagt Jeanette O. über den Moment, in dem das Corona-Virus über das Leben ihrer Familie hereinbricht. Sie und ihr Vater fühlen sich „nicht so gut“, haben ein bisschen Fieber. Nicht jedes Unwohlsein ist Corona, es wird doch nicht so schlimm sein. Oder?

Wenige Tage später liegen die 28-Jährige und ihr Vater Corona-positiv auf der Intensivstation. Knapp drei Wochen später ist ihr Vater tot.

Über fünf Monate ist das her. Die Fassungslosigkeit, wie heftig das Virus die Familie getroffen hat, bleibt. Was damit zusammenhängen mag, wie harmlos die Erkrankung beginnt – und wie schnell sie sich verschlechtert.

Freiwillige Quarantäne, positiver Corona-Test

„Am Karfreitag ging es meinem Vater nicht so gut“, erzählt die Dortmunderin. Man habe aber nicht automatisch an Corona gedacht. Als sie sich selbst aber auch nicht gut fühlt, über Nacht Fieber bekommt, „wollte ich vorsichtig sein.“ Sie begibt sich in Quarantäne, lässt sich testen.

Zwei Tage später ist das Ergebnis da. Positiv. Auch ihr Vater lässt sich testen. Positiv. Ihm geht es mittlerweile so schlecht, dass er sich ins Krankenhaus bringen lässt.

„Ich war völlig hilflos“

Seine Tochter versucht es noch eine Weile zu Hause, aber dann geht es nicht mehr: „Ich kam irgendwann nicht mehr aus dem Bett, jeder Schritt hat mich so viel Kraft und Luft gekostet, ich habe eine halbe Stunde für die vier Meter ins Bad gebraucht“, erzählt die junge Frau, die mit einem Risikofaktor, der die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs wahrscheinlicher macht, vorbelastet ist. Welcher genau das ist, möchte sie nicht öffentlich angeben.

Drei Tage nach ihrem Vater wird Jeanette O. in ein Dortmunder Krankenhaus gebracht. Noch in der Notaufnahme zieht eine Ärztin aufgrund des identischen Nachnamens die Verbindung zu ihrem Vater. Er liegt auf der Intensivstation.

Auch seine Tochter wird hier untergebracht, direkt im Zimmer nebenan. Über eine Maske bekommt sie Sauerstoff. „Ich war völlig hilflos, konnte gar nichts.“ Am zweiten Tag auf der Intensivstation erzählt ihr das Pflegepersonal, dass ihr Vater ins Koma gelegt wurde. „Er war nicht so stabil, hieß es.“

Nachricht vom Tod des Vaters: „Wie im Film“

Die 28-Jährige selbst kommt knapp um eine invasive Beatmung herum: „Der Oberarzt hat mir später gesagt, dass ich kurz davor war, ins Koma gelegt zu werden. Aber ich habe noch die Kurve gekriegt.“

Die starken Medikamente lassen sie vor sich hindämmern. „Ich habe fast den ganzen Tag geschlafen.“ In diesem Zustand erreicht sie die Nachricht, dass sich der Zustand ihres Vaters verschlechtert hat. „Sie haben mir gesagt, dass er es nicht schaffen wird.“

Am nächsten Tag verliert der 59-Jährige den Kampf gegen die Corona-Infektion. Er stirbt. Wie genau sie davon erfährt? So richtig kann seine Tochter es nicht beschreiben. Das Pflegepersonal drückt sich sehr vorsichtig aus, die Medikamente tun ihr Übriges. „Ich weiß es nicht mehr genau. Es kam gar nicht so richtig an, ich dachte, ich bin im Film.“

„Leider verstarb während des stationären Aufenthalts der Vater der Patientin auf unserer Intensivstation, die Patientin wurde über den Verlauf aufgeklärt“, steht später in den Entlasspapieren.

Abschied und Trauer in Isolation

Was Jeanette O. noch weiß: Das Pflegepersonal ermöglicht ihr nach seinem Tod einen Abschied. Im Rollstuhl und mit Sauerstoffversorgung schieben sie die junge Frau ans Bett ihres Vaters. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die zu Hause in Quarantäne ist, kann sie ihn ein letztes Mal sehen.

Die Trauer muss sie trotzdem überwiegend mit sich selbst ausmachen. Ein wenig kann sie mit ihrer Mutter telefonieren. Aber selbst noch schwer krank und isoliert auf einem Zimmer der Corona-Intensivstation – es ist ein Abschied, der geprägt ist von den besonderen Härten der Pandemie.

Trotzdem kämpft sich Jeanette O. nach und nach zurück – es gibt Fortschritte, allerdings sehr langsam. Zweieinhalb Wochen liegt sie auf der Intensivstation, dann noch eine knappe Woche auf der normalen Covid-Station.

Mit Sauerstoffgerät unter der Dusche

„Alleine duschen oder mich anziehen – das ging einfach nicht. Aber ich habe versucht, immer selbstständiger zu werden.“ Schließlich schafft sie es, sich alleine zu duschen – „im Sitzen, mit Sauerstoffgerät“.

Eigentlich wohnt sie alleine, daran ist nach dem langen Krankenhausaufenthalt aber nicht zu denken. Mit Rollstuhl und Sauerstoff wird sie entlassen. „Ich bin erstmal zu meiner Mutter gezogen. Ich war auf ihre Hilfe angewiesen.“

Der Weg zurück in den Alltag ist beschwerlich, beschreibt sie: Bis Mitte August ist die Sachbearbeiterin krankgeschrieben, dann startet die Wiedereingliederung.

Nachwirkungen noch ein halbes Jahr später

Jetzt, fast ein halbes Jahr nach der Erkrankung, arbeitet Jeanette O. wieder voll – aber die Folgen der Infektion spürt sie noch immer. Von der körperlichen Belastbarkeit schätzt sie sich „vielleicht auf 80 Prozent.“

Sie hat viele Haare verloren, Sauerstoff braucht sie zwar nicht mehr, aber Luftnot kommt noch vor. „Und ich habe ein Kribbeln in Händen und Füßen, wie wenn Ameisen darüber laufen, meistens dann, wenn ich zur Ruhe komme.“

Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwäche – „das sind normale Folgen“, sagt die Dortmunderin ganz sachlich. Eine Prognose, wann es besser werde, habe ihr niemand gegeben. Damit hat sie sich arrangiert. „Ich bin dankbar, dass ich überhaupt überlebt habe.“

Über die Autorin
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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will