Dortmunderin wird bei der Jobsuche diskriminiert

Mediengestalterin Vivien Greve

Vivien Greve hat zig Bewerbungen verschickt. An Firmen in ihrer Heimat Dortmund, an solche in der Region, in Berlin, in Hamburg. Rückmeldungen kamen wenige, dann endlich durfte sie Probe arbeiten. Nach zwei Tagen habe der Chef gesagt: "Deine Arbeit ist super - wenn das mit dem Stock nicht mehr ist, kannst du gerne wiederkommen."

DORTMUND

, 07.05.2017, 03:22 Uhr / Lesedauer: 2 min
Dortmunderin wird bei der Jobsuche diskriminiert

Ja, Vivien Greve trägt eine Ganzbeinorthese. Und ja, sie benutzt einen Stock zum Gehen. Als Mediengestalterin kann und will sie trotzdem arbeiten. Hier zeigt sie einen von ihr gestalteten Flyer.

Die 21-Jährige wusste nicht, was sie sagen sollte; nur, dass sie nicht wiederkommen würde. Am Stock geht sie, weil ihr linker Oberschenkel gelähmt ist. Der Arbeitgeber, der die junge Frau so offen diskriminiert haben soll, sitzt nicht in Dortmund. Es gehe ihr ohnehin nicht darum, jemanden anzuprangern, sagt Vivien Greve. Sondern darum, auf die Probleme von Menschen mit Behinderung – Menschen wie ihr – aufmerksam zu machen.

Unfall beim Tanzen

Vor drei Jahren hatte sie einen Unfall beim Tanzen: Beim Sprungspagat sprang die Kniescheibe heraus, seit der anschließenden Knie-OP ist ihr linker Oberschenkel gelähmt, er steckt in einer Ganzbeinorthese. Obwohl die 21-Jährige viel Unterricht verpasste, schloss sie im Sommer 2016 souverän ihre Ausbildung zur Mediengestalterin ab. Im Büro, am Computer, könne sie ohne Probleme arbeiten, erzählt die junge Frau, Fotografieren könne sie auch ohne Stock, Auto fahren dank Automatik. Ein spezieller Stuhl bei der Arbeit, ja der wäre hilfreich – „aber das ist kein Muss, das ist Luxus.“

Alles, was Vivien Greve möchte, ist: arbeiten. Sie bildete sich im Bereich Crossmedia fort, schrieb Bewerbungen – und erfuhr dann die eingangs geschilderte Ablehnung. Ihrer Mutter Kirstin geht es natürlich zuerst um ihre Tochter, aber nicht nur. Sie sagt: „Es gibt so viele Leute mit Handicap. Dass die immer noch behandelt werden wie Menschen zweiter Klasse, das darf doch nicht sein!“

Bei der Arbeitsagentur Dortmund wird Vivien Greve von einem speziellen Integrationsteam betreut. „Das ist klasse“, sagt sie selbst. Erfolgreich vermittelt werden konnte sie allerdings auch mit dieser Hilfe bisher nicht. Auf die Vorbehalte von Arbeitgebern gegenüber Menschen mit Behinderung angesprochen, teilt ein Sprecher der Arbeitsagentur mit: „Unsere Erfahrungen mit Unternehmen bei der Einstellung von Menschen mit Behinderungen sind überwiegend positiv.“

Flächendeckendes Problem

Das klingt gut. Fragt man jedoch Vermittler, wissen die gleichwohl um die oftmals großen Vorbehalte von Arbeitgebern. „Die werde ich nie mehr los“, „Die sind doch dauernd krank“, „Nicht belastbar“, lauten gängige Bedenken. Manuel Salomon ist Jurist beim in Dortmund ansässigen Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Arnsberg, einer Anlauf- und Koordinierungsstelle bei Fragen zu Behinderung und Beeinträchtigung.

Eine so direkte Diskriminierung wie bei Vivien Greve „habe ich selten erlebt“, sagt Salomon. Aus der Beratung wisse er aber, dass Vorbehalte und Ablehnung bei Arbeitgebern gegenüber Menschen mit Handicap keine Ausnahme seien, sondern eher flächendeckend vorhanden. Auch Vivien Greve hat in den vergangenen drei Jahren andere Menschen mit Behinderung kennengelernt, die ähnliche Erfahrungen bei der Jobsuche zu berichten hatten.

Arbeitsagentur unterstützt

„Man muss die Leute mal wachrütteln“, sagt Viviens Mutter Kirstin Greve. Sie verstehe ja die Bedenken der Arbeitgeber, „aber die müssen das doch mal ausprobieren und den Menschen eine Chance geben.“ Zumal die Arbeitsagentur Unternehmen bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung finanziell unterstützen kann.

Bei der sogenannten Probebeschäftigung können Unternehmen und Mitarbeiter sich im Betrieb gegenseitig kennenlernen – die Lohnkosten können bis zu drei Monate erstattet werden. Diese Probebeschäftigung hält auch Manuel Salomon für einen guten Weg, um Fähigkeiten zu testen und Vorurteile abzubauen. 

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